Brücke – Stadtführung im Juni: Emirgan

Die Stadtführung im Juni führte uns an den Bosporus, nach Emirgan.
Der Bosporus, der so prägend für Istanbul ist, ist erdgeschichtlich betrachtet noch sehr jung, nämlich um die 10.000 Jahre alt. Es gibt Hypothesen, die den biblischen Mythos der Sintflut mit seiner Entstehung in Verbindung bringen.
Der Name, der übersetzt „Rinderfurt“ bedeutet, stammt wiederum aus der griechischen Mythologie, die besagt, dass die Göttin Io, die in eine Kuh verwandelt worden war, auf der Flucht vor einem von Hera gesandten Insekt die Meerenge als erste durchquerte. Im 6.Jahrhundert vor Christus ließ der Perserkönig Dareios I. sein Heer mittels einer Schiffsbrücke ans andere Ufer übersetzen, um einen Feldzug gegen die Skythen durchzuführen. Die Stadt Byzanz erstreckte sich jedoch nie bis zu den Ufern des Bosporus, sondern blieb auf die Gebiete innerhalb der Stadtmauern beschränkt.

Am Bosporus befanden sich einige Heiligtümer, wie die Wallfahrtskirche in Therapia, dem heutigen Tarabya. Erst nach der osmanischen Eroberung begann unter Sultan Süleyman dem Prächtigen im 16. Jahrhundert die Besiedlung des Bosporus-Ufers. Die Sultane und ihre Familien errichteten in der Folgezeit kleine Lustschlösser, Kasir genannt, und ließen prächtige Gärten anlegen. Den Sultansfamilien folgten die Großen des Staates. Im 18. und 19.Jahrhundert ließen zudem viele reiche Istanbuler Yalıs an beiden Seiten des Bosporus anlegen, um dort die Sommer zu verbringen. Sommergebäude der Botschaften und Hotels kamen hinzu.

In den kleinen Dörfern am Bosporus-Ufer wurde Fischerei und Gemüse- und Obstanbau betrieben. Die Dörfer wurden überwiegend von Nichtmuslimen – Armeniern, Griechen, Juden und Lateinern – bewohnt. Minderheiten fühlten sich hier sicherer, weil es noch keine Uferstraße gab und alle Orte nur mit Booten erreichbar waren.

Wir besichtigten in Emirgan das 200 Jahre alte Serifler Yalısı, das älteste Yalı auf der europäischen Seite. In diesem typisch alttürkischen Fachwerkhaus wohnte der jeweils zuständige Gouverneur von Mekka, wenn er sich in Istanbul aufhielt. Heute hat hier der „Verein der historischen Städte“ und die „Stiftung für Umwelt- und Kulturwerte“ ihren Sitz, die viele Städte beim Thema Sanierungen berät.
Wie bei allen Yalıs ist auch hier nur das Fundament aus Stein. Der Rest ist aus Holz erbaut. Die leichte, zweigeschossige Bauweise war bei Erdbeben bedeutend sicherer und außerdem ermöglichte es die Holzbauweise, bei einem Besitzerwechsel ein Yalı abzubrechen und auf denselben Steinfundamenten ein neues Yalı in einem anderen Stil zu errichten. Der Unterhalt eines Yalıs und seiner Gartenanlagen war und ist sehr teuer, weshalb gerade in osmanischer Zeit der Verlust eines politischen Amtes oft auch den Verlust eines Yalıs bedeutete.
Die heute noch erhaltenen Yalıs sind meist seit Generationen in Familienbesitz, ihr Wert liegt bei bis zu 100 Millionen Euro.

Das Serifler Yalısı ist nach außen hin schlicht und von einer hohen Mauer umgeben, überrascht aber im Inneren mit seiner Pracht. Wie bei jedem Yalı gab es auch hier einen öffentlichen Bereich, in dem der Hausherr seine Besucher empfing, das Selamlik, und den Harem, den Wohnbereich.
In der Mitte der großen Empfangshalle befindet sich ein schöner Marmorspringbrunnen, der in den heißen Sommermonaten als Klimaanlage diente. Wie es typisch für türkische Häuser war, gibt es keine Möbel außer Einbauschränken und einem niedrigen Divan, der sich an den tief herabgezogenen Fenstern entlang zieht und von dem aus man den Blick auf den Bosporus genießen kann. Die Decke ist mit Malereien und einem prächtigen Leuchter geschmückt.
Für die Mahlzeiten wurde ein aufklappbares Gestell in der Mitte des Raumes platziert, darauf eine große Kupferplatte gestellt. Hausherr und Gäste saßen auf Kissen um den niedrigen Tisch herum und bedienten sich mit hübsch verzierten Holzlöffeln von der Platte. Im Obergeschoss des Hauses befanden sich die Wohnräume und im Untergeschoss die Wirtschaftsräume.
Da Yalıs nur über das Wasser erreichbar waren, verfügte auch dieses Yalı über ein Bootshaus, in dem sich heute ein Seminarraum befindet.

Die nächste Station unsere Tour war die von Sultan Abdülhamid I. gestiftete Moschee von Emirgan. Er hatte diese Stiftung 1781 getätigt, weil eine seiner Frauen und sein Sohn sehr früh gestorben waren.
Wie jede der 14 Sultansmoscheen verfügt auch diese über ein Zeithaus, das sich an der heutigen Hauptstraße befindet, in dem der Moschee-Astronom die Gebetszeiten ausrechnete. Mit dem Bau der Moschee wollte der Sultan muslimische Bewohner anlocken; er hat diese Ansiedlung auch finanziell unterstützt. Die Platanen um die Moschee herum und der Platzbrunnen, die man in ähnlicher Weise überall am Bosporus sehen kann, stammen ebenfalls aus dieser Zeit.
Abdülhamid I. ist aber nicht wie sonst üblich in der von ihm gestifteten Moschee begraben, sondern in Sirkeci. Er war ein sehr frommer Mann, deshalb befindet sich in seiner Türbe ein Fußabdruck von Mohammed.
 Abdülhamid musste sehr lange auf seinen Amtsantritt warten. Erst mit 49 Jahren wurde er Sultan. Davor war er von seinem Bruder im Palast in einer Art Gefangenschaft gehalten worden. Seine 15-jährige Regierungszeit (1774 bis 1789) war von vielen Kriegen gegen Österreich und v. a. Russland überschattet. Die Nachricht einer entscheidenden Niederlage gegen Russland am 17.12.1788 löste bei ihm eine Lähmung aus und schließlich ein Jahr später seinen Tod. Bereits 1800 wurde die Moschee von Mahmud II. im Imperialstil renoviert. Auffällig an dieser Moschee sind das Flachdach, das Sonnenemblem, das typisch für den sehr nach Europa orientierten Mahmud ist, und die Sultansloge.

Im Regen ging unser Spaziergang weiter durch Boyacıköy, das Färberdorf. Das Bosporus-Ufer war an dieser Stelle schon sehr lange besiedelt, aber Mahmud II. siedelte an den Hängen Menschen vom östlichen Balkan an, die nach den verlorenen Kriegen eine neue Heimat suchten.

Die armenische Gemeinde von Boyacıköy ist sehr alt. 60 bis 70 Familien lebten früher dort. Im 19.Jahrhundert charakterisierte ein armenischer Satiriker die dortigen Einwohner als extrem anpassungsfähig und verschlafen. Deshalb habe es dort auch nie Streit gegeben und wegen der Schläfrigkeit der Dorfbewohner seien auch Menschen mit Schlafproblemen von ihren Ärzten dorthin geschickt worden.

Wir besuchten die armenische Kirche, Surp Yerits Mangants Kilisesi, die nach drei frühchristlichen Märtyrern benannt ist. Das Gotteshaus wurde unter der Herrschaft Mahmuds II., der ein großer Förderer der Armenier war, 1836 erbaut. Ein Mitglied der berühmten armenischen Architekten-Familie Balyan leitete diesen Bau. Unter Federführung der Balyans entstanden fast alle berühmten Bauten des 19. Jahrhunderts, u.a. der Dolmabahcepalast  und die Moschee in Ortaköy. Der Hauptraum ist als einschiffiges Tonnengewölbe gestaltet, was typisch für armenische Kirchen ist.
2005 wurde hier das 1700 jährige Jubiläum der armenischen Kirche als Staatskirche gefeiert. Unter der Kirche befindet sich ein Raum, der für Feiern und Ausstellungen genutzt wird.
Heute gibt es nur noch eine sehr kleine armenische Gemeinde in Boyaciköy, zehn bis zwölf Familien feiern hier manchmal noch Gottesdienst.
Die griechische Gemeinde, von deren Spuren noch eine griechisch-orthodoxe Kirche und eine griechische Schule im ehemaligen Ortskern zeugen, existiert überhaupt nicht mehr.

Nach einem Mittagessen bei Sütis hat sich ein Teil unserer Gruppe noch das Sabanci-Museum angeschaut, in dem zu diesem Zeitpunkt eine Ausstellung über 600 Jahre türkisch-polnische Beziehungen unter dem Titel „Ferne Nachbarn – nahe Erinnerungen“  stattfand.
Erfüllt von vielen Eindrücken und interessanten Informationen haben wir uns schließlich alle in die Sommerpause verabschiedet, die für einige auch den Abschied von Istanbul bedeutet.

Ganz herzlichen Dank an Adnan Bey für die sachkundige Führung, durch die wir viele Ecken dieses Stadtteils, den wir wohl alle zu kennen glaubten, erstmals entdeckt haben.

Text: Annette Lui
Foto: Annette Fleck

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