BRÜCKE – STADTFÜHRUNG IM JANUAR 2015 – Exkursion durch Cihangir

Bei trübem Winterwetter trafen wir uns am 13. Januar das erste Mal im neuen Jahr zu einer Führung mit Adnan Özeler. Dieses Mal stand Cihangir auf dem Programm. Dort hat die Vereinigung der Reiseleiter, direkt gegenüber vom Hintereingang des Deutschen Krankenhauses, ihr neues Büro mit Veranstaltungsräumen frisch restauriert und uns den Vortragssaal zur Verfügung gestellt.

Adnan präsentierte uns seine umfangreiche Dia-Show zum Thema: „Pera – Beyoǧlu, Das europäische Gesicht Konstantinopels“.
Er begann seinen Vortrag mit Fotos vom Atatürk-Denkmal auf dem Taksim-Platz. Dieses Denkmal aus dem Jahre 1926 markiert in der jüngeren Geschichte das Zentrum Konstantinopels. Rund um das Denkmal konzentriert sich das „europäische Gesicht“ der Stadt: Hier beginnt die berühmte Geschäftsstraße Istiklal und hierhin führen und führten alle politischen Demonstrationen. Wie wir sehen konnten, wurden die Straßenschilder mit arabischen Schriftzeichen übrigens erst im Jahre 1933/34 durch lateinische ersetzt.
Atatürk-Denkmal und Taksim Platz gehören heute zum Stadtteil Beyoğlu. Ebenso wie der Nachbarstadtteil Pera in Richtung Goldenes Horn so wie Cihangir in Richtung Bosporus, sind diese Stadteile erst nach der Eroberung Byzans‘ durch Mehmed II im Jahre 1453 entstandten. Vorher gab es auf der nördlichen Seite des Goldenen Horns nur den Stadtteil Galata, umgeben von einer Stadtmauer und ausgedehneten Feldern und Gärten.

Auf zahlreichen Dias konnten wir sehen, wie diese alte italienisch-katholische Genueser Siedlung gegenüber dem orthodoxen Konstantinopel damals ausgesehen haben muss. Noch heute findet man Reste der alten Stadtmauern und auch Wachtürme. Der berühmteste ist der Galata Turm, eines der Wahrzeichen der Stadt. Die Befestigungsanlagen waren notwendig, weil die genuesischen Händler und andere Kolonisten von dort aus den Seehandel mit dem Orient und den Handel mit Konstantinopel auf der anderen Seite des Goldenen Horns betrieben. Der Name „Galata“ geht auf frühe keltische Besiedlung zurück. Er wird durch die Namensgebung für die Galata-Brücke, den Galata-Turm, das Galatasaray Gymnasium und den berühmten Sportklub Galatasaray bis in unsere Tage bewahrt. Die Häuser der reichen Händler und Bankiers haben z.T. bis in unsere Tage überlebt. Auf einigen Dias sahen wir Gemälde aus jener Zeit, wo Galata im Vordergrund und Byzans im Hintergrund dargestellt waren. Auch die grünen Felder und Gärten rund um Galata haben osmalische Miniaturmaler zu ihren Gemälden inspiriert.

Nach dem Fall Byzanz begann die Ausdehnung des europäischen Konstantinopel hinauf bis zur Anhöhe am heutigen Taksim Platz. Die Stadtteile Beyoǧlu im Norden, westlich Pera und östlich davon Cihangir entstanden. Gleichzeitig wurde das alte Galata weitergebaut. Rund um den Hafen von Karaköy wurden die prunkvollen Villen der Banken und Geschäftshäuser errichtet.  1875 baute man die Tünel Bahn, die als historische Zahnradbar die Menschen noch heute schnell von der Unterstadt in die Oberstadt bringt und umgekehrt.

Die Bautätigkeit war enorm. Geschäftsleute aus ganz Europa kamen hierher, diplomatische Vertretungen folgten, Schulen, Krankenhäuser, Kirchen und Kultureinrichtungen führten zur Verwestlichung des Osmanischen Reiches. Als die lange „Grand rue de Pera“ in „Istiklal“ umbenannt wurde, beherrschten griechisch-orthodoxe, armenische, russische, italienische und jüdische Geschäfte das Straßenbild. Die stattlichen Paläste der diplomatischen und kirchlichen Vertretungen hatten meist im Hinterhof ihre Wirtschaftsgebäude. Auf einigen Dias waren Esel und Schafe auf den Straßen zu sehen.

Die Stadtentwicklung hat auch immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen. Zwei Mal haben Brände gewütet. Im Jahre 1870 wurde die ganze Fläche zwischen Istiklal und Tarlabasi nordwestlich Peras zerstört.  Das führte zu einem neuen Gesetz, nachdem foltan nur noch mit massiven Steinen und stützenden Stahlträgern gebaut werden durfte.
Am restaurierten Haus der Familie Koç kann man diese Bauweise noch sehr schön nachvollziehen. In Cihangir ist die feudale Architektur des 19. Jahrhunderts noch am besten erhalten geblieben.

Hinter den Stadtmauern gab es überall große Gräberfelder. Diejenigen oberhalb von Galata sind unter den Häusern von Beyoğlu, Pera und Cihangir begraben worden. Diejenigen oberhalb der neuen Stadtteile, rund um den heutigen Taksim-Platz und den Gezi-Park sind ebensfalls den späteren Stadterweiterungen zum Opfer gefallen, was wir durch verschiedenen Dias gut nachvollziehen konnten. So wurde z.B. der ehemals katholische Friedhof 1870 nach Feriköy verlegt. Nur an wenigen Stellen sind alte Gräber erhalten geblieben, wie im Garten des Geländes des Deutschen Konsu-lats.

Viele Dias zeigten die zentrale Region rund um das Atatürk-Denkmal. Autos der Marke „Ford“ beherrschten das Stadtbild. Herrliche Paläste für Banken, die griechische Schule oder namhafte Hotels bestimmten das Bild rund um den Taksim-Platz. Auch Aufnahmen der osmanischen Kaserne auf dem Gelände des heutigen Gezi-Parks zeigten die damalige Homogenität des europäischen Istanbuls.

Das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben Istanbuls wurde mit der türkischen „Kristallnacht“ vom 6. auf den 7. Sept. 1955 jäh verändert.
Gab es in den Jahren davor ein reges westliches Leben mit Varietees, Kinos, Tanzveranstaltungen, so änderte sich das Straßenbild von einem Tag auf den anderen. Heute sind von den zahlreichen Kinos nur noch vereinzelte Straßenfronten und Torbögen erhalten geblieben. Die Geschäftsinhaber sind bis auf eine einzige Ausnahme, dem Miederwarenhändler in der Nähe der deutschen Buchhandlung, alle bestimmt von türkischen Geschäftsleuten und internationalen Geschäfts-ketten.
Das homogene Stadtbild ist „durchlöchert“.
Nur noch vereinzelt scheint der alte Prunk durch. Viele „Bausünden“ haben das Stadtbild nicht gerade schöner gemacht.

Nach einer kleinen Pide-Stärkung verließen wir das Haus der Reiseleiter wieder und machten uns auf den Rundgang durch das alte Cihangir. War das Wohnviertel südlich des Deutschen Krankenhauses noch vor Jahren heruntergekommen, so sind dort mittlerweile gut restaurierte Wohngegenden entstanden. Tagsüber ist es eher ruhig dort, aber nachts kehrt Leben ein, denn rund um die Firüzaǧa Camı,  aber auch in zahlreichen Seitenstraßen sind Cafes und Bars, Kunstläden, Galerien und Teehäuser entstanden.

Bei der armenischen Glasbläserin Kristin durften wir zuschauen, wie sie ihre Kunstgewerbe-Artikel im Atelier ihres kleinen Evihan herstellt. Ihr „Markenzeichen“ sind die kleinen Glasengel mit Silberverziehrungen.

Auf unserem weiteren Weg in Richtung Beyoğlu sind wir dann in das Zentrum der Antiquitätengeschäfte gelangt. Leider sind die umliegenden Häuser teilweise nicht im besten Bauzustand, doch die Antiquitätenauswahl ist nirgendwo größer als hier.

Kurz vor Erreichen der Istiklal fanden wir in der Ayhan Işık Sokak gleich mehrere interessante Gebäude: im Keller des Hauses, das den Istanbuler Fotoklub IFSAK beherrbergt, hatte man Liebesbrief von Kemal Atatürk gefunden, die er seinerzeit einer Französin geschrieben hatte, was dazu führte, dass heute das Cafe im Nachbarhaus den Namen „Corine Cafe“ führt. Ob die für diese Gegend bekannten Kaffee-Leserinnen oder die nahegelegene Model-Agentur auch etwas mit dieser Geschichte zu tun haben, konnten wir nicht klären.

In der Seitengasse wies uns Adnan auf die vielen „Türkü-Bars“ hin, in denen zumindest früher noch die alten türkischen Musikinstrumente gespielt, dazu getanzt und gefeiert wurde. Heutzutage fallen die Wasserpfeifen auf, die vor jeder Bar auf Kunden warten. Vom alten deutschen See-fahrerheim aus dem Jahre 1896 (s. Foto!) ist auch nur noch der Toreingang erhal-ten geblieben, dafür kann man bei Juri Gagarin den „Kosmonau-tenschnaps“ genießen.

Text und Foto:
Annette Fleck

 

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