Besuch bei “Pages”

Der Sänger beginnt ein Lied und das Publikum in dem bis auf den letzten Platz besetzten Raum stimmt begeistert ein. Jeder scheint die Melodie zu kennen und singt mit Freude mit oder klatscht den Rhythmus.

So war wahrscheinlich die Atmosphäre in Damaskus oder in Aleppo, der geschundenen Heimatstadt der Musiker, bevor sie und der Großteil ihres Publikums gezwungen waren, ihre Heimat Syrien zu verlassen.

“Wir haben alle eine traurige Geschichte, aber hier kannst du unsere Seele erkennen”, sagte mir einmal ein Zuhörer. Bei den Liedern der in Syrien unglaublich beliebten libanesischen Sängerin Fayrouz oder der Granddame des arabischen Chansons Umm Kulthoum können die Menschen vielleicht für wenige Momente die Katastrophe, die sie aus ihrem vorherigen Leben gerissen hat, vergessen.

Diese Konzerte finden jeden Samstag Abend um 19 Uhr in der syrischen Buchhandlung “Pages”, die sich in einem kleinen Seitengässchen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Chorakirche befindet, statt.

Der syrische Maler und Verleger Samer Alkadri hat diesen in Istanbul und wohl auch in der ganzen Türkei einmaligen Buchladen am 12. Juni 2015 eröffnet. Doch “Pages” ist mehr, es ist ein Kulturzentrum mit Filmvorführungen und Workshops für Kinder und Erwachsene. Die künstlerischen Workshops werden von Samir Alkadris Frau Gulnar Hajo, einer in Syrien bekannten Kinderbuchillustratorin, geleitet.

Doch man kann auch einfach im Schatten der Bäume auf der kleinen Terrasse oder in den wunderschön renovierten Räumen des alten Holzhauses einen Kaffee oder Tee trinken und syrische Leckereien genießen.

Literatur hat in Syrien stets eine wichtige Rolle gespielt. Deshalb ist es auch so wichtig, den Syrern, aber auch anderen arabischsprachigen Menschen hier in Istanbul die Möglichkeit zum Lesen zu geben. Der Buchladen verfügt über 4.000 Titel: arabische Literatur, aber auch Übersetzungen international bekannter Autoren, wie Gabriel Garcia Marquez oder Elif Şafak ins Arabische. Daneben gibt es auch einige englische, türkische, französische und deutsche Bücher. Angesichts der vielen syrischen Kinder ist es auch ganz wichtig, dass ein ganzes Stockwerk für Kinderbücher reserviert ist.

Wer kein Geld zum Kaufen der Bücher hat, kann sie gegen eine kleine Gebühr ausleihen oder direkt im Laden lesen.

Das Leben von Samir Alkadri ist vom Thema “Flucht” geprägt. Geboren in der syrischen Stadt Hama, floh er als achtjähriges Kind mit seiner Familie nach Damaskus, nachdem der damalige Präsident Hafiz al-Assad einen großen Teil der Stadt wegen eines Aufstands der Muslimbrüder in Schutt und Asche gelegt hatte.

In Damaskus studierte Samir Alkadri Kunst und Grafik-Design und gründete im Jahr 2005 den Verlag “Bright Fingers”. Als er im Sommer 2012 mit seiner Frau eine Buchmesse in Abu Dhabi besuchte, informierten ihn Freunde darüber, dass der Geheimdienst in seinem Haus gewesen sei. Er konnte daher nicht nach Syrien zurückkehren, sondern reiste mit seiner Frau nach Jordanien, wohin auch die beiden Töchter des Paares gebracht wurden. Ein Jahr später siedelte die Familie nach Istanbul über, wo er seine Verleger-Tätgkeit fortsetzen konnte und schließlich im Sommer 2015 seinen Buchladen eröffnete.

Eine solche Oase für arabische Kultur möchte Samir Alkadri auch in Berlin schaffen. Das Visum für Deutschland hat er beantragt. Leben möchte er jedoch weiterhin in Istanbul – allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem Bashar al-Assad die Macht verliert. Sobald das Regime Assad gestürzt ist, will Samir Alkadri nach Damaskus zurückkehren – noch am selben Tag, so betont er.

 

“Pages” ist jeden Tag von 11 bis 22 Uhr geöffnet.

Die Konzerte finden samstags um 19 Uhr statt.

 

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen findet man auch auf Facebook.
http://www.pagesbookstorecafe.com/

 

Text: Annette Lui

 

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