Brücke-Führung im Mai 2016 – Asiatische Bosporusküste

Erste Station dieser Tour war das nette Örtchen Kuzguncuk, das im Nordosten von Üsküdar liegt. Der Name “kuzgun” bedeutet “kleiner Rabe”. Der Ort wurde nach einem Heiligen namens Kuzgun Baba, der zur Zeit Mehmets des Eroberers hier lebte, benannt. Der ursprüngliche, griechische Name lautete Hrisokeramos (“goldenes Dach”) nach dem vergoldeten Dach der ersten Kirche, die in byzantinischer Zeit hier stand.

Mit seinen gepflasterten Gässchen und historischen, teilweise 100 Jahre alten, Holzhäusern repräsentiert das heutige Künstler- und Schriftstellerviertel noch das alte Istanbul. Das gilt auch für seine Multikulturalität. Auf engstem Raum findet man hier zwei Synagogen, eine armenische und zwei griechisch-orthodoxe Kirchen und eine Moschee.

Das tolerante Miteinander der drei Religionen spiegelt sich auch an der Fassade eines ehemaligen jüdischen Wohnhauses in der Bican Efendi Sokak wieder, dessen Erbauungsjahr in jüdischer, christlicher und islamischer Zeitrechnung angegeben ist.

Heute betreibt Refika Birgül in diesem Haus ihr Kochstudio für eine berühmte Kochsendung im türkischen Fernsehen.

Kuzguncuk war einmal eine Hochburg der Juden und da die asiatische Seite näher an Jerusalem liegt, befindet sich hier auch ein groβer jüdischer Friedhof. Auf die erste jüdische Besiedlung verweist ein Grabstein aus dem Jahr 1562. Im 18. Jahrhundert siedelten sich schlieβlich Armenier hier an, die 1835 ihre erste Kirche errichteten.

Heute leben nur noch wenige Angehörige der Minderheiten hier. Die meisten Juden haben nach der Staatsgründung Israels die Türkei verlassen, viele Armenier und Griechen nach den Pogromen von 1955.

Aufgrund seines Charmes wurden in Kuzguncuk die ersten Fernsehserien gedreht.

Da der Ort am Bosporus liegt, gab es hier früher auch einen Strand und ein Openair-Kino. Alle Straβen sind quer zum Wasser gebaut, so dass man den Meeresblick genieβen kann, eine typische Bauweise für die Griechen, die man auch in anderen Teilen Istanbuls bspw. in Teilen Kadiköys finden kann.

Heute ist Kuzguncuk ein recht teures Wohnviertel mit vielen kleinen hübsch eingerichteten Läden, von denen sich viele an der Hauptstraβe, der Icadiye Caddesi befinden, so auch ein neuer Laden für Olivenöl. Etwas weiter oben in einem Eckhaus hat ein hübsches Buchcafe neu eröffnet.

Mit ihrem guten Zusammenhalt und Engagement haben es die Bewohner des Ortes geschafft, dass die hiesigen Schrebergärten, Kuzguncuk Bostanı, die eigentlich von der Stadtverwaltung konfisziert und einem anderen Zweck zugeführt werden sollten, erhalten blieben. Bei dem Gelände dieser Schrebergärten gibt es Openair-Yoga-Veranstaltungen, so auch als wir dort waren. Hier wohnt auch der Maler Yusuf Bey mit seiner Frau.

Dass die Bewohner ein Herz für die Straβenkatzen und -hunde haben, zeigt sich u.a. darin, dass in dem sehr hübsch von einer Künstlerin gestalteten Stadtplan die erste Regel für Besucher lautet, nett zu den Katzen und Hunden zu sein.

Die nächste Station unserer Tour war der unter Sultan Abdül Aziz zwischen 1861 und 1865 als Sommerresidenz und Gästehaus errichtete Beylerbeyi Palast.

Zu den hier beherbergten Gästen gehörten u.a. Kaiser Franz-Joseph von Österreich, König Edward VII. von England und Kaiserin Eugenie, die Gemahlin Napoleons III. von Frankreich. Nach seiner Absetzung 1909 musste Sultan Abdülhamid II. zunächst ins Exil nach Saloniki. Er verbrachte schlieβlich seine letzten sechs Lebensjahre in diesem Palast unter Hausarrest, bevor er 1918 starb. Da der Palast eigentlich nicht für den Winter gedacht war, war es in der kalten Jahreszeit sehr zugig und ungemütlich.

Die Gegend ist seit der byzantinischen Zeit besiedelt. Vor dem heutigen Palast gab es schon einige Vorgängerbauten. Der heutige dreistöckige Bau wurde, wie viele andere Bauten des 19. Jahrhunderts, von der armenischen Architektenfamilie Balyan gebaut.

Er verfügt über 24 Zimmer, sechs Säle, sieben Toiletten und drei Bäder. Wie jeder osmanische Palast ist auch dieser in einen öffentlichen Teil, Selamlik, und einen privaten Teil, Haremlik, unterteilt, der einen eigenen Eingang für die Frauen besaβ.

Der Boden ist mit ägyptischen Papyrusmatten ausgelegt, die die Feuchtigkeit aufnehmen sollen und noch im Original erhalten sind. Darüber wurden Teppiche aus der Hofmanufaktur Hereke gelegt, die auch die Vorhänge hergestellt hat. Die Leuchter sind aus französischem Kristall und wurden mit Gas beleuchtet. Die Wände sind – wohl aus Kostengründen – mit Stuck, nicht mit Marmor verkleidet.

Im Empfangsraum für die Gesandten sind die Wände mit Holz getäfelt und mit Intarsien aus Ebenholz geschmückt. Die Spiegel stammen aus Venedig. Damit die Gesandten dem Sultan auch nicht zu lässig, sondern in einer entsprechend steifen Haltung gegenübersaβen, sind die Lehnen der Polsterstühle und Sofas im rechten Winkel.

Der Palast bietet noch einige andere Besonderheiten, z.B. mit Gazellenleder bezogene Stühle im Herren-Esszimmer und eine 60 kg schwere Uhr, die einst Zar Nikolaus II. verschenkt hat.

In der Mitte des Palastes befindet sich ein Pool, der zwei Zwecken diente, zum einen als eine Art Klimaanlage, zum anderen bot er eine gewisse Geräuschkulisse, die es erschwerte, die Gespräche, die im Empfangsraum ganz in der Nähe stattfanden, zu belauschen.

Da der Hofstaat auf dem Wasserweg den Palast erreichte, gab es auch zwei Anleger, einen für die Männer und einen für die Frauen. In letzterem befindet sich heute ein Cafe.

Sultan Abdülhamid I. hat in dem Ort Beylerbeyi in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts eine spätbarocke Moschee und einen Platzbrunnen errichtet und Platanen gepflanzt, um die Ansiedlung von Muslimen zu fördern.

Die hölzerne Kuppel der Moschee ist vor 20 Jahren abgebrannt, wurde aber wieder hergestellt. Mahmud II. hat ein zweites Minarett gestiftet, damit man im Ramadan Leuchtketten aufspannen konnte. Durch das zweite Minarett ist die Moschee auch eindeutig als Sultansmoschee erkennbar, denn nur diesen war es erlaubt, zwei Minarette zu errichten. Typisch für das Barock sind die Girlandenmuster als Verzierung der Minarettbalkone. Die Moschee ist dem Andenken von Abdülhamids Mutter Rabia Hatun gewidmet. An der heutigen Hauptstraβe (nahe der Moschee) kann man auf dem Bürgersteig noch die Porphyrstufen sehen, die dem Sultan zum Auf- und Absteigen von seinem Pferd dienten (Binektaşı).

Der Nachbarort Çengelköy ist bekannt für seine kleinen Gurken, die hier gezüchtet wurden. Heute kommen die meisten Gurken, die den Namen des Ortes tragen, aus Yalova oder aus der Ägäis. Der Name des Ortes (dt. “Hakendorf”) kommt angeblich von den vielen Ankern, die man nach der Eroberung Konstantinopels hier gefunden haben soll. Eine andere mögliche Erklärung für den Namen ist, dass der Admiral Çengeloğlu Tahir Mehmet Paşa hier gelebt haben soll und das Dorf nach ihm benannt wurde. Die griechisch-orthodoxe Wallfahrtskirche zeugt von der griechischen Vergangenheit des Ortes.

Der bekannteste Ort in Çengelköy ist sicher der Teegarten Çıneraltı Çaybahçesi, in dem eine 500 Jahre alte von mehreren Pfeilern gestützte Platane Schatten spendet und von dem aus man den Blick auf den Bosporus genieβen kann.

Nördlich des Ortes liegt die Kadettenschule Kuleli Askeri Lisesi, die 1845 von Sultan Abdul Mecid gegründet wurde und an der auch deutsche Militärberater tätig waren.

Im Nachbarort Kandilli hatte eine Tochter Mahmud II. (Regierungszeit: 1808 bis 1839) ihren Palast. Die Schwester von Abdül Mecid und Abdül Aziz war eine sehr emanzipierte Frau. Das Gebäude beherbergte danach eine der ersten Mädchenschulen für höhere Bildung, das Anadolu Kiz Lisesi. Heute befindet sich darin ein schickes Tagungszentrum mit Restaurant. Das auf einer Anhöhe liegende Gebäude ist mit einer groβen türkischen Flagge geschmückt. In Kandilli befindet sich auch ein Obser-vatorium der Bosporus-Universität (Boğaziçi-Üniversitesi), das sich mit der Erdbebenforschung beschäftigt und auf dessen Gelände auch ein Erdbebenmuseum liegt.

Auch in Kandilli gab es in den 50er und 60er Jahren eine Badeanstalt.

Die nächste Sehenswürdigkeit ist der am Bosporus gelegene Küçüksu-Palast (Küçüksu Kasrı). Der aus weiβem Marmor 1856/57 unter Sultan Abdül Mecid errichtete Sommerpalast diente nur als Ziel für Tagesausflüge.

Übernachtet wurde hier nie, dehalb kann man auch kein einziges Bett hier finden.

In dem James-Bond-Film “Die Welt ist nicht genug” ist dieses Schloss auch zu sehen. Den Namen erhielt der Palast von dem Flüsschen Küçüksu, das zusammen mit dem weiter nördlich gelegenen Göksu als “die süβen Wasser Asiens” bezeichnet wurde. Auf den zwischen beiden Flüssen gelegenen Wiesen veranstaltete die osmanische Oberschicht gerne Picknicks, zu denen man mit dem Ruderboot, Kayik, hierher kam.

Den Palast konnten wir nicht mehr besichtigen, aber im nebenan gelegenen Öğretmen Evi konnten wir unser Mittagessen mit herrlichem Blick auf den Bosporus genieβen.

Im benachbarten Anadolu Hisarı hatte Sultan Beyazit I., der Groβvater des Eroberers, zwischen 1393 und 1394 die gleichnamige Festung errichten lassen, die die osmanischen Belagerungsversuche Konstantinopels unter-stützen sollte.

Ferner diente sie der Kontrolle des Handels zwischen den verbliebenen byzantinischen Besitzungen am Schwarzen Meer und Konstantinopel. Die Anlage ist weit weniger gut erhalten als die auf der europäischen Seite gelegene 1452 in nur wenigen Monaten errichtete Festung Rumeli Hisari. Beide Festungen zusammen haben schlieβlich ihren Zweck erfüllt und Konstantinopel von der Versorgung seitens des Schwarzen Meeres abgeschnitten. Nach der Eroberung diente Anadolu Hisari zeitweise als Militärgefängnis. Neben der Festung wurde für die Wachleute eine offene Moschee, Namazga, angelegt. Gut erkennbar sind heute noch Minbar und Mihrab.

Im Ort Anadolu Hisari findet man zahlreiche denkmalgeschützte Holzhäuser, wie sie so typisch für diese Gegend sind, und hübsche Restaurants und Cafes, besonders an dem kleinen Hafen Göksu deresi.

Auch einen groβen osmanischen Friedhof kann man hier besichtigen.

Das älteste Privathaus am Bosporus befindet sich ebenfalls hier, nämlich die Amcazade Hüseyin Paşa Yali aus dem Jahr 1699. Diese einst prächtige Villa lieβ der gleichnamige Groβwesir, Amcazade Hüseyin Paşa, der unter Mustafa II. von 1697 bis 1702 sein Amt bekleidete, errichten. Er war ein Mitglied der ursprünglich aus Albanien stammenden Familie Köprülü, die insgesamt fünf Groβwesire stellte. Heute ist nur noch vom Selamlik, also dem öffent-lichen Bereich, der Ver-sammlungsraum der Männer (divanhane), erhalten. Das Haus ist eingerüstet und wird renoviert. Dass das Haus aber schon seit sehr langer Zeit in einem schlechten Zustand war, kann man daran erkennen, dass bereits der Schriftsteller Pierre Loti im 19. Jahr-hundert sich für seine Rettung eingesetzt hat.

Im 20. Jahrhundert hat sich noch eine andere Politikerfamilie hier ein Yali direkt am Wasser eingerichtet, nämlich die Familie Inönü, die den zweiten Staatspräsidenten Ismet Inönü, gestellt hat.

Im benachbarten Kanlıca besitzen die Sängerin Sezen Aksu und einige Schauspieler und Filmemacher Häuser. Berühmt ist der Ort vor allem für seinen leckeren Joghurt, den man in dem Cafe an der Anlegestelle genieβen kann.

Çubuklu ist bekannt für seine Nachtclubs, die sich direkt am Bosporus befinden. In der Spätantike gab es hier ein “Kloster der Schlaflosen”, wo man Tag und Nacht gebetet hat.Auf den Hügeln zwischen Kanlıca und Çubuklu liegt der Khedivenpalast (Hıdıv Kasrı), den Abbas Hilmi Paşa, der letzte Vizekönig Ägyptens um 1900 im Jugendstil errichten lieβ. Heute befindet sich darin ein Restaurant umgeben von einem hübschen Park.

An Çubuklu grenzt Paşabahçe an, das für seine Glasprodukte türkeiweit berühmt ist. Man begann mit deren Herstellung bereits im 17. Jahrhundert, vor einigen Jahren verlegte man allerdings die Produktion ins westanatolische Binnenland.

Letzte Station der Führung war Beykoz, das wie die anderen Bosporusorte auch ursprünglich ein Fischerdorf war, in dem heute noch der beste Steinbutt (Kalkan) der Gegend serviert werden soll. Im Wasser kann man hier – ebenso wie in Büyükdere – die festinstallierten groβen Netze sehen (Dalyan-System), mit denen Fische gefangen werden.Beykoz ist auch bekannt für seine Walnüsse.

Da die Orte am Bosporus häufig von den Russen angegriffen wurden, gibt es hier viele Verteidigungs-anlagen. In der spätosmanischen Zeit befand sich in Beykoz eine Filzfabrik, in der Militärkleidung hergestellt wurde. Unter Atatürk wurden in der heute als konservativ geltenden Kleinstadt Rakı und Spirituosen produziert. Industrie gibt es heute keine mehr. Auf dem Gelände der ehemaligen Filzfabrik siedelten sich Filmstudios an, in denen alle historischen Filme und Fernsehserien gedreht wurden, was dem Ort den Namen “Hollykoz” eintrug. Leider war es nicht möglich das Gelände zu besichtigen.

Beykoz ist der Sitz der 2010 gegründeten deutsch-türkischen Universität.

In der waldreichen Gegend hat ein ägyptische Vizekönig ein weiteres Schlösschen errichten lassen, das heute den Namen Beykoz Kasrı trägt und wie eine kleine Kopie des Beylerbeyi-Palastes aussieht. Ebenso wie das Hıdıv Kasrı beherbergt es heute ein Restaurant.
Zum Abschluss der Führung besuchten wir die nach Eyüp zweitwichtigste Wallfahrtsstätte Istanbuls, den Josua-Hügel (Yusa Tepesi). Dieser mit 200 Metern höchste Hügel am Bosporus ist seit vielen Jahrhunderten ein heiliger Ort für die verschiedensten hier ansässigen Kulturen gewesen. Hier gab es Tempel, danach eine Kirche und seit 1755 eine kleine Moschee.

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts war das Grab des Heiligen Yusa eines der meistbesuchten Heiligtümer Istanbuls. Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Zahl der Besucher so stark angestiegen, dass Sultan Selim III. (1789 bis 1808) das Abhalten religiöser Zeremonien hier verbot.

Für die enorme Gröβe des Heiligengrabs, nämlich 17 m Länge, und den Namen des Hügels gibt es verschiedene Erklärungen:

– Aus Respekt und Liebe für den Propheten Josua (Yusa), der zusammen mit Mose hierher gekommen, hier gestorben und beerdigt worden sein soll, habe man es so groβ angelegt.

– Da man die genaue Lage des Leichnams nicht kannte, baute man es lieber gröβer, um sicher sein zu können, dass sich der Leichnam auch sicher innerhalb der Umfriedung befindet.

– Ein alter Glaube besagte, dass Riesen den Hügel bewohnten, weshalb das Grab so groβ angelegt wurde.

– Vielleicht ist der Name auch phönizischen Ursprungs, denn “Yesu” bedeutet “Retter” im Phönizischen, was sich darauf beziehen könnte, dass dies der erste Hügel war, den man vom Schwarzen Meer aus sehen konnte.

Dementsprechend genieβt man auch eine wunderbare Sicht auf den Bosporus und das Schwarze Meer von der Aussichtsterrasse.

 

Mit diesen schönen Eindrücken endete unsere Führung.

 

Text: Annette Lui

Fotos: Annette Fleck

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