Brücke – Stadtführung im Dezember 2014 – Hagia Sophia und Besuch in einer Teppichgalerie

 “Wir wussten nicht, ob wir im Himmel waren oder auf der Erde. Denn auf Erden gibt es keine derartige Pracht und Schönheit, und wir sind außerstande, sie zu beschreiben.” Derart überwältigt von der Pracht der Hagia Sophia berichtete eine Delegation aus Kiew im 10. Jahrhundert vom Besuch einer Messe in die Heimat.

Für fast 1.000 Jahre war die Kirche der Heiligen Weisheit das größte und bedeutendste Heiligtum der Christenheit. Sie war die Hauptkirche des Byzantinischen Reichs und seit 641 die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser.
Der jetzige im Jahr 537 eingeweihte Bau hatte zwei Vorgänger:
Schon Kaiser Konstantin ließ in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts eine dreischiffige Längsbasilika mit Satteldach an dieser Stelle errichten, die sein Sohn Constantinus II. vollendete. Bei einem Tumult, der wegen der Absetzung des Partriarchen ausgebrochen war, ist die Kirche 404 abgebrannt.

Der zweite Bau entstand unter Kaiser Theodosius II., dem Erbauer der Stadtmauern, in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Dieses Mal war es eine fünfschiffige Basilika mit Satteldach. Einige Überreste dieses Baus sind linker Hand vor dem heutigen Eingang zur Kirche ausgestellt, u.a. ein Friesfragment, auf dem Lämmer abgebildet sind.
Auch dieser Bau hat nur gut hundert Jahre gehalten, denn im Jahr 532 fiel er den Flammen, die Aufständische während des “Nika-Aufstandes” gelegt hatten, zum Opfer. Die Aufständischen, die sich mit dem Ruf “Nika! Nika!” (“Siege! Siege!”) gegen den Kaiser Justinian (527 bis 567) erhoben hatten, zahlten einen hohen Preis. 30.000 Menschen wurden im Hippodrom von Justinians Truppen niedergemetzelt und dort verscharrt.
Kaum einen Monat nach der Zerstörung der zweiten Kirche erteilte der Kaiser den Auftrag für den Neubau einer dritten Kirche an den Architekten Anthemios von Tralleis und den Mathematiker Isidor von Milet.
Zehntausend Arbeiter unter Oberaufsicht von hundert Baumeistern sorgten dafür, dass nach nur fünf Jahren Bauzeit am 27. Dezember 537 der Rohbau der Kirche eingeweiht werden konnte. Justinian hatte dafür 145 Tonnen Gold zur Verfügung gestellt.
Die von vier Eckpfeilern getragene Kuppel mit einer Höhe von 56 Metern und einem Durchmesser von 33 Metern, die scheinbar im Licht ihrer 40 Fenster schwebt, ist einzigartig.
Auch die osmanischen Baumeister wie Mimar Sinan, die meist von Geburt her Christen waren und durch die sogenannte “Knabenlese” an den Hof gekommen waren, haben aus Respekt vor der Leistung von Isidor und Anthemios in keiner Moschee eine größere Kuppel gebaut. Justinian soll beim Anblick der Kirche ausgerufen haben: “Salomo, ich habe Dich übertroffen!”
Nachdem es etwa 20 Jahre später durch Erdbebenschäden zum Einsturz der Kuppel gekommen war, wurde die relativ flache Kuppel um sechs Meter erhöht und die Strebepfeiler wurden verstärkt. Im 10. Jahrhundert gab es nach einem Erdbeben nochmals einen Teileinsturz der Kuppel. Der armenische Architekt Trdat führte den Wiederaufbau durch.
Zum Schutz gegen Erdbeben wurden immer wieder in byzantinischer und osmanischer Zeit äußere Stützkonstruktionen angefügt.

Am 27. Mai 1453 fand der letzte christliche Gottesdienst in der Kirche statt, nachdem Mehmet II. angekündigt hatte, die Stadt mit Gewalt zu erobern. Und so kam er auch gleich nach der Eroberung der Stadt am 29. Mai nachmittags zum Gebet hierher, nicht auf dem Pferd, wie später behauptet wurde, sondern zu Fuß. Sein Respekt vor dieser Kirche zeigt sich auch darin, dass er schwere Strafen für die Zerstörung der Hagia Sophia angedroht hatte. Bis zum Bau der Fatih-Moschee 1470 diente ihm die Hagia Sophia als Privatmoschee. Außerdem ließ er den Großen Basar bauen, um die Stiftungen, die er der Hagia Sophia anschloss, zu finanzieren.
Alle Freitags- und Feiertagsgebete wurden wegen der Nähe zum Topkapi-Palast hier abgehalten. Der Sultan betrat die Moschee durch den Eckeingang, der zur heutigen Sultansloge führte.

Fünf Sultane sind hier begraben, unter anderem Selim II. im ehemaligen Baptisterium. Mehmet II. wurde in der Fatihmoschee beerdigt. Diese befindet sich auf dem vierten Stadthügel, dort, wo in byzantinischer Zeit die Apostelkirche stand, die Grabstätte von 82 byzantinischen Kaisern.
Viele der Kaisersarkophage stehen heute im Hof des Archäologischen Museums und im Hof vor der Hagia Irene. Ein anonymer Kaisersarkophag befindet sich bei der Glocke in der Vorhalle der Hagia Sophia.

Die berühmten Mosaiken der Hagia Sophia, wie das Mosaik von Christus auf einem juwelengeschmückten Thron über dem Kaiserportal, durch das der Kaiser die Kirche betrat, und alle anderen Mosaiken mit menschlichen oder tierischen Darstellungen, stammen aus dem 9. und 10. Jahrhundert.
Während des Bilderstreits, der das Byzantinische Reich zwischen 729 und 843 erschütterte, wurden alle menschlichen und tierischen Darstellungen entfernt. Aus der Erbauungszeit sind nur noch einige ornamentale Mosaiken in den Seitenräumen und auf der Empore erhalten.

Nach der Umwandlung zur Moschee 1453 wurden die Mosaiken abermals überdeckt und erst als die Hagia Sophia unter Atatürk Museum wurde, wieder freigelegt. Dass aber längst nicht alles freigelegt wurde, erkennt man daran, dass häufig, wenn Putz von Decke oder Wänden herunterbröselt, darunter Figuren erkennbar werden.

Die schlimmsten Schäden erlitt die Hagia Sophia allerdings während des vierten Kreuzzugs, als sie von den Kreuzfahrern geplündert wurde. Dabei wurden nicht nur die wertvollen Vorhänge am Kaiserportal geraubt und wertvolle Kreuze aus den Türen herausgerissen, sondern auch Edelsteine aus dem Altar herausgehackt, die Kronleuchter heruntergerissen, Reliquien und wertvolle Verkleidungen gestohlen und alles mit Maultieren aus der Kirche abtransportiert.
Es gibt aber auch noch Bauteile in der Hagia Sophia, die älter sind als die Kirche selbst, wie die roten Granitsäulen, die aus dem Artemis-Tempel von Ephesos, aus Baalbek im Libanon und aus Ägypten stammen. Durch die Verwendung dieser fertigen Säulen sparte man beim Bau Zeit.
Die Säulenkapitelle tragen das Monogramm von Justinian und seiner Gattin Theodora.
Im Seitenschiff finden sich Granitplatten mit Motiven aus der heidnischen Mythologie, wie Delphine, die mit Poseidon verbunden sind, mit denen man die Heiden ansprechen wollte.
Auf dem Stiftermosaik am Ausgang sieht man links Justinian, der der Mutter Gottes und dem Jesuskind ein Modell der Hagia Sophia überreicht. Dieses Modell ist auch deshalb interessant, weil es den ursprunglichen Bau ohne Stützkonstruktionen zeigt. Rechts neben Maria ist Konstantin (324 bis 337) zu sehen, wie er Maria ein Modell seiner neuen Hauptstadt, Konstantinopel, die am 11. Mai 330 eingeweiht wurde, präsentiert. Beide gelten in der orthodoxen Kirche als heilige Kaiser. Ebenso wie Mehmet II. und sein Nachfolger Selim I. als heilige Sultane gelten.
Die 1900 Jahre alten Türen am Ausgang stammen aus einem heidnischen Tempel in Antiochia.

Als wir ziemlich durchgefroren unseren Besuch in der Hagia Sophia beendet hatten, war es umso schöner für uns, in der warmen, weihnachtlich geschmückten Eingangshalle der Teppichgalerie Nakkas (www.nakkasrug.com) von Herrn Mesut Inceoğlu, dem Generaldirektor, und Herrn Selçuk Mergen empfangen zu werden.
Herr Inceoğlu zeigte uns eine 1500 Jahre alte Zisterne, die sich unter den Räumen der Galerie befindet. Sie wurde vor 13 Jahren entdeckt.
Heute dient sie als Kunstgalerie für Gemälde- und Keramikausstellungen. Manchmal finden hier auch kleine Konzerte statt.Etwa 150 solcher Zisternen soll es in der Stadt geben, die meisten davon sind noch unentdeckt. Notwendig waren diese Zisternen in byzantinischer Zeit, um die Stadt während der zahlreichen Belagerungen mit sauberem Wasser zu versorgen. Diese Zisterne sollte den kaiserlichen Palast beliefern.
Zunächst führte uns Herr Mergen mit Hilfe einer Teppichknüpferin, die uns ihre Arbeit demonstrierte, in die Kunst des Teppichknüpfens ein und machte uns mit Fachbegriffen wie Kett,- Flor- und Schussfaden, Einzel-, Doppelkno-ten, symmetrischer und asymmetrischer Knoten vertraut.
Außerdem erklärte er uns anhand einer Rechnung, wieviel Arbeitszeit in einem Teppich steckt:
In einem Seidenteppich von 120 cm Breite kommen auf jeden Zentimeter acht Knoten, d.h. 960 Knoten in einer Reihe. Eine Knüpferin kann maximal 1.000 Knoten pro Stunde knüpfen und maximal viereinhalb Stunden pro Tag arbeiten, weil die Sehkraft nicht länger ausreicht. (Bei Wolle liegt die Arbeitszeit bei sechseinhalb Stunden.) Das entspricht einer Tagesleistung von etwa 4.000 Knoten, was einem halben Zentimeter entspricht. Die Herstellung von einem Quadratmeter Teppich dauert etwa 160 Tage.
Dafür sind fünf bis fünfeinhalb Kilogramm Seide nötig. Ein Kilogramm kostet 100 Dollar, so dass allein der Materialwert eines solchen Teppichs bei 500 Dollar liegt.
Der Monatslohn einer Knüpferin für Seidenteppiche liegt bei 1500 Lira.
Nach Vollendung des Teppichs wird sein Flor von einem Zentimeter auf zwei Millimeter gekürzt, so dass 80 Prozent des Materials am Ende verworfen werden.
Die Ausbildung einer Knüpferin dauert achtzehn Monate. Allerdings ist Talent eine maßgebliche Grundvoraussetzung.
Da die Augen sehr stark beansprucht werden, kann die Tätigkeit nicht länger als 20 Jahre ausgeübt werden.

In seinem anschließenden Vortrag betonte Herr Mergen, der schon mehrere Bücher über Teppichkunde geschrieben hat, dass man Teppiche als Teil der Völkerkunde verstehen muss, weil man sie nicht losgelöst von der Kultur, in der sie entstanden sind, begreifen kann. Er zog dabei einen Vergleich mit der Musik: Einfache Teppiche, die ein Mädchen als Mitgift geknüpft hat, sind handwerklich oft nicht perfekt, kommen aber von Herzen und sind mit der Volksmusik vergleichbar. Im Atelier geknüpfte Seidenteppiche entsprächen dagegen der klassischen Musik.

In der Geschichte der Teppichkunde gibt es zwei wichtige Namen:
Wilhelm von Bode ist der Begründer der deutschen Teppichkunde. Er besaß eine einmalige Sammlung orientalischer Teppiche, die in das 1904 gegründete, später nach ihm benannte Bode-Museum in Berlin übergingen, und Bodes Nachfolger als Leiter der islamischen Abteilung des Museums Friedrich Sarre.
Die größte Teppichsammlung der Welt befindet sich im Museum für türkische und islamische Kunst in Istanbul. Unter anderem sind dort die ältesten orientalischen Teppiche der Welt zu sehen. Sie sind unter den Seldschuken vor 900 Jahren entstanden und wurden 1905 in der Alaaddin-Moschee in Konya entdeckt.
Der älteste Teppich überhaupt stammt dagegen aus einem Grab im südsibirischen Pazyryktal. In einer Eisschicht konserviert, blieb der Teppich aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gut erhalten. Heute befindet er sich in der Eremitage in St. Petersburg.
Das Osmanische Reich hat ab dem 14. Jahrhundert Teppiche nach Europa exportiert. Weil aber aus dieser frühen Zeit, dem 15. und 16. Jahrhundert, nur sehr wenige Teppiche erhalten sind, ist man in der Teppichgeschichte auf bildliche Überlieferungen auf alten Gemälden angewiesen. So sind im Hintergrund von Gemälden von Hans Holbein häufig Teppiche zu sehen. Teppiche, die die auf diesen Gemälden abgebildeten Muster zeigen, bezeichnet man als “Holbein-Teppiche”. Da Teppiche immer sehr wertvoll waren, liegen sie häufig nicht auf dem Boden, sondern auf dem Tisch.
In Westanatolien, in Bergama, wurden etwa 400 Teppiche für orthodoxe Kirchen in Siebenbürgen geknüpft, die dort an den Wänden hingen.
Herr Mergen nannte uns folgende Hauptgruppen von Teppichen:
persische, indische, armenische (kaukasische), ägyptisch-osmanische, kleinasiatische (von Griechen, Armeniern und Juden in Kleinasien geknüpft) und türkische Teppiche.
Besonders Armenierinnen und Griechinnen zeichneten sich durch sehr hohe Kunstfertigkeit aus.
Bis 1870 wurde mit Naturfarben gefärbt. Danach begann die Verwendung von synthetischen Farben. Durch Farbanalysen kann man heute Rückschlüsse auf das Alter der Teppiche ziehen.
Die feinsten Seidenteppiche der Welt stammen aus Hereke in der Türkei.

Einige Exemplare bekamen wir zu sehen. Dabei werden unvorstellbare Rekorde aufgestellt.
Wir sahen einen Teppich mit der Darstellung des Abendmals, der 1.156 (!) Knoten pro Quadratzentimeter enthält, ein anderer Teppich, der als zweitfeinster Teppich der Welt gilt, enthält sogar 1.600 (!) Knoten pro Quadratzentimeter. Bei einer solch filigranen Arbeit schafft eine Knüpferin maximal drei Reihen pro Tag, das entspricht knapp einem Millimeter.

Nach diesen eindrucksvollen Schilderungen wurden wir von Herrn Inceoğlu mit köstlichem Pide und Tee bewirtet.

Wir danken ihm ganz herzlich für die freundliche Bewirtung. Herrn Mergen sprechen wir unseren herzlichen Dank für seinen interessanten Vortrag aus und wünschen ihm alles Gute für sein Projekt, das erste große private Teppichmuseum in Istanbul aufzubauen.

Text: Annette Lui
Foto: Manuela Schliesser

 

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