Auf Entdeckungsreise im grünen Nordosten der Türkei

Sun-downer an der Küstenbar, Ballonfahrt im märchenhaften Binnenland oder doch lieber Bildungsreise zu den unzähligen geschichtsträchtigen Orten der Türkei? In diesem Jahr entscheiden wir uns für eine eher unbekanntere Region: Wir wollen die „wunderbar grüne“ Küste am Schwarzen Meer entdecken.

Wir fliegen nach Trabzon, der letzten großen Stadt vor der georgischen Grenze im Nordosten des Landes. Wie ein Riegel erstreckt sich das Pontische Gebirge entlang der Küste des Schwarzen Meeres. Hinter Trabzon erreicht es in den Kaçkar-Bergen seine höchsten Höhen. Wenn die Winde von Norden kommen, was häufig der Fall ist, müssen sie hier aufsteigen und ihre feuchte Last fallen lassen. Eine herrliche grüne Landschaft ist das Resultat: überall Wälder, üppige Flora und am Ende der Winterzeit reißende Bäche. Davon hatten wir gehört und gleichzeitig gehofft, dass die Niederschläge nicht gerade dann fallen würden, wenn wir unterwegs sind.

Na ja, wie das im Leben so ist: Mal hatten wir Glück mt dem Wetter und konnten die Spitzen der fast 4000 m hohen schneebedeckten Berge sehen, mal sind wir im dicken Wolkennebel stecken geblieben.

Unsere erste richtige Überraschung aber war etwas ganz anderes: nämlich die völlig unerwartete Reisebegleitung auf dem Flug nach Trabzon. Da waren wir nämlich umringt von reisefreudigen Touristen aus den Golfstaaten, die nicht nur Istanbul, sondern – „zum Abkühlen“ – auch ein paar Tage in den feuchten Bergen an der Schwarzmeer-Küste erleben wollen. Und so trafen wir sie dann überall, im Gebirge, in Burgen und Klöstern, ebenso wie auf den Almen in Ayder oder am Uzungöl, dem Schwarzwaldpanorama der Türkei.

Wir beginnen unseren ersten Reisetag im Zentrum von Trabzon im Meydan Parkı unter den schattigen hohen Bäumen und sehen dem bunten Treiben zu. Uns erkennt man natürlich sofort als Fremde und so werden wir nach wenigen Schritten auf Deutsch angesprochen und ins Gespräch verwickelt. Auch wenn man sich entschlossen hat, im Rentenalter wieder in die alte Heimat zurückzukehren, haben die vielen Arbeitsjahre in Deutschland doch Spuren hinterlassen. Und so begegnen wir uns wie unter Freunden aus unserer „gemeinsamen Heimat“ Deutschland.

Durch die geschäftige Fußgängerzone finden wir unseren Weg zur kleinen St. Anna-Kirche. Sie wurde in byzantinischer Zeit errichtet und ist die älteste noch erhaltene Kirche der Stadt. Vorbei am Bazarviertel geht es weiter zur mittelalterlichen Festungsstadt.

Das mächtige Mauerwerk zeigt noch heute, wie bedeutend die Stadt in ihrer Blütezeit unter dem letzten byzantinischen Kaiserreich von „Trapezunt“ einst gewesen sein muss.

Aus dem 13. Jahrhundert stammt auch die Hagia Sophia weiter westlich auf einem Hügel malerisch über der Schwarzmeerküste gelegen. Mit der Eroberung Trapezunts durch Sultan Mehmet II. im Jahre 1461 bekam die Stadt ihr muslimisches Gesicht. Die Hagia Sophia ist heutzutage Museum und Moschee zugleich. Wir machen eine angenehme Teepause im Garten und beobachten die Jungvermählten, die sich diesen geschichtsträchtigen und romantischen Ort als stilvolle Kulisse für ihre Hochzeitsfotos ausgewählt haben.

Der bevorzugten Lage am Meer verdankt Trabzon seine Bedeutung als Handelsstadt. Längst ist das historische Zentrum allerdings umgeben von ausufernden, uniformen neuen Stadtteilen. Riesige Areale werden niedergerissen, gleichzeitig aber auch weitläufige Freizeitparks für die wachsende Bevölkerung angelegt.

Zweifellos am Schönsten ist es auf dem Hausberg „Boztepe“, von dem man am Abend bei Tee und Wasserpfeife den Sonnenuntergang über der Stadt genießen kann.

Am nächsten Morgen geht es endlich hinein ins Gebirge. Wir fahren durch das teilweise wildromantisch-enge Tal des Altıntaş-Flusses zum berühmten griechisch-orthodoxen Kloster Sumela. 270 m hoch thront es eindrucksvoll über der engen Schlucht. Die meisten Besucher fahren bequem mit dem Auto so weit sie auf der Fahrstraße kommen können. Wir entscheiden uns für den schweißtreibenden Aufstieg am Berg und werden mit immer wieder neuen Ausblicken auf die herrlichen Wälder und die eindrucksvolle Landschaft belohnt. Leider bleibt uns allen der Eingang verwehrt. Die gesamte Klosteranlage, inklusive der Fresken aus der Kreuzritterzeit, ist gerade wegen Restaurierung geschlossen. Enttäuscht drehen wir wieder um und kümmern uns lieber um unser leibliches Wohl und lassen uns am reißenden Altıntaş in einem Forellen-Restaurant nieder. Es sollte nicht das letzte Mal während unserer Reise gewesen sein, denn wo könnte die Gebirgsforelle frischer und köstlicher sein, als entlang der reißenden Gebirgsbäche des Kaçkar-Gebirgsmassivs.

Von der Fahrt entlang der Schwarzmeer-Küste in Richtung georgischer Grenze waren wir eher enttäuscht. Eine breite autobahnähnliche Straße zerschneidet das Land. Selbst im Sommer, wenn die Temperaturen es zuließen, wird es nur wenig Raum für ruhige Strände geben. Ausufernde Bautätigkeit tut ein übriges, um die schöne Naturlandschaft zu beinträchtigen.

Je näher wir der Provinzhauptstadt Rize kommen, desto mehr fallen die Teeplantagen auf. Wie ein dicker Teppich schmiegen sie sich an die Abhänge des Gebirges. Das war nicht immer so. Erst nachdem das Osmanische Reich seine arabischen Kaffeeanbaugebiete verloren hatte, begann man in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Teeanbau entlang der osttürkischen Küste – ein volles Erfolgskonzept! Denn wer kann sich die Türkei unserer Tage ohne den typischen Tee zu jeder Tages- und Nachtzeit vorstellen? Auch wir lassen uns von einem frisch aufgebrühten Tee im Botanischen Garten inmitten der Teeplantagen verwöhnen. Rize ist zum Zentrum des Teeanbaus geworden, weil die natürlichen Bedingungen hier ideal sind. Die hohe Luftfeuchtigkeit und das jahreszeitlich ausgeglichene Klima sorgen für guten Ertrag.

Zu unserer Überraschung ist die Teeproduktion zwar weitgehend in den Händen einer großen staatlichen Firma, doch die Produzenten sind fast ohne Ausnahme Kleinbauern, die ihr Feld in Handarbeit bearbeiten. Wir kamen im Mai gerade rechtzeitig zu Beginn der Erntezeit und konnten uns selbst davon überzeugen, wie mühsam es ist, die kleinen grünen Blättchen mit der Tee-Schere zu schneiden.

Im Firtina-Tal reichen die Teefelder bis weit ins Gebirge hinein. Doch hier leben die Menschen längst nicht mehr alleine vom Tee. Mit dem Tourismus wurden neue Einkommensquellen erschlossen. Als „action tourism“ werden Rafting und Hiking angeboten, und wer es gerne luftig mag, der darf als „flying fox“ durch die Luft schwingen. Hier in und um Çamlıhemşin leben die Hemşinli, eine armenischsprachige ethnische Minderheit muslimischen Glaubens. Frauen in farbenfroher Tracht bieten das typische Produkt der Region an: Honig von den Almen in und um Ayder, dem Ausgangpunkt für geführte Bergwanderungen am Fuße des Kaçkar Daǧı, mit 3932 m der höchste Berggipfel des Pontischen Gebirges.

Leben die Hemşinli im gebirgigen Hinterland so gehören die Küstenregionen mit ihrem Teeanbau zu den traditionellen Siedlungsgebieten der Lasen. Diese urspünglich südkaukasische Ethnie georgisch-orthodoxen Glaubens kam zwar schon im frühen Mittelalter ins Land, gab aber im späten 15. Jahrhundert ihren christlichen Glauben auf und trat zum Islam über.

Sicher sind wir auf unserer Reise vielen Lasen begegnet, doch tragen sie heute keine Tracht mehr und sind deshalb von den ebenso dort lebenden Türken nicht zu unterscheiden.

Eigentlich sind Wege und Straßen gut ausgeschildert, aber manchmal muss man doch fragen. Dann stehen wir plötzlich vor einer freundlichen Bäuerin, die uns verrät, dass sie georgischer Abstammung sei. In den abgeschiedenen Bergtälern nahe der georgischen Grenze scheinen zumindest die älteren Leute noch ihre traditionelle Kleidung zu tragen. Ob es auch dem Einfluss der Georgier zu verdanken ist, dass gerade in dieser Region die Tradition der Holzmoscheen überlebt hat? Man könnte es vermuten. Jedenfalls wird unsere mühsame Fahrt über den wolkenverhangenen Bergpass zu einem unvergesslichen Erlebnis. Am Ende der Straße fühlt man sich an der gut bewachten und geschlossenen Grenze nach Georgien wie am Ende der Welt. Doch dann öffnet man die kleine Holztür der Moschee, und riecht sofort den teerig -schweren Geruch des Holzes, so wie wir ihn von den Stabkirchen Norwegens in bester Erinnerung haben. Wie klein ist unsere Welt!

Wir haben genug von wolkenverhangenen Landschaften an der Küste und fahren einfach auf die andere Seite des Pontischen Gebirges. Dort kommt uns endlich wieder die Sonne entgegen und begleitet uns entlang des Längstals des Çoruh-Flusses. In einem gigantischen Staudammprojekt mit mehr als 15 Staustufen nach Fertigstellung in den nächsten Jahren ertrinkt dort gerade das Talsystem des 438 km langen Flusses. Unglaubliche Baumassnahmen für Staudämme und neue Straßensysteme zerwühlen die Landschaft. Zwischen Artvin und Yusufeli fährt man länger durch Tunnel als auf normaler Straße. Die Türkei braucht Energie und die steht hier in Form von billiger Wasserenergie in großem Ausmaß zur Verfügung. Dennoch ist es ein schrecklicher Anblick, ertrinkt hier doch eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft. Der größte Ort ist Yusufeli (2013: 14.921 Einw.). Wir hatten Glück, konnten die herrliche Lage der Stadt noch bewundern und die Schönheit des Nebenflüsschens Barhal genießen. Dass wir dafür immer wieder über abenteuerliche Hängebrücken-Konstruktionen fahren mussten, hatten wir bei der Reiseplanung allerdings nicht erwartet. Wenn es keine Alternative gibt, schafft man auch das!

Die Landschaft rund um den Çoruh-Fluss ist nicht nur wegen ihres wunderbaren Gebirgscharakters bekannt, sondern auch wegen der vielen Kirchenruinen, die als letzte Zeugnisse des einstigen georgischen Königreiches Tao Klardshetien (7. – 12. Jahrh.) erhalten geblieben sind. Die meisten sind in so jämmerlichem Bauzustand, dass sie vielleicht nicht mehr zu retten sind. Doch in dem winzig kleinen Örtchen İșhan wird das Kloster İșhan gerade restauriert. Schon die Anfahrt über eine gigantische Serpentinenstraße ist grandios. Noch sind die Restaurationsarbeiten nicht abgeschlossen, alleine die wuchtigen Mauern der Kathedrale und herrlichen Verziehungen des Mauerwerks zeugen von ihrer einstigen Bedeutung.

Der Tortum ist ein Nebenfluss des Çoruh und führt hinauf auf fast 2090 m Höhe, dem höchsten Pass unserer Reise. Von dort geht es über die weite Hochebene bis ins nahe Erzurum. Ziemlich gesichtslos empfängt uns die Stadt am Fuße des bekannten Skigebietes am Palandöken. Vielleicht liegt es am verheerenden Erdbeben von 1939, das weite Teile der Stadt zerstört hat? Wir machen uns auf die Suche nach den berühmten Sehenswürdigkeiten aus seldschukischer und osmanischer Zeit. Von der Zitadelle auf dem Altstadthügel hat man einen schönen Überblick über die gesamte Stadt. Leider können wir die volle Schönheit der Çifte Minareli Medrese nur von außen mit einem Blick über die Restaurationsabsperrungen erahnen. Die wunderschönen Verzierungen des Portals und der Minarette aus seldschukischer Zeit (um 1260 n.Chr.) lassen erahnen, welche Bedeutung diese alte islamische Hochschule einmal gehabt haben muss.

Beim typischen Cağ Kebap in einem der kleinen Restaurants, wo die Kellner ohne Nachfrage so viel leckeren Kebab vorbeibringen, wie unser hungriger Magen vertragen kann (und mehr…!), lassen wir die Reise ausklingen. Wir wünschen uns, eines Tages noch einmal zurückzukehren, um zu sehen, wie sich alles verändert hat. Vielleicht gelingt es uns dann, bei Sonnenschein (und nicht im Wolkennebel) auf den Almen des Kaçkar-Gebirges zu wandern.

 

Text und Fotos: Annette Fleck

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