Brücke – Stadtführung im April 2016 – Frauenstiftungen in Üsküdar

 

Diese Führung, die ursprünglich anlässlich des Internationalen Frauentags geplant war, stand ganz unter dem Motto “Frauen”. Dabei ging es um Sultansfrauen und -mütter, deren Leben und deren religiöse Stiftungen, aber auch um die Stifterin der größten Istanbuler Geburtsklinik aus dem 19. Jahrhundert, Zeynep Hanim. Eine der modernsten Moscheen Istanbuls, die Şakirin-Moschee, wurde von einer Frau, Zeynep Fadilioğlu, im Inneren gestaltet.

Diese Moschee war auch der erste Anlaufpunkt dieser Tour. Sie liegt an einem der Eingänge des Karaca-Ahmed-Friedhofs. Hier befindet sich das Familiengrab der Stifterfamilie Şakir. In dessen unmittelbarer Nähe wurde deshalb auch die Moschee errichtet.

Der Karaca-Ahmed-Friedhof ist der größte muslimische Friedhof der Welt. Auch vom europäischen Teil Istanbuls wurden die Verstorbenen hierher gebracht, um auf dem gleichen Kontinent wie der Prophet Mohammed ihre letzte Ruhe zu finden. Präsident Erdoğan ließ ebenfalls seine verstorbenen Eltern vom Friedhof in Kasımpaşa dorthin überführen. Viele osmanische Würdenträger und berühmte Persönlichkeiten wurden hier beerdigt. Ein ganz besonderes Grab ist ein Kuppelbau mit sechs Säulen. Darin ließ Sultan Mahmut I. (1730 bis 1754) sein Lieblingspferd begraben. Man schätzt, dass über eine Million Menschen auf diesem etwa 750 Jahre alten Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben. Benannt ist er nach einem Kampfgefährten des zweiten osmanischen Sultans Orhan I. (1281 bis 1362). Karaca Ahmed war ein alewitischer Arzt. Er wird von den Alewiten als Heiliger verehrt. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof, ebenso wie an einem Ausgang ein Cemevi, ein alewitisches Gebetshaus.

Doch nun zur Şakirin-Moschee und ihrer Stifterfamilie: Diese moderne Moschee wurde von den in London lebenden Geschwistern Ghazi, Ghassan und Ghada Şakir zum Gedenken an ihre verstorbenen Eltern Ibrahim und Semiha Şakir 2005 in Auftrag gegeben und 2009 vollendet. Semiha Şakir (1905 bis 1998), die mit 20 Jahren den saudischen Geschäftsmann Ibrahim Şakir geheiratet und viele Jahre in Beirut, Kairo, London und anderen Städten gelebt hatte, setzte ihr Vermögen für 57 karitative Stiftungen ein. Sie finanzierte u.a. Geburtskliniken, Schulen und Kindergärten, kümmerte sich um Ältere und Bedürftige und die Verbesserung der Wasserversorgung. Eine Tochter heiratete in die Familie Topbaş ein, denen der Discounter BIM und die Kette “Saray Muhallebicisi” gehört und der auch der Istanbuler Bürgermeister entstammt.

Die Şakirin-Moschee wurde zwar von dem Architekten Hüsrev Tayla gebaut, die Gestaltung des Innenraums oblag jedoch der Innenarchitektin Zeynep Fadilioğlu, einer Großnichte von Semiha und Ibrahim Şakir, die sich bis dato um das Innendesign von Privathäusern, Hotels und Bars gekümmert hatte. Fadilioğlu ist die erste Frau, die eine türkische Moschee gestaltet hat.

Die weibliche Handschrift zeigt sich deutlich bei der Gestaltung der Frauenempore. Normalerweise wird den Frauen ein enger, oft düsterer Platz im hinteren Teil des Gebetshauses zugewiesen. Hier jedoch ist der Frauenbereich sehr weiträumig und hell. Frauen betreten ihn ebenso wie die Männer durch den Haupteingang.

Aber auch sonst gibt es zahlreiche Besonderheiten. Die Wände enthalten sehr viel Glas mit einer verzierenden Metallstruktur, so dass der Gebetsraum sehr lichtdurchflutet wird. Die Gebetsnische (Mihrab) sieht wie ein ovaler in Türkis und Gold gehaltener Torbogen aus. Die Kanzel für die Freitagspredigt (Minbar) ist nicht aus Holz oder Stein, sondern aus Acryl und mit Blättermotiven verziert. Die Kronleuchter sind spiralförmig und mit Glastropfen und Leuchtdioden geschmückt. Die Glastropfen sind eine Anspielung auf ein Gebet, dass Allahs Licht wie Regen über die Gläubigen fallen soll.

Der Brunnen in der Mitte des Moscheehofs ist in Form einer stählernen Kugel, die das Weltall symbolisiert.

Nach der Şakirin-Moschee erhielt Fadilioğlu weitere Aufträge für Moscheen in Katar und Malaysia.

Nächste Station unserer Tour war die Zeynep-Kamil-Geburts- und Kinderklinik, in der auch heute noch sehr viele Babys in Istanbul geboren werden. Viele Mädchen erhalten dementsprechend auch den Vornamen der Stifterin, nämlich Zeynep.

Die Tochter des ägyptischen Vizekönigs Mehmet Ali, Zeynep Hanim (1825 bis 1884) war mit dem osmanischen Großwesir von Sultan Abdülaziz, Yusuf Kamil Paşa (1808 bis 1876) verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar begann 1875 mit dem Bau der Klinik. Durch die Krankheit und den Tod von Kamil Paşa und den Türkisch-Russischen Krieg (1877/78) wurde die Fertig-stellung verzögert, so dass die Klinik erst 1882 eröffnet werden konnte, als Krankenhaus für arme Frauen. Es handelte sich dabei um das erste privatgeführte Krankenhaus in Istanbul. Während der Balkankriege 1912/13 und des 1. Weltkriegs diente sie als Lazarett. In der Republik wurde das Gebäude wieder zur Geburtsklinik.

Unsere nächste Station war die Atik-Valide-Moschee in der Cinili Camii Sokak. Sie ist eines der letzten Meisterwerke Sinans, das er 1583 vollendete. Afife Nurbanu Sultan (1525 bis 1583), deren Name “Lichtgemahl” bedeutet, gab sie in Auftrag. Sie war die Gemahlin Selims II., des Sohnes von Süleyman dem Prächtigen, der nach der 46jährigen Regentschaft seines Vaters nur acht Jahre von 1566 bis 1574 regierte.

Über ihre Herkunft gibt es unterschiedliche Aussagen: Ihr ursprünglicher Name soll Genevieve Rahel oder Cecelia  Vernier-Baffo gewesen sein und sie soll entweder einer spanisch-jüdischen (sephardischen) oder einer venezianischen Familie, die auf der Insel Paros, einer venzianischen Kolonie, lebte, entstammen. 1537 geriet sie dort mit 1.500 Schicksalsgenossen in die Gefangenschaft von Hayreddin Barbarossa (1478 bis 1546), des ehemaligen Korsaren und späteren Admirals der osmanischen Flotte. Sie wurde in den Harem gebracht und später zur Hauptfrau (Haseki) Selims II.

Ihr Mann Selim II. ist bekannt für seine Liebe zum Wein. Aus diesem Grund soll er Zypern erobert haben, weil er gehört habe, dass dort guter Wein wachse.

Die Eroberung Nordafrikas fällt ebenfalls in seine Regierungszeit. Mit seinem Namen ist auch das Meisterwerk Sinans, die Selimye-Moschee in Edirne, verbunden. Dennoch beginnt mit seiner Herrschaft die Zeit des Niedergangs des Osmanischen Reiches, in der zahlreiche unfähige, aber auch psychisch kranke Sultane den Thron bestiegen. Diese Zeit wird auch als “Sultanat der Frauen” bezeichnet, weil die Sultansfrauen und – mütter erheblichen Einfluss auf die Thronfolge und die Politik der jeweilgen Herrscher nahmen, wie Nurbanu und alle anderen, mit denen wir uns bei dieser Führung beschäftigt haben.

Nurbanus Sohn Murad III. wurde noch zu ihren Lebzeiten Sultan, nachdem Nurbanu seine vier Brüder hatte ermorden lassen. Er kümmerte sich jedoch nicht um die Regierungsgeschäfte, sondern verbrachte viel Zeit im Harem, wo er über 100 Kinder zeugte.

Über Murads III. Herkunft gab es Gerüchte, dass er Jude sei, weil sich lange keine Schwangerschaft bei Nurbanu eingestellt hatte, aber ein Sohn geboren werden musste, so dass möglicherweise ein anderes Baby als ihres ausgegeben wurde.

Die Atik-Valide-Moschee liegt in einem hübschen Garten. In die Mauer, die den Garten umgibt, ist – wie an anderen Orten in Istanbul auch – eine antike Säule eingebaut.

Auch bei dieser Moschee ist auffällig, dass die Frauengalerie groß ist. Die Unterseiten der Emporen sind mit schwarzen, roten und goldenen Arabesken verziert. Mihrab und Minbar sind kunstvoll aus Marmor gestaltet.

Die Sultaninnen-Loge befindet sich auf der linken Seite, sonst rechts. Für die Sultansmutter war ein seperater Ein-gang vorgesehen. Original aus dem 16. Jahrhundert sind die Iznik-Fayencen erhalten.

Zu diesem Moscheen-Komplex gehörte eine Armen-küche, ein Gästehaus für reisende Mönche, ein Kranken-haus und eine Medrese. In dieser Medrese befindet sich jetzt der Hörsaal der “Ilim yayma cemiyeti vakfı”. einer Stiftung zur Verbreitung der Wissenschaft. Die 1951 ge-gründete konservative Stiftung hilft Studenten, die von außerhalb kommen, z.B. bei der Vermittlung von Unter-künften.

Nurbanu wurde jedoch nicht in ihrer Moschee beerdigt, sondern ebenso wie ihr Mann Selim II. und ihr Sohn Murad III. bei der Hagia Sophia.

In der Umgebung der Moschee lebten viele Armenier, die hier Wein anbauten. Armenier wurden aber auch oft beim Bau von Moscheen beschäftigt. Gegenüber der Moschee ist eine Grundschule für Knaben, die aus dem gleichen Jahr wie die Moschee stammt.

In der Nähe der Moschee befand sich damals auch eine Karawanserei, wo sich die Truppen vor ihren Feldzügen sammelten. Heute gehört deren Bau der regierungs-nahen Fatih-Sultan-Mehmet-Stiftung.

Das Gefängnis daneben, das Toptaşı Cezar Evi, wurde bis in die 80er Jahre genutzt.

Eine weitere wichtige Frauenstiftung ist die Fayencen-Moschee (Cinili Camii), die bekannt ist für ihre Iznik-Keramik in Türkis und Blau. Sie wurde von Kösem Mahpeyker Sultan 1640 gestiftet. Die Moschee wird zur Zeit renoviert und ist daher nicht zugänglich. Ihre Stifterin ist jedoch eine der schillerndsten Figuren der osmanischen Geschichte, auf deren Leben daher kurz eingegangen werden soll.

Als Gattin Ahmets I. (1603 bis 1617), Mutter von Murad IV. (1623 bis 1639) und Ibrahim, “dem Verrückten”, (1639 bis 1647) und Großmutter von Mehmet IV. (1648 bis 1687) hat sie 28 Jahre lang die Politik des Osmanischen Reiches direkt oder indirekt bestimmt. Als Kösem erwog, ihren siebenjährigen Enkel Mehmet IV., für den sie die Regentschaft führte, abzusetzen, ließ dessen ebenfalls machtbewusste Mutter Turhan Sultan, ihre Schwiegermutter 1651 erdrosseln.

Kösem wurde als Tochter eines griechischen Geistlichen um 1589 auf der Insel Tinos geboren und auf den Namen Nasya (Anastasia) getauft. Der Gouverneur von Bosnien verschenkte sie an den Osmanischen Hof, wo sie schnell durch ihre Schönheit und Intelligenz auffiel. Sie erhielt den Namen “Kösem” (“die Haarlose”) in Anspielung auf ihre zarte haarlose Haut und “Mahpeyker” (“Mondgesicht”).

Sie war aber nicht nur sehr machtbewusst und brutal bei der Durchsetzung ihrer politischen Interessen, sondern hatte durchaus auch ein Herz für die Armen, was sich z.B. daran zeigte, dass sie jedes Jahr Menschen, die wegen Schulden im Gefängnis saßen, frei ließ, arme Mädchen unterstützte und Stiftungen gründete, wie die Cinili Camii. Finanziert wurde dieser Moscheenkomplex durch die Einnahmen des ebenfalls von ihr errichteten Büyük-Valide-Han in der Nähe des großen Basars.

Kösems Leben war Gegenstand von Romanen und einer Fernsehserie.

Die nächste “Frauen-Moschee”, die wir besuchten, war die Mihrimah-Moschee oder Hafenmoschee (Iskele-Camii), die Sinan von 1546 bis 1548 für Süleymans Lieblingstochter Mihrimah Sultan erbaute. 17 Jahre später wurde der zweite Moscheebau für sie beim Edirnekapı vollendet. Sie steht auf einer terrassenförmigen Anhöhe bei den Fähranlegern. Aus Platzmangel gibt es keinen Hof, aber ein weit vorspringendes Dach, das auch den Reinigungsbrunnen überwölbt. An der Mauer der Moschee kann man die aufwendigste Sonnenuhr Istanbuls erkennen. Mihrimah und ihr Ehemann, der Großwesir Rüştem Paşa, wohnten in der Nähe im Üsküdar-Kavak-Sarayi, von dem aber heute keine Spur mehr erhalten ist.

Neben der Moschee ist in einem offenen Grabmal Rüştem Paşas Bruder, Sinan Yusuf Paşa, der Großadmiral der Flotte war, begraben.

Auch das Grab von Rüştem Paşas Sohn Osman Bey befindet sich bei der Moschee. Es handelt sich dabei um einen Zentralkuppelbau, der auf vier Pfeilern ruht, mit drei Halbkuppeln an den Seiten. Die Gebetsnische ist halb erhöht. Wie bei den anderen von Frauen gestifteten Moscheen ist der Frauenbereich, zu dem ein hübscher Aufgang führt, recht groß.

Eine Medrese, eine Armenküche und ein Gasthaus ergänzen den Moscheen-Komplex.

Wenn man den davorliegenden Platz, den Üsküdar Meydani überquert, gelangt man an der Südseite zur Yeni-Valide-Moschee (Yeni Valide Camii).

Sie wurde von 1708 bis 1710 im Aufrag Ahmets III. (1703 bis 1730) für seine Mutter Emetullah (“Dienerin Gottes”) Rabia Gülnus (“Rosentrunk”) Sultan gebaut.

Andere Quellen besagen, dass sie selbst den Auftrag zu dem Moscheebau gegeben hat.

Wie bei vielen Sultansfrauen und -müttern war dieser blumige Name nicht der Geburtsname. Vielmehr wurde sie als Eugenia Voria 1642 auf Kreta geboren. Sie war griechischer Abstammung. Kreta war damals eine venezianische Kolonie. Entweder geriet sie bereits bei der Eroberung ihrer Heimatstadt durch die Osmanen 1646 in Gefangenschaft oder sie wurde erst 1659 entführt und in den Harem des Topkapi-Palastes gebracht und dort erzogen. 1661 wurde Mehmet IV. (1648 bis 1687) auf sie aufmerksam. Später wurde sie seine Lieblingsehefrau. Mehmet IV. wurde in Folge der osmanischen Niederlagen nach der zweiten türkischen Belagerung von Wien 1683 abgesetzt.

1695 kam Gülnus’ Sohn Mustafa II. auf den Thron, der aber 1703 von den Janitscharen auch auf ihr Betreiben hin zugunsten ihres jüngeren Sohnes Ahmets III. (1703 bis 1730) abgesetzt wurde.

Mit seiner Regierungszeit ist der Begriff der Tulpenzeit (Lale devri) verbunden, eine Zeit kultureller Blüte, in der sich das Reich erstmals Europa annäherte. In der Baukunst hielten Barock und Rokoko Einzug. Die Einführung des Buchdrucks durch Ibrahim Müteferrika wurde 1727 erstmals erlaubt. Der Sultan betrieb eine ausgedehnte Tulpenzucht, feierte nach dem Vorbild von Versailles märchenhafte Feste, bei denen Tulpen gestreut wurden und Schildkröten mit brennenden Kerzen auf den Panzern die Nächte erhellten. Das Ende seiner Herrschaft war jedoch weniger märchenhaft. Er war der erste Sultan, der durch einen Aufstand, den sogenannten Patrona-Halil-Aufstand, 1730 gestürzt wurde. Bei diesem Aufstand gingen viele der prächtigen Holzpaläste in Flammen auf. Seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon 15 Jahre tot. Sie wurde in einer offenen Türbe neben ihrer Moschee begraben, die gerade jetzt im Frühling von Blumen umrankt ist.

Die Yeni-Valide-Camii wird – wie die Selimye in Edirne – von acht Pfeilern getragen. Besonderheiten sind ein sehr schönes Vogelhaus, das an die Mauer der Moschee angebaut ist, und der hübsche Reinigungsbrunnen.

Für fast 50 Jahre sollte dies der letzte Moscheebau in Istanbul sein. Erst 1756 wurde mit der Nurosmanye-Moschee (“Lichtmoschee des Hauses Osman”) die erste Barockmoschee vollendet.

Text: Annette Lui

Foto: Annette Fleck

 

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