Brücke–Stadtführung im Januar 2016 – Galata

Galata bildete zusammen mit Pera das europäisch geprägte Gesicht Istanbuls. Schon in byzantinischer Zeit ließen sich hier genuesische Kaufleute nieder, bald entstand hier die größte italienische Handelskolonie außerhalb des lateinischen Kulturkreises. Über die Herkunft des Namens gibt es unterschiedliche Erklärungen: eine davon ist, dass er griechischer Herkunft sei und so viel wie “Molkerei, Milchprodukt” bedeutet, eine andere führt ihn auf eine frühe Besiedlung durch die Kelten (Galater) zurück, eine dritte auf die vielen Gässchen, die sich dort befinden und italienisch “callata” heißen.
1263, nach der byzantinischen Rückeroberung Konstantinopels von den Venezianern, die die Stadt 1204 im 4. Kreuzzug eingenommen und bis 1261 beherrscht hatten, begannen die Genuesen mit der Errichtung einer eigenen Stadt jenseits des Goldenen Horns. Das Recht dazu hatten sie sich durch ihre Unterstützung des byzantinischen Kaisers Michaels VIII. Palaiologos bei der Rückeroberung Konstantinopels von ihrem Erzrivalen Venedig gesichert. Die Genuesen haben sofort den Hafen befestigt und Stadtmauern errichtet. An der Schnittstelle der Mauern, dem höchstem Punkt, bauten sie 1348 den Galata-Turm. Von dem 68 Meter hohen Turm aus haben sie den Schiffsverkehr geregelt.
Nach der osmanischen Eroberung 1453 verlangte Mehmet II. den Abriss der Hafenbefestigungen. Die Mauern blieben teilweise noch bis ins 19. und sogar frühe 20. Jahrhundert erhalten. Reste kann man in Galata auch heute noch sehen. Der Galataturm, der zwischenzeitlich auch als Gefängnis und astronomisches Observatorium genutzt wurde, ist heute ein Wahrzeichen der Stadt. Ein anderer Turm der alten Befestigung war die heutige Yeraltı Camii in Karaköy.
Hier wurde die berühmte Kette gelagert, die in byzantinischer Zeit über das Goldene Horn gespannt wurde, um feindliche Schiffe an der Einfahrt in das Goldene Horn zu hindern.
Wie bereits erwähnt waren Galata und Pera sowohl von der Einwohnerschaft als auch von der Architektur her sehr europäisch geprägt. Die verheerenden Brände von 1831 und 1870 schufen die Voraussetzung für einen Neuaufbau der Stadtteile in Stein entsprechend den zeitgenössischen europäischen Baustilen. Zwischen 1850 und 1914 lebten hier etwa 100.000 Briten, Franzosen, Österreicher, Deutsche und Italiener zusammen mit Griechen, Armeniern und Juden. Türkisch war hier eine Fremdsprache. Entsprechend der modernen Prägung des Viertels ist hier auch 1875 die Tünelbahn gebaut worden, die zweitälteste Metro der Welt. Dies geschah zunächst gegen den Widerstand des Ersten Muftis, der mit der Begründung, dass Muslime nicht lebendig unter der Erde sein sollten, die Erlaubnis verweigerte. Deshalb wurden im ersten Jahr nur Schlachttiere transportiert, im Jahr danach aber auch Menschen. Der hohe Schornstein am Tünelplatz erinnert an das Kraftwerk, das zur Versorgung der ersten Tünelbahn diente.

In der Ilk Belediye Cad. hinter dem Eingang zur Tünelbahn befindet sich das Rathaus von Beyoğlu. Es wurde 1855 während des Krimkrieges von einem italienischen Architekten gebaut. Es war das erste seiner Art und seine Errichtung war dem Einfluss der englischen und französischen Militärs geschuldet, die sich als Verbündete der Osmanen während des Krieges in Istanbul aufhielten. Nach den Reformgesetzen von 1856 erhielten die Städte kommunale Selbstverwaltung und wurden in Distrikte unterteilt. Wasserversorgung, Gasbeleuchtung, Elektrizität wurde von diesen Distrikten organisiert.

 

Folgt man der Straße nach unten, sieht man auf der rechten Seite den Cinili Han, ein Jugendstilhaus aus dem Jahr 1910, das seinen Namen wegen der schönen Kacheln (türk. cini) am Eingangsbereich erhielt.
Eines der ältesten Gebäude in dieser Gegend ist das Mevlevihane in der Galipdede Cad. Das Mevlevi-Kloster wurde 1491 gegründet, sein heutiges Gebäude ist aber erst 200 Jahre alt. Wie alle Klöster wurde auch dieses unter Atatürk geschlossen und ist heute ein Museum, in dem aber regelmäßig Aufführungen der Tanzenden Derwische stattfinden. Im Klosterbereich befindet sich auch das Grabmal des Hofdichters Galip Dede aus dem 17. Jahrhundert. Sein Grabmal weist Ähnlichkeit mit dem Mausoleum in Halikarnassos (heute Bodrum), einem der nicht mehr existenten Sieben Weltwunder der Antike, auf. Auch der Buchdrucker Ibrahim Müteferrika, der 1730 den Buchdruck im Osmanischen Reich einführte, ist hier beerdigt, ebenso wie der zum Islam konvertierte französische Artillerie-Kommandant Kumbaraci (“der Bombardier”), nach dem ebenfalls eine Straße benannt wurde.

Folgt man der Galipdede Cad. nach unten, stößt man auf das Gebäude der “Teutonia”, die als deutsches Kulturzentrum 1896 von Guiseppe Semprini errichtetet wurde. Schon vorher hatte es ein entsprechendes Kulturzentrum gegeben, das Schweizer Pendant “Helvetia” befand sich in der Nähe des Tünel-Platzes. Auch hier ist noch die alte Inschrift erkennbar. Neben Kulturzentren gründeten die aus Europa stammenden Minderheiten im 19. Jahrhundert auch Schulen, wie das St.-Georgs-Kolleg (Sen Jorj) der Österreicher oder die Deutsche Schule Istanbul (Alman Lisesi), Krankenhäuser und betrieben eigene Gerichte und Gefängnisse.

In der Tınarcı Sok., einer Seitenstraße der Galipdede Cad. kann man auf einem verfallenen Gebäude die Jahreszahlen 5652 und 1892 erkennen, ein Hinweis auf den jüdischen Erbauer dieses ehemals stattlichen Gebäudes. Die jüdische Prägung Galatas zeigt sich auch an der Anzahl der Synagogen, die sich in diesem Viertel befinden.

Hinter dem Galataturm liegt die Galata Kulesi Sok. Folgt man ihr abwärts Richtung Karaköy, kann man auf der rechten Seite hinter dem Restaurant “Nola” noch Reste der alten Stadtmauer erkennen. Einige Meter weiter unten auf der linken Straßenseite sieht man das ehemalige englische Gefängnis (Eski Ingiliz Karakolu), das heute ein Restaurant beherbergt.
Schräg gegenüber ist der unscheinbare Eingang zur Kirche “St. Peter und Paul” (Sen Piyer Kilisesi) zu erkennen. Hier befindet sich der Sitz der Dominikaner. Dieser Predigerorden hat sich bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Istanbul angesiedelt. Er hatte seinen Sitz ursprünglich in der Kirche St. Paul, die 1475 in die Arap Camii umgewandelt wurde. Diese Moschee in der Galata Mahkeme Sok. mit dem viereckigen Glockenturm, der jetzt als Minarett dient, ist das einzige Beispiel mittelalterlich gotischer Architektur in Istanbul.
Die Dominikaner errichteten  daraufhin ihre Kirche St. Peter an der heutigen Stelle. Mehrere Vorgängerbauten wurden v.a. durch Brände zerstört, so dass das jetzige Gotteshaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. Die Grundmauer hinter dem Hauptaltar besteht aus Resten der alten genuesischen Stadtmauer. Architekten dieses neoklassizistischen Baus waren die Brüder Fossati. Sie waren zum Bau der russischen Botschaft hierhergekommen, hatten zeitgleich die Hagia Sophia restauriert und auch noch das Krankenhaus in Baltalimanı errichtet.

Die katholische Gemeinde in Istanbul umfasst etwa 15.500 Gläubige nach lateinischem Ritus, hinzukommen Katholiken, die dem armenischen, chaldäischen  und westsyrischen Ritus folgen. Die meisten römisch-katholischen Kirchen Istanbuls befinden sich in dieser Gegend. Die größte Kirche ist die Saint Antoine Kilisesi, die ebenso wie Santa Maria Draperis auf der Istiklal Cad. liegt. Nahe der Vatikanischen Vertretung in Harbiye befindet sich die französische Kathedrale Saint Esprit und in Yeşilköy gibt es noch die Kirche San Stefano.

Rechter Hand in der Eski Bankalar Sok. liegt der Senpiyer Han, in dem 1762 der französische Dichter Andre Chenier als Sohn eines hier ansässigen Tuchhändlers geboren wurde. Während der Französischen Revolution wurde er wegen seiner königstreuen Haltung guillotiniert. Bei den Bregenzer Festspielen wurde vor einigen Jahren die gleichnamige Oper “Andrea Chenier” aufgeführt.Folgt man der Straße weiter nach unten stößt man auf der Ecke zur Kartçınar Sok. auf die Rückseite des Hauses des Podesta, des Oberhaupts der genuesischen Stadtverwaltung, den Palazzo del Comune aus dem Jahr 1316. Das Familienwappen der aus südfranzösischem Adel stammenden Familie ist noch an dem Gebäude sichtbar.

Nach unserer Mittagspause in dem sehr empfehlenswerten Restaurant “Bankalar Lokantasi” in der Perşembe Pazari Cad. setzen wir unseren Weg auf der Bankalar Cad., dem osmanischen Finanzzentrum des 19. Jahrhunderts, fort. Biegt man von dort nach rechts in die Şair Ziya Paşa Cad. ein, kann man das Yanık Kapi, das “verbrannte Tor”, eines der ehemaligen Stadttore Galatas mit Resten der Stadtmauer und den Glockenturm von Sen Piyer sehen. Über dem Tor kann man eine Steintafel mit den Wappen zweier wichtiger genuesischer Familien erkennen. Daneben befindet sich die italienische Synagoge von 1886, die aber keine Gemeinde mehr hat. Der benachbarte Laleli-Brunnen ist ein sehr schönes Beispiel für Jugendstil, geschaffen 1904 von dem Architekten Raimondo d`Aronco, der auch das Botter-Apartamani auf der Istiklal entworfen hat.

Ein anderes Beispiel für Jugendstil ist die hübsche Treppe, die von der Bankalar Cad. zur Kartçınar Sokak führt. Sie wurde im Auftrag von Abraham Kamondo 1870 bis 1880 ebenfalls von Raimondo d`Aronco gebaut. Die Familie Kamondo waren sephardische Juden, die über Venedig im 18. Jahrhundert nach Istanbul gekommen waren. Im 19. Jahrhundert avancierten sie zu den führenden Bankiers des Osmanischen Reichs und finanzierten mit ihren Krediten den Krimkrieg für Sultan Abdülaziz und später auch den Suezkanal. Sie unterhielten mit ihrem Geld aber auch Schulen und besaßen 50 Immobilien in Galata. Später siedelte die Familie nach Frankreich über. In ihrem Pariser Haus befindet sich heute ein Museum. Ein Nachfahre starb während des 1. Weltkriegs als Kämpfer der Luftwaffe für Frankreich. Seine Tochter mit Familie wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

An der Ecke Bankalar Cad./Yüksek Kaldırım Cad. liegt der Minerva Han, der früher die Deutsche Bank (“Doyçe Bank” – wie die Inschrift zeigt) und eine griechische Bank beherbergte, heute von der Sabanci-Universität genutzt wird.

Durch die Nähe zum Hafen Karaköy waren im 19. Jahrhundert in Galata sehr viele Bordelle, in denen aber nur europäische Frauen ihrem Gewerbe nachgingen. Auch heute gibt es in den Gässchen Galatas noch solche Etablissements. Die beste Steuerzahlerin der Türkei war jahrelang die Bordellbetreiberin Matild Manukyan, die Anfang der 90er Jahre mehrmals als Zahlerin der höchsten Steuern des Landes staatliche Auszeichnungen erhielt.

Ganz in der Nachbarschaft in einem schmalen Gässchen abgehend von der Kemeralti Cad. liegt die ehemalige armenisch-katholische Hauptkirche Surp Pirgic, die in Form eines antiken Tempels vor 150 Jahren gebaut wurde. Am 13. September 2014 fand hier die Inthronisation des neuen armenisch-katholischen Erzbischofs Levon Zekiyan statt. Die Kirche ist nur noch donnerstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet, um 10.30 Uhr findet der Gottesdienst statt.

Unterhalb der Kirche in der Kemeraltı Cad. befindet sich die Schule St. Benoit (Özel Saint Benoit Fransiz Lisesi). Bereits im 15. Jahrhundert hat sich hier ein Benediktiner-Kloster angesiedelt. Die Kirche “St. Benoit Kilisesi” ist die älteste noch im Gebrauch befindliche katholische Kirche in ganz Istanbul, aber leider nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Unter dem Glockenturm befand sich in byzantinischer Zeit eine Zisterne. Im 19. Jahrhundert wurde die Klosterschule in ein “Lise” umgewandelt und ist heute eine der renommiertesten Schulen Istanbuls. Viele Journalisten und Politiker zählen zu ihren Absolventen.

Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite ist die armenisch-gregorianische  “Surp Krikor Lusarovic Kilisesi”, die Kirche Gregorgs des Erleuchters. Ihr Vorgängerbau war die erste armenische Kirche in Istanbul. Diese prächtige Kirche musste der Verbreiterung der Straße weichen, so dass der jetzige Bau aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um 20 Meter nach hinten versetzt ist.

Folgt man der Straße weiter Richtung Tophane, biegt man nach links in die Revani Sokak ab. Hier kann man auf der linken Seite ein Original-Stadttor erkennen, das jetzt zugemauert ist. Am Ende der Straße hat einer der berühmtesten türkischen Maler, Ismail Acar, eine Galerie im Papadopoulos Apartamani.

In der Tatar Beyi Sok. befindet sich ein jüdisches Altersheim, das von der Stiftung der Neve-Shalom-Synagoge (Neve Shalom M.S. Vakfi) betrieben wird und in dem hundert ältere Menschen leben. In der gleichen Straße liegt das Keramik-Atelier Zen Ceramics (Tatar Beyi Sok.16/2), das 2009 eröffnet wurde. Hier werden handgemachte Unikate aus Porzellan hergestellt und verkauft. Das kleine Unternehmen liefert seine sehr ansprechenden Produkte auch an Paşabahçe.

Wir erhielten auch eine kurze Einführung in die Ebru-Malerei, die Kunst des Malens auf dem Wasser. Diese traditionelle Kunst ist seit dem 9. Jahrhundert in Ostasien nachweisbar und kam im 12./ 13. Jahrhundert über die Seidenstraße ins Gebiet der heutigen Türkei.

Im 16. Jahrhundert erreichte sie in Istanbul ihre Blüte. Ganz wichtig ist dabei die aufwändige Herstellung der Farben, die auch in diesem Atelier auf mineralischer und pflanzlicher Basis durch die Künstlerin oder den Künstler selbst erfolgt. Ebenso wird das Wasser mit einer Substanz auf Basis von Gummi und Ochsengalle, die dafür sorgt, dass sich die Farbe auf der Wasseroberfläche ausbreitet und sich nicht mit den anderen Farben vermischt, von der Künstlerin selbst schon Tage vor der Herstellung des Bildes vorbereitet. Auch die Werkzeuge, wie Pinsel aus Rosshaar und Rosenholz und Kämme und Nadeln aus Glas und Metall, werden von den Künstlern selbst angefertigt. Wenn das Bild auf seiner flüssigen “Leinwand” fertiggestellt ist, wird vorsichtig ein Blatt auf das Bild gelegt, das sich in wenigen Sekunden auf das Blatt überträgt. Das Atelier bietet auch Workshops zur Ebru-Malerei an.

Unsere nächste Station war das Doğan Apartamanı in der Serdar-i Ekrem Sok. in der Nähe der Deutschen Schule. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Galata eine begehrte Wohngegend. Deshalb entstand dort, wo heute das Doğan Apartamanı liegt, die preußische Vertretung. Später residierte hier ein osmanischer Pascha. Der heutige Gebäudekomplex ist Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Schon vor dem 1. Weltkrieg haben in dem damaligen Nahid Bey Han viele Ausländer gewohnt, u.a. deutsche Ingenieure und Unternehmer, die mit dem Bau der Bagdadbahn beschäftigt waren. Nach 1933 waren viele der Bewohner deutsche Exilanten. 1942 kaufte der Maschinenbauer Kasem Taşkent, der die Doğan Sigorta und die Yapı Kredi Bank gegründet hat, das Gebäude. Das Gebäude benannte er nach seinem bei einem Unfall verstorbenen Sohn Doğan. Der Gebäudekomplex enthält 51 Wohneinheiten in vier Blocks, die sehr angesagt und teuer sind. Leider kann man den Innenhof nicht mehr einsehen.

Die letzte Station dieser Führung war die Crimean Memorial Church (Kirim Kilisesi), die sich in der gleichen Straße weiter unten Richtung Tophane befindet. Diese neogotische protestan-tische Kirche wurde wie der Name schon sagt anlässlich des Krimkriegs gebaut und dient der englischen Gemein-de als Gotteshaus. Auch sie war an diesem Tag leider nicht zugänglich.

Diese Führung vermittelte uns wieder viele neue Informa-tionen und Einblicke in ein längst vertrautes Viertel.

Text: Annette Lui

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