Brücke – Stadtführung im November 2014 – Am Marmarameer entlang nach Florya und Yeşilköy

Ganz in der Nähe unseres Treffpunktes in Şişhane zeigte uns Adnan an der Straße nach Kasımpaşa gegenüber dem Metroeingang Kasımpaşa eine unscheinbare kleine Pilgerstätte, das Grab von Lohusa Sultan, der Schutzheiligen der Wöchnerinnen, aus dem 17. Jahrhundert. Eine rührende Geschichte verbindet sich mit diesem Grab: Ein Muezzin mit sehr schöner Stimme verliebte sich in eine Sultanstochter, die seine Liebe erwiderte. Da die Beziehung aber nicht standesgemäß war, stimmte der Sultan der Eheschließung nur unter der Bedingung zu, dass die Ehe kinderlos bleiben sollte. Auf der Pilgerfahrt nach Mekka wurde die Sultanstochter krank. Es stellte sich heraus, dass sie schwanger war. Nach der Rückkehr nach Istanbul starb sie noch vor der Geburt des Kindes und wurde von ihrem Mann in dem kleinen Mausuleum begraben. Vier bis fünf Monate später hörten Passanten ein weinendes Kind in dem Grab. Als sie hineinschauten, erblickten sie ein Baby, das von der frisch aussehenden Lohusa Sultan gestillt wurde.
Deshalb kommen auch heute noch Frauen mit kleinen Säuglingen und Frauen mit Kinderwunsch zum Gebet hierher und zünden nach Sonnenuntergang Kerzen an.
Da es im Islam eigentlich keine Heiligenverehrung gibt, ist Lohusa Sultan eine große Ausnahme.
Der Stadtteil Şişhane hat seinen Namen von den Bronzehändlern, die hier ihre Spieße herstellten.

Mit dem Kleinbus fuhren wir über die Atatürkbrücke, unter dem Valensaquädukt aus dem 4. Jahrhundert hindurch nach Yenikapı, wo wir uns kurz die durch den Bau der Marmaray freigelegten Ausgrabungen anschauten. Man kann dort sowohl die Reste eines Torbogens, einer Hafeneinfahrt aus byzantinischer Zeit als auch 8.000 Jahre alte Holzpfähle, die als Unterbau eines Anlegers gedient hatten, sehen. Die zahlreichen Kisten mit Fundstücken sind inzwischen weggebracht. Unter diesen Fundstücken waren auch Münzen aus der Zeit der Kaiserin Pulcheria (399 bis 453), der Schwester des Kaisers Theodosius II. (401 bis 450), die großen Einfluss auf die Regierung ihres Bruders und auf die ihres Mannes Markian (390 bis 457) hatte. In ihre Zeit fiel das wichtige Konzil von Chalkedon. Nach Pulcheria ist das französische Gymnasium St. Pulcherie in Beyoğlu benannt.
Vor dem Bau der Marmary befanden sich hier Grünflächen, auf denen Salat angebaut wurde.

Weiter ging es an Samatya vorbei, das in byzantinischer Zeit ein griechisch-armenisches Eliteviertel war. Hier werden bei Bauarbeiten manchmal noch alte Mosaiken gefunden. Heute ist Samatya vor allem bekannt für seine Fischlokale.
Hinter der Festung Yedikule folgt Kaslı Çeşme, das früher die Heimat der Istanbuler Gerber war.
Bakırköy (“Kupferdorf”) war ursprünglich ein griechisches Dorf mit dem Namen “Magrohori” (“großes Dorf”). Groß ist der Bezirk Bakırköy mit einer halben Million Einwohnern heute immer noch. Die jenseits der Uferstraße liegenden Kirchen verweisen noch auf die ursprünglichen Bewohner. In Bakırköy befindet sich auch das vor knapp 30 Jahren gebaute älteste Einkaufszentrum Istanbuls “Galeria”.
In byzantinischer Zeit gab es hier kaiserliche Anlagen. Vielleicht wurden exotische Tiere hier gehalten, zumindest lässt die Bezeichnung “Elefantengrube” für den dortigen Steinbruch darauf schließen. Dort wurde Korallenkalk gefördert, das Hauptbaumaterial für die Istanbuler Moscheen.
Zum Bezirk Bakırköy gehört auch Ataköy, das älteste, zwischen 1950 und 1960 entstandene moderne Wohnviertel Istanbuls.
In dieser Gegend wurde in Osmanischer Zeit Schießpulver hergestellt. Weil damit große Gefahren verbunden waren, wollte man die Produktion nicht innerhalb der Stadtmauern durchführen, sondern hat sie hierhin ausgelagert.
Das Monopol zur Schießpulverherstellung hatte die armenische Familie Dadyan, die auch als politische Ratgeber und Bankiers des Sultans fungierten. Zum Dank für ihre Verdienste wurde ihnen im 19. Jahrhundert das ganze Dorf Yeşilköy geschenkt, u.a. auch das Gelände des heutigen Atatürk-Flughafens. Später werden wir noch mehr über die Familie erfahren.
Auch in Florya wurde Schießpulver hergestellt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist es jedoch ein beliebtes Naherholungsgebiet. Als das Baden in Mode kam, entstanden sowohl hier als auch in Üsküdar (gegenüber der Kız Kulesi) und in Anadolu Hisari Badestände.
Seinen Namen erhielt Florya durch den albanischstämmigen Finanzminister Süleymans des Prächtigen, Iskender Celebi, der aus Florina stammte und hier einen Köşk besaß.
Heute ist Florya, ebenso wie Bakırköy und Yeşilköy, eine sehr teure Wohngegend mit den zweithöchsten Grundstückspreisen nach den Stadtteilen am Bosporus.

Der berühmteste Bewohner Floryas, wenn auch nur für drei Sommer, war Atatürk. 1935 wurde sein Sommerhaus, der Atatürk-Köşk, von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben und im gleichen Jahr vom Architekten Seyfi Arkan in nur 48 Tagen erbaut. Die schneeweiße Bauhausvilla steht auf vielen in den Meeresboden gerammten Holzpfählen und ist über einen 90 Meter langen Holzsteg mit dem Sandstrand verbunden.
Die Villa wurde aus Kostengründen sehr schlicht gehalten, da sich Atatürk nur privat hier aufhielt. Seine Amtsgeschäfte führte er vom Dolmabahçe-Palast aus. Alles ist im Stil der Neuen Sachlichkeit sehr funktional und einfach eingerichtet.
An den Wänden hängen zahlreiche Bilder des Staatsgründers und seiner Adoptivtochter Ülkü Adatepe, von der auch noch ein Kinderbettchen zu sehen ist. Andere Ausstellungsstücke zeigen die sportliche Seite Atatürks, beispielsweise sein Ruderboot, seine Badehose und seinen Bademantel.
Der Atatürk-Köşk gehört dem Parlament in Ankara, ebenso wie der schöne Strand vor der Villa und die zum Strandbad gehörenden Einrichtungen, in denen sich Unterkünfte und Restaurants für Parlamentarier und Minister befinden.
Zu Atatürks Zeiten und noch in den 60er Jahren war der Strand öffentlich und konnte bequem mit dem Nahverkehrszug erreicht werden. Zur Erkundung des Waldes, der sich damals noch hier befand, konnten Fahrräder und Motorräder gemietet werden.
Die vielen Schulklassen, die sich gleichzeitig mit uns die Villa angeschaut haben, spiegeln die große Bedeutung Atatürks wider. Nach einer aktuellen Befragung ist er der weltweit bekannteste Türke, vor Süleyman dem Prächtigen und Mehmet dem Eroberer. Auf Platz drei steht der Baumeister Sinan.

Nach diesem immer noch sehr idyllischen Flecken am Marmarameer, der ein wenig an alte Strandbäder an der Ostsee erinnert, ging es weiter nach Yeşilköy. Dort gibt es immer noch sehr viele alte Holzhäuser, da wegen der Nähe zum Flughafen nicht so hoch gebaut werden kann. In den 70er Jahren diente es oft als Kulisse für Filme.

Im folgenden soll etwas näher auf die Geschichte dieses Ortes eingegangen werden, der bis 1926 San Stefano (griech. Aghios Stefanos) hieß. Eine Legende besagt nämlich, dass in byzantinischer Zeit ein Schiff mit den Gebeinen des Heiligen Stefanus, des ersten christlichen Märtyrers, die nach Rom gebracht werden sollten, wegen eines Sturmes hier halten musste. Die Gebeine wurden bis zur Weiterfahrt des Schiffes zu einer Kirche gebracht und ein Teil blieb dann auch dort. Alle Kirchen des Ortes, ob griechisch-orthodox, armenisch-gregorianisch oder katholisch-lateinisch sind deshalb nach Stefanus benannt, ebenso wie die eiserne Kirche der Bulgaren am Goldenen Horn.
1203 landeten hier die Kreuzfahrer des vierten Kreuzzugs, die dann Konstantinopel eroberten und für Jahrzehnte beherrschten.
Im 19. Jahrhundert gehörte das Dorf – wie bereits erwähnt – der armenischen Familie Dadyan. Die Bevölkerung bestand in dieser Gegend ebenso wie am Bosporus überwiegend aus Angehörigen der christlichen Minderheiten, v.a. Armeniern, aber auch aus Griechen und Levantinern (italienischstämmigen Osmanen und Franzosen) und wurde von der osmanischen Oberschicht als Jagd- und Badegebiet genutzt.
Im Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 stoppten hier die russischen Truppen ihren Vormarsch auf Istanbul. Daher wurde auch hier der Friedensvertrag, der Frieden von San Stefano, im Konak der Familie Dadyan unterzeichnet. Von diesem Konak ist allerdings heute nichts mehr erhalten, an der Stelle befinden sich Gecekondus.
Zur Erinnerung an ihren Sieg errichteten die Russen ein Monument, wo heute der Flughafen ist. Dieses Monument wurde 1914 gesprengt. Die Sprengung ist Gegenstand des ersten türkischen Films, dessen 100jähriges Jubiläum ja gerade groß gefeiert wird.
Als im Balkankrieg 1912 die letzten osmanischen Gebiete dort verloren gingen, kamen viele muslimische Flüchtlinge in diese Gegend. Tausende an der Cholera erkrankte und verstorbene Soldaten wurden hier beerdigt.

1924 wurde in Yeşilköy der Flughafen eröffnet und die Luftwaffe ausgebildet. Daher gibt es hier auch das Museum der Luftfahrt.

Unsere erste Station in Yeşilköy war die lateinisch-katholische Kirche. Bereits im 17. Jahrhundert hatte es einen Vorgängerbau gegeben, der aber durch Erdbeben und einen Brand zerstört wurde. Vor 200 Jahren entstand der jetzige Bau.
Früher lebten hier viele italienische Geschäftsleute, heute gibt es nur noch 15 bis 20 katholische Familien. Aber nicht nur diese, sondern auch die assyrische Gemeinde nutzt die Kirche für ihre Gottesdienste.

Die nächste Station war die griechisch-orthodoxe Wallfahrtskirche Aya Fontini, ein kleines versteckt liegendes Kapellchen mit einer heiligen Quelle, der man heilende Wirkung nachsagt.
Die armenische Kirche wurde in der Nähe des nicht mehr existierenden Hauses der Familie Dadyan von diesen als Familienkapelle gestiftet. Daher kann man auch noch das Monogramm der Familie auf dem Gebäude erkennen. Dieses Monogramm befindet sich auch auf dem Gebäude der Koç-Stiftung auf der Istiklal Cad., das früher ebenfalls der Familie Dadyan gehört hat.
Die Dadyans waren ursprünglich auch die Vorsteher (Amiras) der armenischen Gemeinde in Yeşilköy. Daher sind sie auch hier beerdigt. Ein Nachfahre der Familie ist der junge Historiker Saro Dadyan.
Zu dem Gebäudekomplex gehört das Gemeindehaus und eine armenische Schule, die in die Bereiche Kindergarten, Grund- und Mittelschule aufgeteilt ist und von 280 Kindern besucht wird.
Die 1826 gebaute hölzerne Kirche brannte nieder, woraufhin ihr 1843 ein steinerner Bau folgte. 2013 wurde die Kirche renoviert.

Im Großraum Yeşilköy leben 7.000 Gemeindemitglieder, so dass jeden Sonntag ein Gottesdienst mit ca. 150 Besuchern stattfinden kann.

Einige hundert Meter von der armenischen entfernt ist die griechisch-orthodoxe, 1844 gebaute Aya-Stefanos-Kirche, die – wie viele andere Kirchen – nur einen provisorischen Glockenturm hat.

Durch eine Allee von Eukalyptusbäumen, die der Entwässerung dienen, fuhren wir zurück Richtung Innenstadt.

Im Öğretmen Evi in Beyoğlu ließen wir bei einem gemeinsamen Mittagessen den interessanten Ausflug ausklingen.

Auf dem Weg dorthin hatte uns Adnan noch das 1870 von einem reichen Levantiner gebaute Haus “Corpi” gezeigt. Dieses Gebäude wurde um die Jahrhundertwende von den Amerikanern gekauft und beherbergte das amerikanische Konsulat, bevor dieses nach Istinye verlegt wurde. In dem Gebäude soll nun ein Klub für die Istanbuler High Society entstehen.

Die Führung hat uns allen sehr gut gefallen; Adnan hat uns mit seinen lebhaften Schilderungen einen weniger bekannten Teil Istanbuls auf sehr unterhaltsame Weise näher gebracht – vielen Dank!

Text: Annette Lui
Foto: Manuela Schliesser

0 Kommentare

Eine Antwort hinterlassen

Kontakt



©2017 ARNE UEBEL | www.arneuebel.com

Melden Sie sich an!

oder    

Haben Sie Ihre Daten vergessen?

Create Account