Brücke – Stadtführung im April 2015 – Büyükçekmece

“Der Koran enthält keine Definition einer Moschee. Nichts ist vorgeschrieben, außer, dass es reinlich zu sein hat. Im Islam wird mehr Wert gelegt auf das Wesen eines Raumes als auf die Form.”
Dieser Philosophie folgend schuf der Architekt Emre Arolat die Sancaklar-Moschee in Hadımköy, die im Mittelpunkt dieser Führung stand.

Mit dem Bus ging es etwa 40 km hinaus nach Büyükçekmece. In dem früheren Naherholungsgebiet der Istanbuler leben heute 380.000 Menschen. Teilweise hat die Gegend aber immer noch ihren ländlichen Charakter bewahrt. Und so liegt auch unser Ziel, die 2011 bis 2013 errichtete Sancaklar-Moschee mitten im Grünen, davor passiert man allerdings zahlreiche Industrieanlagen.
Zunächst fällt das aus grauem Naturstein errichtete viereckige Minarett ins Auge, das man von weitem auch für einen Teil einer Fabrikanlage halten könnte. Doch beim näheren Hinsehen erkennt man oben den arabischen Schriftzug, der “Allahu akbar” (Gott ist groß) bedeutet. Graue Natursteinmauern begrenzen das Moscheegelände zur Straße hin. Dann steigt man über Stufen hinab zur Moschee, die von Wasserspielen umgeben ist. Diese Wasserspiele waren bei unserem Besuch allerdings nicht in Betrieb. Wie das Äußere ist auch der Innenraum der Moschee sehr schlicht gehalten. Der einzige Schmuck ist eine hell-leuchtende Koran-Sure auf schwarzem Glas an der linken Seitenwand. Die Sure lautet “Sei glücklich mit wenig”, was sicherlich ein passendes Motto für diese Moschee insgesamt ist. Ihre schlichte Eleganz bietet einen wohltuenden Kontrast zu den meisten zeitgenössischen Moscheebauten, die die Architektur der Baumeister vergangener Jahrhunderte kopieren.
Die Freitagskanzel besteht aus einer runden Treppe, die Gebetsnische ist ein Spalt in der Stirnwand, durch den von oben das Tageslicht fällt, das die Moschee erleuchtet. Das Licht bleibt immer konstant. Bei Dunkelheit wird es durch LED/künstliche Beleuchtung sichergestellt. Ebenso schlicht ist der einfarbige, helle Teppich, dessen einziges Muster die Linien sind, die die Gebetsreihen einteilen. Die scheinbar frei schwebende Decke aus hellem Beton wird zur Mitte hin immer leichter und dünner. Damit auch jeder Betende den Imam sehen kann, fällt der Gebetsraum in Stufen nach unten ab. Auch die Frauen haben auf ihrer Empore freie Sicht auf den Imam und sind nicht hinter Gittern versteckt. Der Innenraum der Moschee lässt sich als eine Nachahmung der Hira-Grotte deuten, in der sich Mohammed versteckt haben soll und wo er die erste Offenbarung des Korans erhielt. In ihrer Schlichtheit liegt jedenfalls der Bezug zur Anfangszeit des Islam.
Die Moschee bietet Platz für 550 bis 650 Gläubige, vor allem beim Freitagsgebet und an Feiertagen wird sie gut besucht von den Bewohnern der umliegenden luxuriösen Sites. Da Moscheen auch immer dem sozialen Leben dienen, gehört auch eine Bibliothek und ein Versammlungsraum zu dem Baukomplex.
Benannt ist die Moschee nach der Stifterfamilie, der Familie Sancak. Die Familie, die auf der Liste der 100 reichsten Türken auf Platz 72 steht, führt ein sehr zurück-gezogenes Leben. Ihre Wurzeln führt die ursprünglich aus Siirt stammende Familie auf einen Neffen des Propheten Mohammed zurück. Der Firmenpatriarch Ethem Sancak wurde durch Medikamenten- und Kosmetikhandel reich und gründete die Hedef Alliance Holding A.S. Er besitzt zudem mehrere Fernsehkanäle, z.B. Star TV und Kanal 24, die Krankenhauskette Medikal Park, zwei Zeitungen, u.a. “Akşam”, und fünf Zeitschriften. Inzwischen hat er sich vom Firmengeschäft zurückgezogen und beschränkt sich auf soziale Tätigkeiten. Seine Stiftung, die auch diesen Moscheebau finanzierte, gewährt mehr als 2.000 Studenten ein Stipendium, war sehr aktiv in der Erdbebenhilfe in Indien und Pakistan. Außerdem hat er das “Museum für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam” im Gülhanepark zusammen mit Professor Fuat Sezgin gegründet. Ende der 70er Jahre war er einer der Gründer der Arbeiterpartei TIKP (Türkiye Işçi Köylü Partisi) in Diyarbakır.
Die Familie Sandcak hat auch schon vorher mehrere Krankenhäuser und Moscheen gestiftet. Als Ethem Sancak dem Architekten Emre Arolat den Auftrag für die Moschee in Büyükçekmece erteilte, wo die Familie große Grund-stücke besitzt, wollte er einen modernen Bau.
Für den aus einer renommierten Architektenfamilie stammenden Emre Arolat, der u.a. das Santral Istanbul, die türkische Botschaft in Prag, das “Le Meridien Istanbul” in Etiler und das Zorlu Center entworfen hat, war es die erste Moschee. Vor dem Bau hat er sich daher drei bis vier Monate mit islamischem Mystizismus beschäftigt. Dass sein außergewöhnlicher Entwurf auch international gut ankommt, zeigt, dass er 2013 auf dem “World Architekture Festival” in Singapur mit dem Preis für “das beste religiöse Bauwerk” ausgezeichnet wurde.

Auch wenn der Weg zu dieser Moschee ziemlich weit ist, lohnt er sich auf jeden Fall, denn dieses außergewöhnliche Bauwerk ist sehr sehenswert und strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.

Der nächste Punkt unserer Tour war die “Kanuni Sultan Süleyman Köprüsü” in Büyükçekmece.

Mimar Sinan (1490 bis 1588), der als einer der größten Architekten aller Zeiten gilt, baute diese Brücke zwischen 1565 und 1567. Ein Denkmal in der Nähe und eine Inschrift auf der Brücke erinnern an den großen Baumeister. Die Brücke ist 640 Meter lang und 7,20 Meter breit, so dass zwei Karawanen aneinander vorbei ziehen konnten. Sie ist in vier Teile untergliedert und ruht auf 28 Sockeln. Sinan hat sie als “Meisterwerk” bezeichnet. In Auftrag gegeben wurde die Brücke von Sultan Süleyman, als er 71-jährig zu seinem dreizehnten und letzten Feldzug Richtung Ungarn aufbrach, weil sein Heer Schwierigkeiten bei der Überquerung des Büyükçekmece-Sees hatte. Die Vollendung der Brücke 1567 erlebte er nicht mehr. Er starb 1566 bei der Belagerung von Szigetvar in Ungarn. Seine inneren Organe wurden dort beerdigt (wo genau, weiß man nicht), sein Leichnam wurde zurück nach Istanbul gebracht.
Der Baumeister Sinan hat Süleyman um 22 Jahre überlebt und hat in dieser Zeit noch viele weitere Bauwerke geschaffen, unter anderem auch die berühmte Brücke über die Drina in Visegrad, im heutigen Bosnien-Herzogowina, über die der Literaturnobelpreisträger Ivo Andric seinen gleichnamigen Roman geschrieben hat.

Auch das nächste Bauwerk, das wir besichtigten, wurde von Mimar Sinan zwischen 1563 und 1568 gebaut, die Kurşunlu Han Kervansarayi. Gestiftet wurde dieser Han vom Großwesir Sokullu Mehmed Paşa (1505 bis 1579), der auch die oben erwähnte Brücke über die Drina in seiner bosnischen Heimat in Auftrag gegeben hatte. Ebenso wie Sinan und viele weitere wichtige Persönlichkeiten des Osmanischen Reichs war er christlicher Herkunft und war durch die Knabenlese an den Hof gekommen.
Zu dem Gebäude gehörte auch ein Hamam, ein Platzbrunnen und eine Moschee, von der aber leider nur noch das hübsche Minarett erhalten ist.

Erhalten sind zwei weitere von Sinan gebaute Moscheen, die Sokullu Mehmed Paşas Namen tragen, nämlich eine unterhalb der Blauen Moschee in Kadırga und die zweite am Goldenen Horn bei der Atatürk-Brücke, ebenso wie sein Grabmal in Eyüp.

Der Kurşunlu Han unterstreicht ebenso wie die Sultan-Süleyman-Brücke die Lage an der Hauptstraße nach Europa, die früher diesem Ort zukam. In der frühen osmanischen Zeit lag aber beides noch inmitten von Wäldern und Äckern. Vor allem im 19. Jahrhundert siedelten sich zunehmend türkische Zuwanderer vom Balkan und aus dem Kaukasus an.
Man unterscheidet zwei Arten von Unterkünften für Reisende: Auf dem flachen Land nennt man sie Karawansereien. Die Selschuken belegten im 13. Jahrhundert Anatolien mit einem Netz von Karawansereien im Abstand von 30 bis 40 Kilometern, was dem Tagespensum einer Karawane entspricht. Karawansereien sind massive Wehranlagen, von steinernen Mauern umgeben, die dem Reisenden die Möglichkeit einer sicheren Übernachtung und die Versorgung mit Lebensmitteln ermöglichten. Im Erdgeschoss befanden sich Ställe für die Tiere und Läden, im Obergeschoss die Quartiere der Reisenden. Karawansereien waren soziale Einrichtungen, die ersten beiden Übernachtungen waren kostenlos, nur wenn man länger blieb, wurden Gebühren fällig. In Städten nennt man diese Unterkünfte “Han”. Sie hatten meist keinen geschlossenen Innenhof – eine Befestigung war nicht notwendig – sie waren aber wie Karawansereien zweigeschossig mit Ställen unten und Übernachtungsräumen oben.
Über den Kurşunlu Han haben Reisende berichtet, dass er über Kamine zum Heizen verfügte und über einen Anbau für Tiere, die man aber bei Kälte in den Han hineinholte. Nebenan lag ein Hamam. Der Han ist gut erhalten, aber meist nicht für Besucher zugänglich. Während des Festivals Anfang Juli finden darin jedoch Veranstaltungen statt.

Im Kültürpark Yöre Evler, in dem sich lauter kleine Lokale aus verschiedenen Regionen der Türkei befinden, aßen wir zu Mittag und fuhren anschließend mit dem Bus wieder zurück nach Şişhane.

Text: Annette Lui
Foto: Manuela Schliesser

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