Brücke – Stadtführung im Juni 2016 – Kadiköy

Kadiköy hat 500.000 Einwohner, die sich auf 20 Mahalles verteilen. Es ist sicher einer der liberalsten und modernsten Stadtteile Istanbuls. Hier dominieren eher Kirchen als Moscheen, was daran liegt, dass hier früher viele Armenier und Griechen gelebt haben.

Da dieses Gebiet aber schon 1353, also 100 Jahre vor Konstantinopel, von den Osmanen erobert wurde, soll sich in Kadiköy jedoch auch die älteste Moschee Istanbuls befinden.

Auch sonst hält die Gegend den Rekord, der am längsten besiedelte Stadtteil Istanbuls zu sein. Bereits 685 v. Chr. haben sich hier Griechen niedergelassen, die ihre Siedlung Chalkedon nannten.

Von den Bewohnern des 18 Jahre später gegründeten Byzantion, die auf der heutigen Serailspitze (Sarayburnu), also in der Gegend des Topkapi-Palastes siedelten, wurden sie als “die Blinden” verspottet, da sie nicht die Vorteile der Serailspitze erkannt hatten, die – von Wasser umgeben – leicht zu verteidigen war und außerdem die Möglichkeit bot, den Bosporus zu kontrollieren. Ältere Siedlungsspuren reichen sogar ins 6. Jahrtausend v. Chr. zurück. Als Ort des kirchenpolitisch bedeutenden Konzils von Chalkedon 451 erlangte Kadiköy nochmals Bedeutung. Der heutige Name stammt aus dem 16. Jahrhundert, als Süleyman der Prächtige die Gegend seinem obersten Richter, dem Kadi, übergab, so dass es zum “Dorf des Richters” wurde.

Der Treffpunkt der heutigen Führung war das “Tepe Nautilus”- Einkaufszentrum, das für Istanbuler Verhältnisse mit 15 Jahren relativ alt ist. Das Nautilus-Monument am Eingang erinnert ebenso wie die Architektur des Einkaufszentrums an das U-Boot “Nautilus” aus Jules Vernes Roman “Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer”.

Ayrılık Çeşme, wo sich heute die Endstation der Marmaray befindet, war in osmanischer Zeit der Ort, an dem sich Karawanen und Soldaten trafen, um nach Osten aufzubrechen. An dem Brunnen aus dem 17. Jahrhundert, der angesichts der heutigen Bebauung nur noch sehr unscheinbar ist, haben sich die Abreisenden noch einmal mit Wasser versorgt. Hier, am ehemaligen Startpunkt der Karawanen, die häufig Bagdad als Ziel hatten, beginnt dementsprechend auch die 14 km lange Bağdat Cad., die elegante Haupteinkaufsstraße auf der asiatischen Seite.

Hinter dem Brunnen liegt ein alter osmanischer Friedhof, dessen Anfänge im 16. Jahrhundert liegen. Aus dem 18. Jahrhundert findet man noch Grabsteine, u.a. soll hier ein arabischer Heiliger begraben sein.

Der Name “Yeldeğirmeni” (Windmühle) für das Viertel verweist auf die zahlreichen Windmühlen, die früher hier standen. Das Militär nutzte diese Gegend auch als Übungsplatz. Später siedelten hier v.a. Griechen und Juden. Viele der Juden kamen nach einem Brand in Kuzguncuk nach der Jahrhundertwende hierher.

Die Fassade der ehemaligen jüdischen Grundschule ist ebenso wie zahlreiche andere Fassaden des Viertels durch Wandmalereien geschmückt. Diese wurden von drei polnischen Grafiti-Künstlern, namens N-City, Chazme 713 und Sepe, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 600-jährigen Jubiläum der polnisch-osmanischen Beziehungen vor zwei Jahren gestaltet. Man findet hier auch noch einige alte verfallene Holzhäuser.

Das Viertel Rasim Paşa als Teil von Yeldeğirmeni ist benannt nach dem 1826 geborenen gleichnamigen Staatsmann. Er konnte Griechisch, Arabisch und Persisch, arbeitete als Dolmetscher im Auswärtigen Amt, war Gouverneur in verschiedenen Gebieten und Bürgermeister von Istanbul.

In diese Zeit fiel eine große Flüchtlingswelle, die er nicht bewältigen konnte und deshalb von Abdülhamid II. ins Exil nach Libyen geschickt wurde. Er wurde auf dem Asiyan-Friedhof beigesetzt. In der Iskele Sokak hat er eine kleine Moschee gestiftet, die seinen Namen trägt. In der Gegend gibt es sehr viele Bäckereien, weil hier das Mehl in den Windmühlen gemahlen wurde.

In der Karakolhane Cad. gibt es die etwa 140  Jahre alte griechische “Ayios Yeorgios”- Kirche, die wir allerdings nicht besichtigen konnten. An dieser Stelle befand sich in der Spätantike eine nach der frühchristlichen Heiligen Euphemia benannte Kirche, in der 451 das Konzil von Chalkedon abgehalten wurde. Dieses war für die Kirchengeschichte sehr bedeutend, weil darin Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch definiert und das Dogma der Dreifaltigkeit festgelegt wurde.

Von dem Ort des Konzils ist aber leider nichts mehr erhalten.

In der ehemaligen französischen Grundschule, die gegenüber der Kirche liegt, befindet sich heute ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Das hübsche Cafe daneben heißt “Garda” und ist von der Einrichtung her eine kleine Kopie des Bahnhofs Haydarpaşa.

Biegt man rechts in die Uzun Hafez Sok. kann man einen wunderschönen Meeresblick genießen.

Typisch für die Bauweise der Griechen führten die Straßen auf das Meer zu. In dieser Straße befindet sich aber auch der größte Comicladen der Türkei, Kuzgun, und ein altes Photostudio.

Hier steht auch die 130 Jahre alte Hendat Israel Synagoge, die allerdings keine Gemeinde mehr hat.

In der Izzetin Sokak sind schöne alte Holzhäuser erhalten, die teilweise als Pensionen genutzt werden.

In der Iskele Sokak 43 liegt das sehr stattliche Gebäude des Kemal Atatürk Anadolu Lisesi, das vorher die französische Mittelschule für Mädchen, St. Euphemia, beherbergte. Daneben befindet sich die “Eglise Notre Dame du Rosaire”, die 1894 gebaute ehemalige Schulkapelle mit schönen bunten Glasfenstern. 1911 wurde das Gebäude bei einem großen Brand beschädigt und vom französischen Staat renoviert. 1934 wurde es dem türkischen Bildungsministerium übergeben. Die Kirche wurde zeitweise als Sporthalle und Vortragsraum genutzt, seit 2013 dient sie als Kulturzentrum.

Ganz in der Nähe, in der Iskele Sokak 40, finden sich noch Spuren des Wirkens der deutschen Ingenieure, die beim Bau der Bagdadbahn und des Bahnhofs Haydarpasa beteiligt waren, nämlich die heutige Osmangazi Ilkokulu. Diese Schule wurde zwischen 1902 und 1914 für die Kinder der deutschen Fachkräfte errichtet. In dem Wohnhaus gegenüber an der Ecke zur Akifbey Sokak waren einige dieser Familien untergebracht.

Das größte Haus der Gegend wurde 1909 von einem Bernsteinhändler in der Yeldeğirmeni Sokak gebaut, das Kiehribardji Apartmani. Er verwendete Eisenbahnteile, um den Beton zu verstärken.

Unsere Tour führte uns weiter zur Recaizade Sokak. Hier befindet sich das 1860 von Sultan Abdül Aziz gestiftete orientalistisch gestaltete Aziziye Hamam. Folgt man der Straße weiter gelangt man zur Teyyareci Sami Sokak, in der das griechisch-armenische Weinlokal “Fayton” liegt. Es wurde 1914 in einer ehemaligen Schmiede eröffnet.

Wegen der Nähe zum Bahnhof Haydarpasa, der allerdings nicht mehr in Betrieb ist, gibt es in dieser Gegend viele Hotels und Nachtclubs.

Wir näherten uns allmählich dem Zentrum Kadiköys, das man auch gut mit der historischen Straßenbahn, die in einer 2,6 km langen Rundtour das Zentrum Kadiköys und den Stadtteil Moda abfährt, erkunden kann.

Diese Bahn fährt auch durch die Bahariye Cad., deren offizieller Name General Asim Gündüz Cad. lautet. Sie ist eine Fußgängerzone mit zahlreichen Geschäften, Cafes, Kinos und dem Süreyya Kültür Merkezi (dem Süreyya Kulturzentrum) oder der Süreyya Operasi. Dieser hübsche weiße Artdeco-Bau wurde von dem Abgeordneten Süreyya Ilmen 1924 beim armenisch-türkischen Architekten Kegam Kavafyan in Auftrag gegeben und 1927 als erstes Musiktheater auf der asiatischen Seite eröffnet. Leider wurden aber wegen technischer Mängel nie Opern darin aufgeführt, sondern es wurde zunächst als Schauspielhaus genutzt und diente dann von 1930 bis 2005 als Kino, daher auch der dritte Name des Gebäudes, Süreyya Sinemasi. 2006/2007 wurde es schließlich renoviert und seinem ursprünglichen Zweck als Opernhaus und Konzerthalle zugeführt.

Am nördlichen Ende der Bahariye Caddesi befindet sich die armenische Surp-Levon-Kirche (Surp Levon Kilisesi) aus dem Jahr 1911. Weiter unten Richtung Moda liegt die stattliche griechisch-orthodoxe Kirche Aya Triada aus dem Jahr 1899, die von einem schönen Rosengarten umgeben ist. Da in Kadiköy früher die christlichen Minderheiten stark vertreten waren, gab es hier eine große griechische Gemeinde mit Schulen, Vereinen, Tennis- und Yachtclubs. Leider wurde vor gut einem Jahr ein Brandanschlag gegen die Tür der Kirche verübt.

Westlich zur Bahariye Caddesi verläuft parallel die Kadife Sokak, die wegen der vielen Bars auch “Barlar Sokagi” (Bargasse) genannt wird. Nicht weit davon, in der Park Alti Sokak 21 liegt eines der hippsten Cafes Istanbuls, die Walters Coffee Roastery. Dieses von einem Münchner Deutsch-Türken betriebene Cafe erinnert mit seinem Periodensystem an der Wand, den Bunsenbrennern und Glaskolben an ein Chemielabor. Die außergewöhnliche Einrichtung orientiert sich an der amerikanischen Erfolgsserie “Breaking Bad”, deren Hauptfigur ein Chemielehrer ist.

Unsere letzte Station führte uns auf die nahegelegene Moda Caddesi.

Das mondäne Moda wurde noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hauptsächlich von Ausländern bewohnt. Aus dieser Zeit, 1902, stammt die historische Apotheke in Hausnummer 89b, die noch weitgehend originalgetreu eingerichtet ist.

Aber noch eine weitere Attraktion birgt diese Straße. Im Keller des Restaurants “Koco” (Hausnummer 171 A) befindet sich nämlich eine kleine griechische Wallfahrtskapelle mit heiligem Wasser, die Aya Ekatarina Ayazmasi. Das 1928 eröffnete Fischlokal gehörte einer griechischen Familie, die es schließlich einem ihrer türkischen Mitarbeiter übergab.

Folgt man der Moda Caddesi bis zum Ende gelangt man zur alten Fähranlegestelle von Moda, die heute ein Caferestaurant beherbergt.

Am Ufer entlang kann man dann zum Fähranleger von Kadiköy zurückschlendern.

Somit endete wieder einmal eine interessante Führung mit Adnan Bey, bei dem wir uns herzlich bedanken möchten.

 

Text: Annette Lui
Fotos: Seyran Jakobi

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