Brücke–Stadtführung im Februar 2016 – Osmanisches Istanbul

Treffpunkt für unsere Tour war Gayrettepe, von wo aus wir mit dem Bus Richtung Stadtmauer fuhren. Auf dem Weg passiert man Çağlayan, den größten Justizkomplex Europas, zu dem es noch ein Pendant auf der asiatischen Seite gibt.
Im Stadtviertel Okmeydani gab es in osmanischer Zeit zahlreiche Klöster und Derwischorden. Außerdem diente es als Übungsgelände für Bogenschützen, was sich auch im Namen des Viertels (“ok” bedeutet “Pfeil”) widerspiegelt. Hier gründete Sultan Abdülhamid II. 1895 das erste Altenheim Europas, Darülaceze (“Tor der Bedürftigen”). Aber nicht nur für die körperlichen, sondern auch für die spirituellen Bedürfnisse aller Bewohner sollte hier gesorgt werden, deshalb erhielt der Gebäudekomplex auch eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge.

Bevor man auf die Halıç-Brücke fährt, kann man auf der linken Seite den jüdischen Friedhof von Hasköy erkennen,  auf dem der Stifter der Kamondo-Treppen in Galata, Abraham Kamondo, beerdigt ist. Am anderen Ende der Brücke liegt das Viertel Ayvansaray, wo die Theo-dosianische Landmauer auf die Mauern am Goldenen Horn stößt. Fährt man an der Landmauer entlang, sieht man relativ nahe beim Goldenen Horn einen großen Gebäude-komplex mit zwei Türmen, der mit der Mauer verbunden ist. Es handelt sich dabei um das Gefängnis des Anemas (Anemas Zindane). Der Name dieses byzantinischen Baus verweist auf den ersten Insassen, den byzantinischen General Michael Anemas, der nach einem gescheiterten Aufstand gegen Kaiser Alexios Komnenos (1081 bis 1118) hier eingekerkert worden sein soll. In den letzten Jahr-hunderten des byzantinischen Reichs sollen auch vier Kaiser und weitere berühmte Persönlichkeiten hier inhaftiert worden sein. Hinter dem Gefängnis befindet sich ein griechisch-orthodoxer Friedhof. Auf der anderen Straßenseite ist die Fabrik für das “Halk Ekmek”, das günstige Brot, das überall in Läden und Verkaufsständen verkauft wird.

Auf der Höhe von Edirnekapı, dem alten Stadttor nach Edirne, fallen auf der rechten Seite auf einem Hügel zwei Mausoleen mit Metallkuppeln auf, Anıt Mezarı. Es handelt sich dabei um die Grabmäler des ehemaligen Ministerpräsidenten, Adnan Menderes (1899 bis 1961) und des Minister- und späteren Staatspräsidenten Turgut Özal (1927 bis 1993). Menderes wurde 1961 nach einem Militärputsch u.a. wegen der antigriechischen Pogrome vom September 1955 hingerichtet, ist aber inzwischen rehabilitiert, wie auch zahlreiche Straßennamen, ein Flughafen und eine Universität, die nach ihm benannt sind, belegen. Um Özals plötzlichen Tod 1993 gibt es Spekulationen, dass er möglicherweise vergiftet worden sein soll.

Wo bis Mitte der 90er Jahre der große Busbahnhof Istanbuls lag, befindet sich heute der Topkapı Kulturpark. Hier sind unter anderem die Türk Dünyasi Kültür Evleri zu sehen, ein Zentrum das die Kultur der Turkvölker präsentiert. Alle der türkischen Kultur verbundenen Länder, wie die zentralasiatischen Republiken oder Aserbeidschan stellen in ihrem jeweiligen Haus ihr kulturelles Erbe vor, bieten Sprachkurse an und geben einen Einblick in ihre kulinarische Tradition, unter anderem gibt es ein usbekisches Restaurant. Teil dieses Parks beim Topkapı (“Kanonentor”) ist auch das Panorama 1453, das 2010, als Istanbul Kulturhauptstadt Europas war, eröffnet wurde. Acht Künstler haben in vier Jahren an diesem 2350 qm großen Rund-gemälde, das die Eroberung Konstantinopels am 29. Mai 1453 darstellt, gearbeitet. 10.000 Figuren sind darauf abgebildet. Die dreidimensionale Darstellung, der Kanonendonner, das Kampfgeschrei und die Kläge der Mehter-hane, der Militärkapelle geben dem Zuschauer das Gefühl mittendrin zu sein. Und als Zugabe ist oben an der Decke als Wolke das Profil Mehmets des Eroberers zu erkennen. Der Ort für das Panorama ist bewusst gewählt, weil an diesem Stadttor die Kanonen platziert waren und hier die erste große Bresche in die Mauer geschlagen wurde.

Im Jahr 412, also über 1.000 Jahre vorher, hatte der oströmische Kaiser Theodosius II. (408 bis 450) unter der Bedrohung durch die Hunnen und Goten mit dem Bau der massiven Landmauern begonnen. Dreifach gestaffelt und bis zu 11 Meter hoch waren die Mauern. Davor war ein 20 Meter breiter Graben. 96 (nach anderen Angaben: 178) Türme mit fünf Metern Mauerstärke komplettierten das 6,7 km lange Bollwerk. Tausend Jahre konnte es jeder der 23 Belagerungen standhalten. Die Osmanen sahen es im 14. und 15. Jahrhundert als “Knochen im Hals Allahs”. Nur Erdbeben hatten die Mauern im 5. und 6. Jahrhundert beschädigen können. Zusammen mit den Seemauern entlang des Marmarameeres und den Mauern am Goldenen Horn umgaben 23 km Wehrmauern die Stadt. Doch als sich im Frühjahr 1453 der damals erst 20jährige Sultan Mehmet II. von der damaligen osmanischen Hauptstadt Edirne mit seiner Streitmacht auf den 220 km langen Weg nach Konstantinopel machte, konnten sie die Stadt nicht mehr schützen. Angesichts der Kräfteverhältnisse ist es erstaunlich, dass es dennoch 53 Tage gedauert hat, bis die Stadt in die Hände der Osmanen gefallen ist, zumal bei dieser Belagerung auch erstmals Schießpulver zum Einsatz kam, unter anderem abgefeuert aus der größten Kanone der Welt, die von 400 Ochsen gezogen werden musste.Zu groß war die Übermacht der Angreifer: 80 bis 90.000 osmanischen Belagerern, manche Historiker sprechen sogar von 250.000 Mann, die das Belagerungsheer bildeten, standen 5.000 bis 9.000 waffenfähige Byzantiner gegenüber, die durch 2.000 genuesische Söldner unterstützt wurden. Der letzte byzantinische Kaiser Konstantin XI., der bezeichnenderweise den gleichen Namen wie der Gründer der Stadt trug, lehnte am 25. Mai 1453 ein letztes Angebot Mehmets II. zur Kapitulation ab. Am 29. Mai 1453 versammelten sich die Stadtbewohner zusammen mit dem Kaiser und seinen Kommandeuren zum letzten christlichen Gottesdienst in der Hagia Sophia. Danach fiel er im Kampf an der Stadtmauer als normaler Soldat, nur an seinen purpurnen Schuhen war er als Kaiser erkennbar.
Gemäß den damaligen Kriegsregeln fiel die Stadt für drei Tage in die Hände der plündernden Soldaten. Am 1. Juni betrat Mehmet staunend die Hagia Sophia, die vor jeder Zerstörung bewahrt worden war, und machte sie zu seiner Hauptmoschee. Die Apostelkirche hingegen, die als Begräbnisstätte der Kaiser gedient hatte, wurde abgerissen und von 1463 bis 1470 wurde an ihrer Stelle die Fatih-Moschee erbaut. Die meisten Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt.
Mehmet berief ein neues griechisch-orthodoxes Gemeindeoberhaupt und beließ dem Patriarchen seine Vorrechte gegenüber den orthodoxen Untertanen. Da die Stadtbevölkerung in den letzten Jahrhunderten und besonders durch die blutige Belagerung und Eroberung sehr geschrumpft war, sorgte er für Bevölkerungsnachschub. 1461 holte er viele Armenier aus Bursa, um ein Gegengewicht zu den Griechen zu schaffen. Teilweise überließ er den Armeniern auch ehemals griechische Kirchen. Sie siedelten sich in Kumkapı an. Aus Anatolien bsw. aus Aksaray holte er Türken, die das gleichnamige Viertel in Istanbul gründeten. Mehmet war ein sehr gebildeter Herrscher. Er sprach Griechisch, Arabisch, Persisch, Türkisch, ein wenig Latein und einen slawischen Dialekt. Im Alter von 49 Jahren starb er plötzlich auf einem Kriegszug, wahrscheinlich wurde er vergiftet.

In dieser Gegend entlang der Landmauer gibt es sehr viele Friedhöfe, was dadurch bedingt war, dass man seine Toten außerhalb der Stadtmauern begraben hat. Auch die Derwischorden bevorzugten dieses Areal zwischen Goldenem Horn und Marmarameer, weil es hier ruhiger war als in den dichtbevölkerten Vierteln innerhalb der Stadtmauern. Das kleine Viertel, das sich auf der Höhe des nächsten Stadttores, des Mevlanakapı, jenseits der Stadtmauer angesiedelt hat, ist nach einem Sufi Scheich benannt, Merkez Efendi. Der islamische Mystiker hat von 1463 bis 1552 gelebt. Er war bekannt für seine Heilkunst, durch die es ihm  gelungen war, die Mutter Süleymans des Präch-tigen, Ayşe Hafsa Sultan, von einer als unheilbar geltenden Krankheit mit einer Mixtur aus vierzig Kräutern zu heilen. Er wird seit der osmanischen Zeit als Heiliger verehrt.
Ursprünglich befand sich hier nur eine einfache Einsiedelei, die Merkez Efendi zusammen mit seinen Freunden errichtet hat. Sein Grabmal soll er selbst gebaut haben. Seit seinem Tod ist es das Ziel von Gläubigen. Später wurde der Gebäudekomplex erheblich erweitert um eine Moschee, ein Hamam, einen Raum für Selbstgeißelungen (Cilehane), Zellen für die Derwische, ein Gästehaus und eine Küche. Von den Originalbauten ist nur noch die Bibliothek erhalten.
In der Gegend gibt es sehr berühmte Lokale für Köfte, die wir uns zum Mittagessen haben schmecken lassen.

In der Merkez Efendi Mahalle liegt auch das Yenikapı Mevlevi Han, ein Kloster des Ordens der Tanzenden Derwische, das 1597 von dem Janitscharen Mehmet Malkoç Efendi gegründet wurde und bis zur von Atatürk angeordneten Schließung aller Orden 1925 in Betrieb war. Nach dem Galata Mevlevi Han ist es das zweitgrößte und zweitwichtigste Kloster des Ordens. Es ist im Lauf der Jahrhunderte mehrfach abgebrannt, wurde zuletzt von 2005 bis 2009 renoviert und ist jetzt Sitz der konservativen Fatih- Sultan- Mehmet- Universität. Auf dem Friedhof hinter dem Merkez Efendi Heiligtum zeigte uns Adnan einen sehr orginellen grün gestrichenen Grabstein mit der Aufschrift: “Er starb, weil die Frauen und Mütter ständig gestritten haben.”
Am Rand des Friedhofs nahe der nach ihm benannten Straße befindet sich das Familiengrab von Necmettin Erbakan (1926 bis 2011), der als Vorsitzender der islamistischen Refah-Partisi (Wohlfahrtspartei) von Juni 1996 bis Juni 1997 Ministerpräsident der Türkei war. Unter dem Druck des Militärs, das sich gegen seine islamis-tischen Bestrebungen wehrte, trat er am 30. Juni 1997 zurück. 2001 gründete er die Saadet Partisi, die heute noch aktiv ist. Von dieser Partei spaltete sich noch 2001 unter Recep Tayip Erdoğan die AKP als Reformflügel ab. Erbakan gilt als Erdoğans Mentor.

Folgt man weiter der Stadtmauer Richtung Yedikule erreicht man kurz hinter dem Belgradkapı das griechische Balıklı Rum Hastanesi. Die Anfänge des Krankenhauses liegen bereits im Jahr 1753. Das Krankenhaus haben wir nicht besichtigt, wohl aber das dazu gehörende Altersheim, in dem etwa 100 Bewohner ihren Lebensabend verbringen. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass man orthodoxen Glaubens sein muss.

Entgegen unseren Befürchtungen fühlten sich die älteren Menschen keineswegs durch unseren Besuch gestört. Ein Bewohner, ein Absolvent der österreichischen Schule, führte uns durch das Gebäude und zeigte uns u.a. die Kapelle, in der jeden Samstag um 9 Uhr eine Messe stattfindet. Höhepunkt des Besuchs war unser Treffen mit dem griechischen Sänger Yorgo Vapuridis, der sich sehr über unser Kommen gefreut hat, und uns in dem gemütlichen Aufenthaltsraum mit wunderschönem Blick auf das Marmarameer noch ein Lied auf griechisch und türkisch vorgesungen hat. Er galt als “König der Tavernen”, der mit seinem Gesang die Besucher der griechischen Tavernen am Bosporus unterhalten hat.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum griechischen Krankenhaus liegt das armenische Yedikule Surp Pirgic Hastanesi. Ein von der berühmten armenischen Architektenfamilie Balyan gebauter Krankenhaus-Komplex aus dem 19.Jahrhundert. Er besteht aus einer Kirche, einem renommierten Krankenhaus und einem Altenheim. Während in dem Krankenhaus auch nicht-armenische Patienten behandelt werden, ist das Altenheim armenischen Senioren vorbehalten.

Die Festung Yedikule, die der Gegend den Namen gab, hat ihren Ursprung bereits im 4. Jahrhundert. Kaiser Theodo-sius I., der von 374 bis 395 regierte, ließ hier einen Triumphbogen, das Goldene Tor (Altın Kapı) errichten, durch das siegreiche Herrscher nach ihren Feldzügen in die Stadt einritten. Später bauten es die Byzantiner zu einer viertürmigen Festung aus. Mehmet II. ergänzte drei weitere Türme, die der Festung schließlich den Namen Yedikule (Sieben Türme) gaben. Im 17. Jahrhundert wurde Yedikule zu einem Gefängnis umgewandelt und das Goldene Tor wurde zugemauert.

Fährt man wieder zurück Richtung Goldenes Horn ist das nächste Tor das Belgradkapı. Seinen Namen erhielt es dadurch, dass hier sehr viele Belgrader nach der Eroberung der Stadt angesiedelt wurden. Am 29.Mai vormittags wird immer an dieser Stelle die Eroberung Konstantinopels nachgespielt.

Unsere nächste Station war das Edirnekapı, das vorher Harisius- oder Adrianopel-Tor hieß. Von diesem Tor brachen die osmanischen Sultane zu ihren Balkan-Feldzügen auf. Durch dieses Tor ritt Mehmet II. am Morgen des 29. Mai 1453, nachdem die Byzantiner besiegt waren, in die Stadt ein.

Südlich des Edirnekapı liegt das Viertel Sulukule, das einst das älteste Roma-Viertel der Welt war. 2008 wurde das alte Viertel unter dem Vorwand der Erdbebengefahr abgerissen, um Luxuswohnungen Platz zu machen. Die ehemaligen Bewohner wurden 40 km außerhalb an den Stadtrand verbannt, wo es aber keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und schon gar keine Arbeit. Wenn sie überhaupt eine Entschädigung bekamen, war diese viel zu niedrig. Inzwischen hat der Europäische Gerichtshof erklärt, dass der Abriss unrechtmäßig war.

Direkt hinter dem Edirnekapı, auf dem höchsten Punkt des alten Istanbul steht die Mihrimah Sultan Moschee Sie wurde von Sinan zwischen 1562 und 1565 gebaut. Mihrimah Sultan (1522 bis 1578), die aufgrund ihres persischen Namens vom Volk “Sultana der Sonne und des Mondes” genannt wurde, war die einzige Tochter von Süleyman dem Prächtigen und Roxelane. Mit 17 Jahren wurde sie mit dem als tüchtig geltenden späteren Großwesir Rüştem Paşa (1500 bis 1561), der 22 Jahre älter und körperlich sehr wenig attraktiv war, verheiratet. Rüstem Pascha starb 17 Jahre vor ihr. Nach dem Tod ihrer Mutter Roxelane 1558 wurde sie zur wichtigsten Ratgeberin ihres Vaters. Sie war eine der einflussreichsten und wohlhabendsten osmanischen Prinzessinen über-haupt. Aus ihrem großen Vermögen stiftete sie zwei Moscheen-Komplexe, den beim Edirnekapı und einen in Üskudar nahe der Schiffsanlegestelle.
Auffällig an dieser Moschee ist die große Helligkeit, die durch die 161 Fenster erreicht wird. Der Innenraum wird durch vier große Pfeiler geteilt, die die 37 Meter hohe Hauptkuppel und drei weitere Halbkuppeln tragen. Drei der Granitpfeiler stammen aus der Antike. Die Moschee verfügt nur über ein Minarett, weil sie keine Sultansmoschee ist. Aber, wie es für eine Stiftung typisch ist, wurde sie durch eine Medrese, eine Armenküche und ein Hamam ergänzt.Die Moschee wurde häufig durch Erdbeben beschädigt: 1719, 1766, 1894 und 1999. Der Minbar, die Kanzel für die Freitagspredigt, und das Minarett wurden in der Barockzeit erneuert.
Mihrimah ist jedoch bei keiner ihrer Moscheen begraben, sondern bei der Türbe ihres Vaters bei der Süleymaniye Moschee.

Zum Abschluss der Führung fuhren wir mit dem Bus nach Harbiye um im Militärmuseum noch ein Konzert einer Mehter-Kapelle anzuhören. Es handelt sich dabei um die Musik der Janitscharen, die bei Militärparaden, Truppenbewegungen und Schlachten zur Lenkung und zur Motivation der Kämpfer eingesetzt wurde.

Damit ging eine sehr abwechslungsreiche Führung zu Ende.

Text: Annette Lui
Foto: Veronika Neuhauser

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