Ausflug nach Çengelköy

An einem sonnigen Montagmorgen im April fahre ich mit der Fähre vom europäischen Ufer hinüber nach Çengelköy. Leuchtend weiß empfängt mich die Fähranlegestelle neben den wunderschönen Yalıs (Sommervillen in Holzbauweise) am Bosporus. Gleich hinter dem Fähranleger laufe ich Edip Çakır über den Weg. In seinem blauen Montageanzug macht er sich an einem der alten Holzhäuser hinter der Fähranlegestelle zu schaffen. Stolz berichtet er, dass er Tscherkesse sei und für ihn das Tscherkessische immer noch Muttersprache sei. Ob die Familie wirklich schon vor 400 Jahren an den Bosprorus kam oder doch erst nach dem Krimkrieg im Jahre 1864, als ca. 90 % dieser kaukasischen Volksgruppe ihre Heimat verlassen mussten, haben wir nicht weiter zu klären versucht. Wir wünschen uns „viel Glück in der Fremde“ und ich gehe weiter zum großen Dorfplatz direkt nebenan.

Herrliche alte Platanen spenden dort Schatten für einen geruhsamen Morgenbeginn. Nebil Hanim strickt für ihre Enkeltochter, daneben werden die neuesten Nachrichten gelesen oder es wird beim Tee mit Freunden geplauscht.

Gleich gegenüber befindet sich die Griechisch-Orthodoxe Kirche vom Heiligen Georg. Sie hatte sicher eine besondere Bedeutung für Çengelköy – so wie es in vielen anderen Orten entlang des Bosporus war, wohin die christlichen Kirchen und ihre Gläubigen sich nach der Eroberung von Byzanz durch die Osmanen im Jahre 1453 zurückgezogen hatten. Hinter dicken Mauern verborgen, gewährt die Kirche dem Besucher nur noch durch einen „Knopfdruck“ den Einlass ins Innere des Kirchengeländes.

Ich setze meinen Weg durch die historischen, engen Gassen von Çengelköy fort. Dilek Hanım kann sich noch daran erinnern, wie sie als Kind vor diesem wunderschönen alten Holzhaus gespielt hat. Leider sind die Besitzer verstorben und nun wird das Haus – mittlerweile in städtischen Händen  – sich selbst überlassen. Besser ist es da manch anderen Gebäuden ergangen, deren Verfall gestoppt werden konnte. Sie locken heutzutage neue Besucher an.

 

Mein Weg führt mich wieder zurück in Richtung Wasser. Dazu muss ich die geschäftige Hauptstraße überqueren, auf der es eigentlich immer Verkehrsstau gibt. Entweder, weil der Durchreisende den direkten Weg auf der Weiterfahrt zu den anderen Bosporusdörfern wählt, oder weil der Einheimische die Konsummöglichkeiten des Dorfes sucht.

Wer Çengelköy im Reiseführer sucht, wird meist nicht fündig. Es gibt hier keine herausragenden Sehenswürdigkeiten. Dennoch ist das ehemalige Fischerdorf unter den Einheimischen bekannt für seine guten Einkaufsmöglichkeiten und die entspannte Freizeitatmosphäre am Wasser. Der Bäcker wirbt mit seiner langen Tradition und überhaupt sollen die kleinen, kurzen Gürkchen des Ortes die besten der ganzen Umgebung sein; sie werden überall angeboten. Ob sie allerdings immer noch aus den Gärten im Hinterland kommen oder doch vom Großmarkt, das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall stammte der Kopfsalat von Fatimah Hanım tatsächlich aus ihrem Garten und war der köstlichste, den wir in letzter Zeit gegessen haben. Fatimah bot ihr überschaubares Sortiment auf dem großen Straßenmarkt an, der jeden Montag eine unglaubliche Vielfalt an frischen Obst- und Gemüsesorten darbietet. Doch nicht nur die Einheimischen, auch die neuen Gäste aus den arabischen Staaten, die sich in den feinen Häusern der Umgebung einquartiert haben, kommen zum Einkauf vorbei.

 

 

Wenn man „exotisch helle“ Haare hat und freundlich dreinschaut, dann wird man auch schon mal besonders höflich und eindringlich aufgefordert, doch den guten Tee und – „völlig unverbindlich“ –  die köstlichen Trocken-früchte des Naturkostladens zu probieren.

Wer kann da widerstehen – und mit leerem Rucksack weiterziehen? Gut, dass mein Türkisch für die Auslage des Open-air-Buchladens dann doch zu dürftig ist. Sonst hätte ich auch noch bei Ahmet Bey einkaufen müssen….

 

„Çengelköy“ heißt auf Türkisch wörtlich übersetzt „Hakendorf“.

Waren es die Kapitäne mit ihren Ankern oder die Piraten mit ihren hakenförmigen Armprothesen, die dem Dorf diesen Namen gaben? Zumindest weiß der berühmte osmanische Reiseschriftsteller Evliya Çelebi im 17. Jahrhundert zu berichten, dass man nach der Eroberung von Byzanz in einem geheimen Versteck einen großen Vorrat an Haken gefunden habe. Dass die hakenförmige Uferfront des Bosporus hier schon von jeher beste Voraussetzungen für einen geschützten kleinen Hafen geboten hat und somit stets Fischer und Seefahrer dort ihr Glück versucht haben, scheint plausibel.

 

 

Die Besucher von heute interessiert diese Geschichte wahrscheinlich eher weniger. Wenn sie nicht wegen des Einkaufs kommen, dann auf jeden Fall wegen der wunderbaren „Vergnügungsfront“ entlang des Wassers. Die alten Yalis, in denen einst berühmte Mitglieder des osmanischen Hofes wohnten, sind leider nicht zu besichtigen. Wer aber in einer der Lokalitäten rund um das Gartenrestaurant „Çengelköy Tarihi Çınaraltı Aile Çay Bahçesi“ absteigt, der spürt den Zauber der alten Zeit. Die kleine Moschee nebenan steht noch „verpackt“ und wartet auf die Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten. Dafür rankt die knorrige Platane, auf mehrere Pfeiler gestützt, gleich waagerecht durch den halben Teegarten.

Hier ist immer Betrieb, insbesondere an den Abenden und Wochenenden wird es schwer sein, noch einen freien Platz zu finden.

Wer eher Ruhe und Besinnlichkeit sucht, den zieht es zu dem kleinen Bootssteg in der Nähe. Dort haben die letzten Fischerboote von Çengelköy festgemacht. Die untergehende Abendsonne leuchtet über die weite Wasserfläche des Bosporus und lässt die Hektik der geschäftigen Stadt vergessen. Selbst der immerwährende Verkehrsstau auf der nicht allzu fernen „ersten“ Bosporusbrücke wirkt da fast romantisch.

Mit der letzten Fähre fahre ich um 18.20 wieder zurück in Richtung Beşiktaş.  Immerhin, denn am Sonntag gibt es gar keine Fähre und am Samstag nur ganz wenige. Der Wochenendausflügler soll wohl lieber mit dem Auto oder dem Bus am Bosporusufer entlang gefahren kommen. Das trägt nicht gerade zur Verkehrsberuhigung bei. Dennoch: Çengelköy ist mein „Geheimtipp“ für den nächsten Ausflug am Bosporus.

 

Text und Fotos: Annette Fleck

0 Kommentare

Eine Antwort hinterlassen

Kontakt

Sendet...

©2017 ARNE UEBEL | www.arneuebel.com

Melden Sie sich an!

oder    

Haben Sie Ihre Daten vergessen?

Create Account