Brücke – Stadtführung im März 2015 / BEYOĞLU – Auf den Spuren christlicher Minderheiten

“Istanbul war ein Märchen” lautet der Titel des Films, mit dem uns Adnan Özerler in das Thema einführte.
Der 53minütige Film wurde 2010 von dem deutsch-türkischen Fernsehjournalisten und Autor Kamil Taylan gedreht. Er wandelt darin auf den Spuren seiner Kindheit in den 50er Jahren. Aufgewachsen ist Taylan im Luvr Apartmani mitten auf der Istiklal Caddesi.

Wie das ganze Viertel, das damals nicht mehr “Pera” heißen durfte, war auch das Haus seiner Kindheit, in dem Griechen, Armenier und Juden lebten, multikulturell und stark von der westlichen Kultur geprägt. Hier gab es mehr Künstler, Kinos und Theater als in jedem anderen Viertel. Die Menschen waren nicht vorrangig Griechen oder Armenier, Juden oder Türken, sondern empfanden sich zunächst alle als Istanbuler.
In Gesprächen mit berühmten Vertretern dieses alten Istanbul lässt Taylan die Vergangenheit Revue passieren. So kommt darin der heute 86jährige Ara Güler, der für seine Istanbul-Bilder weltberühmt ist, zu Wort. Der armenische Fotograf lebt immer noch in seinem Haus in der Nähe des Galatasaray Lisesi, wo sich auch sein Cafe befindet. Seit über 20 Jahren fotografiert er aber nicht mehr: “Istanbul ist nicht mehr Istanbul”, so seine Begründung.
Im Gespräch mit den Vertretern der Griechen wird der Wandel der Stadt besonders deutlich.
Der griechische Priester, Pater Dositheos, unterstreicht das anhand einiger Zahlen: Zu Beginn der 50er Jahre  hatte Istanbul noch mehr als 100.000 griechische Einwohner, damals stellten sie zusammen mit den anderen Nichtmuslimen, wie Armeniern und Juden, noch ein Drittel bis ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Heute leben nur noch etwa zweieinhalbtausend Griechen in Istanbul. So zählt auch die Gemeinde von Pater Dositheos, “Maria Evangelista” in Dolapdere, nur noch 19 Mitglieder, in den Kirchenbüchern sind dagegen 17.000 Namen eingetragen.
Eine griechische Zeitung existiert heute noch, “Apoyevmatini”, die in einer Auflage von 600 Exemplaren erscheint. Der Verlag befindet sich in der Suriye-Passage, wo früher Händler aus Damaskus ihre Waren verkauft haben.
In den 50er Jahren wurde es Griechen und Armeniern verboten, ihre Sprache auf der Straße zu sprechen.
Den dramatischsten Einschnitt für Pera und für das Leben der Griechen bedeuteten aber die Pogrome in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955. Ausgelöst durch einen – wohl vom türkischen Geheimdienst initiierten – Bomben-anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, wurde, von langer Hand geplant, ein türkisch-nationalistischer Mob in Gang gesetzt. Er zog in dieser Nacht durch die Viertel der Griechen. Zerstörte Tausende Häuser und Geschäfte, zündete 72 Kirchen und 31 griechische Schulen an, verge-waltigte Frauen, misshandelte Priester, u.a. durch Zwangs-beschneidungen. Es gab auch Todesopfer zu beklagen. Die Polizei verweigerte jede Hilfe. Auch Armenier und Juden wurden Opfer dieser Nacht.
Das zwiespältige Verhalten einiger türkischer Nachbarn wird im Verhalten des Hausmeisters der Familie des griechischen Verlegers Mihail Vasiliadis gut beschrieben. Zunächst wischte der Hausmeister die Markierung weg, die dieses Haus als nichttürkisches Haus kennzeichnen sollte, und stellte sich mit der türkischen Fahne davor, um die Familie zu schützen. Dann schloss er sich den plünderden Horden an, um die Häuser anderer Griechen zu zerstören.
Die zahlreichen Fotos, die die Zerstörungen dieser Nacht dokumentieren, stammen hauptsächlich von Ara Güler. Die Plünderer haben ihn für einen Türken gehalten und deshalb fotografieren lassen. Dieses Ereignis führte dazu, dass viele Griechen, Armenier und Juden die Türkei verließen. Die meisten der verbliebenen Griechen mussten 1964 im Zusammen-hang mit der Zypernkrise gehen. Sie verloren ihren gesamten Besitz und ihr Vermögen. Nur 20 Dollar und 20 Kilo Gepäck durften sie mitnehmen, wie eine Ausstellung im letzten Jahr sehr eindrucksvoll zeigte. Trotz dieser schmerzlichen Geschichte, die er auch am eigenen Leib erfahren musste, zieht es den griechischen Istanbuler Petros Markaris immer wieder in diese Stadt zurück. Die “Poli”, wie die Griechen sie nennen, ist der Ort, an dem sich der Schriftsteller zu Hause fühlt.
Als Vertreter der jüdischen Minderheit kommt der Schriftsteller Mario Levi zu Wort, der in seinem Roman “Istanbul war ein Märchen” die versunkene Welt der Istanbuler Juden beschreibt. Er unterstreicht den kulturellen Beitrag der Juden im Osmanischen Reich. So haben Juden 1493 die erste Druckerei in Konstantinopel eröffnet und die erste Zeitung erschien folglich in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden.
Galata war der jüdische Teil Peras. Deshalb finden sich hier noch einige alte Synagogen und das Jüdische Museum. Von den ehemals 70.000 Juden sind nur noch 20.000 in Istanbul geblieben, viele sind nach Israel ausgewandert. Die Sprache Ladino wird fast nur noch von wenigen älteren Menschen gesprochen und lebt sonst nur in Liedern weiter. Levis Großeltern sprachen noch Ladino und Französisch, die Eltern Türkisch und Ladino.
Während Juden im Osmanischen Reich hohe Positionen im Staatsdienst bekleiden konnten, ist seit den Zeiten der Republik der Staatsdienst für sie versperrt.
Die Trauer um die in Levis Roman beschriebene, von vielen Kulturen und Religionen geprägte Welt des alten Istanbul, spiegelt sich auch in Orhan Pamuks autobiographischem Buch “Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt” wider. “Hüzün”, das Lebensgefühl einer kollektiven Melancholie, prägt dieses Werk und diese Stadt.

Nach diesem eindrucksvollen Film gingen wir durch Cihangir und Beyoğlu, um uns einige Schauplätze, die vom Leben der Minderheiten zeugen, anzuschauen.
In der Nähe der Cihangir-Moschee, von deren Terrasse aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt genießen kann, kamen wir in der Cihangir Caddesi am Bazlamaci Apartmani vorbei, das dem griechischen Süßsprudelfabrikanten Grigoris Bazlamaci gehörte, der – wie viele andere Griechen auch – 1964 Istanbul verlassen musste.
Ganz in der Nähe liegt das armenische Restaurant “Jash”, das es sich nach seiner Eröffnung 2010 zum Ziel gemacht hat, die traditionelle multinationale Küche Istanbuls wieder aufleben zu lassen. Wir durften einen Blick in das sehr gemütlich eingerichtete Restaurant werfen, das an ein “Abensessen im Haus der Großmutter” erinnern soll. Schräg gegenüber ist die ehemalige japanische Botschaft, ein sehr schönes altes Holzhaus, das aber leider schon etwas verfallen wirkt.
Deutliche Spuren des Verfalls zeigt auch die ehemalige griechische Grundschule, die die griechische Familie Safiropulo gestiftet hatte. Man kann daran noch das Transparent, mit dem 1981 der 100. Geburtstag von Atatürk gefeiert wurde, erkennen. In der gleichen Straße, der Cukurluçeşme Sokak, befindet sich auch das Saint Pulcherie Fransiz Lisesi, früher war es eine katholische Mädchenschule, jetzt ein gemischtes Gymnasium. Es ist benannt nach der spätantiken Kaiserin Pulcheria.
Außer diesem gibt es noch drei weitere französische Gymnasien:
– Saint Joseph in Kadiköy
– Notre Dame de Sion in Harbiye
– Saint Benoit in Karaköy
Alle diese Gymnasien sind sehr gut besucht. Der Unterricht findet auf Französisch statt, außer in den Fächern Erdkunde, Geschichte und türkische Literatur.
Im gegenüberliegenden “Avam Kahvesi” kann man sich 15 verschiedene Gazoz schmecken lassen. Neben der Schule liegt die griechische Taverne “Zarifi”.

Weiter ging es zum “Beyoglu Sporkülübü” in der Tel Sokak. Als das Gebäude errichtet wurde, befand sich hier eine Wäscherei und eine Produktionsstätte für Joghurt. Damit wurde das Witwen- und Waisenhaus, das in dem Gebäude eingerichtet wurde, finanziert. Nach dem 1. Weltkrieg wurde es von der italienischen Besatzungsmacht genutzt. Später beherbergte das Haus einen griechischen Sportclub. Heute ist es ein Miets- und Geschäftshaus. Von der abwechslungsreichen Geschichte des Gebäudes zeugen die Fotos am Eingang.

Wir überquerten die Istiklal Cad. und kamen zur Mis Sokak, was übersetzt Parfüm-Straße bedeutet. Hier befanden sich früher lauter Nachtclubs. Dort konnten wir einen Blick in die “Inci Pastanesi” werfen. Das von Griechen gegründete traditionsreiche Cafe ist berühmt für sein Profiterol.
In dem kleinen Laden “Tosbaa” kann man sehr originelle Istanbul-Souvenirs erstehen. Das Eckhaus gegenüber hat – wie viele Häuser hier – eine abwechslungsreiche Geschichte. Gebaut wurde das Jugendstilgebäude 1914 von einem armenischen Architekten-Brüderpaar für eine osmanische Prinzessin. In späteren Jahrzehnten war es ein Wohnhaus mit günstigen Mieten, in dem auch unser Führer Adnan einige Jahre gewohnt hat. Danach diente es als Dershane und wird jetzt zur Privatschule umgebaut.

Im vornehmeren Beyoğlu lebten die finanziell besser gestellten Griechen, während in Tarlabaşı und Cihangir eher deren Angestellte wohnten.
Ebenfalls in Beyoglu ist – hinter Mauern versteckt – die Kirche des armenisch-katholischen Erzbischofs, Surp Asvadzadzin. Diese Kirche wurde im 19. Jahrhundert von der französischen Kaiserin Eugenie, der Gattin Napoleons III. auf dem Weg zur Eröffnung des Suez-Kanals besucht. Sie hinterließ dort als Zeichen ihrer Unterstützung für die einheimischen Katholiken einen großen handgestickten Wandteppich.
1897 baute der Armenier Migirdic Tokatliyan an der Rue de Pera, der heutigen Istiklal Caddesi, neben der Çiçek-Pasajı ein Nobelhotel. Das “Hotel M. Tokatlian” war lange Zeit der beliebteste Treffpunkt der High Society, in dem auch Persönlichkeiten wie Leo Trotzki und Mustafa Kemal Atatürk übernachteten. Nach mehreren Besitzerwechseln verfiel das Gebäude in den 50er Jahren immer mehr und ging schließlich in den Besitz der benachbarten armenischen Üç Horan Kilisesi/ Surp Yerrortutyun (Dreifaltigkeitskirche) über. Heute befindet sich darin der Iş Han, ein Mietgeschäftshaus für die verschiedensten Berufe. So arbeitet hier ein Schneider, der zahlreiche Kostüme für türkische Filme entworfen hat. Und ein alter Kommunist hat hier sein Antiquariat. Die Mieteinnahmen dienen der Finanzierung der kirchlichen Stiftungen, ebenso wie Mieteinnahmen aus einigen Restaurants in der Nevizade Caddesi.

Wenn man weiter Richtung Tünel geht, findet man auf der linken Seite die Nur-i Ziya Sokak zu deren Gebäuden uns Adnan interessante Geschichten erzählen konnte. Auf der rechten Seite liegt das Französische Palais, die ehemalige Residenz des französischen Botschafters. Das Haus gegenüber gehörte einem deutschen Klavier-händler. Hier lebte der Komponist Franz Liszt, als er die Söhne von Sultan Abdülmecid (1839 bis 1861) in Musik unterrichten sollte. Direkt daneben befindet sich eine Freimaurerloge. Ebenfalls in dieser Straße auf der rechten Seite (Nr. 34) steht ein 140 Jahre alter venezianischer Palast, der einst einem Hofarzt gehört hat. Die heutigen Besitzer, eine ehemalige Miss Turkey und ihr belgischer Ehemann, betreiben darin ein äußerst exklusives Hotel.
Im Eckhaus zur Istiklal war früher die Vertretung des Nähmaschinenherstellers “Singer”. Jetzt  gehört das Gebäude der Familie Koç, die darin ein Institut für Istanbul-Forschungen und für Anatolische Geschichte unterhält. Ursprünglich befand sich hier die Winterwohnung der sehr einflussreichen armenischen Familie Dadyan aus Yeşilköy. Ihr Monogramm ist noch zu erkennen.
Wo heute das Odakule steht, gab es früher ein deutsches Kaufhaus, die Kalmann-Passage. Daneben erkennt man eine kleine armenische Kirche, die heute von Rumänen und Moldawiern genutzt wird.

Der letzte Besichtigungspunkt unserer Tour war das alteingesessene Miederwarengeschäft “Kelebek Korse”, das letzte Originalgeschäft im Familienbetrieb auf der Istiklal. Ihm droht aufgrund einer massiven Mieterhöhung das Aus. Der Betreiber des Geschäfts sammelt deshalb Unterschriften, die er an den Vermieter, die benachbarte Kirche “Santa Maria Draperis” weiterleitet. Er hat uns gebeten, die Kampagne zu unterstützen unter:
www.change.org/kelebekkorse

Weil dieses Geschäft schon seit 80 Jahren existiert und in jüdischem Besitz war, blieb es natürlich auch nicht von den Ausschreitungen im September 1955 verschont. Spuren der Verwüstung kann man noch heute sehen. “Santa Maria Draperis” weist eine Besonderheit auf. Sie ist eine der ältesten Kirchen Istanbuls und sie ist die einzige Kirche, mit einer Lobesinschrift für einen Sultan. Diese Ehre wurde 1904 Sultan Abdülhamit II. zuteil. Vielleicht hat ja der Besitzer von Kelebek Korse auch schon eine besondere Dankesidee, falls er sein Geschäft behalten kann.

Wir haben wieder eine sehr interessante Führung erlebt und freuen uns schon auf das nächste Mal.

Text: Annette Lui
Fotos: Manuela Schliesser

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