BRÜCKE – STADTFÜHRUNG IM NOVEMBER 2015 / ŞIŞLI – KURTULUŞ – FERIKÖY – BOMONTI

Unser Treffpunkt Gayrettepe ist heute der Sitz vieler Firmen, Banken und Privatschulen. In den 50er Jahren entstand hier die Nimet Abla Camii. Sie trägt den Namen ihrer Stifterin, die die Lotterie Milli Piyango ins Leben gerufen hat. Da der Bau der Moschee und des dazugehörigen Reinigungsbrunnens aus Glücksspieleinnahmen finanziert wurde, wurde sie anfangs von Strenggläubigen boykottiert.
In den 60er Jahren entstanden in dieser Gegend, die damals ganz am Stadtrand lag, Wohnungen für Militärangehörige.
Weiter fuhren wir mit dem Bus Richtung Mecidiyeköy an dem ehemaligen Galatasaray-Stadion vorbei. Es wurde in den 60er Jahren gebaut und im April 2011 abgerissen. Beim Abbruch stellte man fest, dass beim Bau viel zu wenig Stahl im Beton verwendet worden war, so dass es jederzeit hätte einstürzen können. Der Hochhaus-Komplex, der jetzt dort entsteht, hat auch eine traurige Geschichte: Hier sind bei einem Unfall im September 2014 zehn Bauarbeiter ums Leben gekommen.

Mecidiyeköy (“das Dorf Mecids”) wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Sultan Abdülmecid gegründet. Wo früher Feigen- und Maulbeerbäume standen, sollte jetzt Wohnraum für die nicht ganz so gut Betuchten entstehen.
Auch das Zentrum Şişlis wurde erst im 19. Jahrhundert besiedelt, vorher war es Jagdgebiet, landwirtschaftliche Nutzfläche und letzte Ruhestätte, vor allem für die Angehörigen der nichtmuslimischen Minderheiten.

Den griechischen “Friedhof der Wiederauferstehung”, der sich gegenüber dem Einkaufszentrum Cevahir und dem alten Verwaltungsgebäude der IETT befindet, haben wir besucht. Wie alle Friedhöfe liegt er hinter dicken Mauern verborgen und kann nur betreten werden, nachdem man an der Pforte geklingelt hat.
Der Friedhof war zunächst für die russische Gemeinde reserviert, wurde dann aber der um vieles größeren griechischen Gemeinde übergeben. 1890 baute der Levantiner Alexander Valori die Grabkapelle Petros-Pavlos. Auf dem Friedhof wurden die Mitglieder angesehener griechischer Familien begraben, z.B. die des Bankiers Zariphis, der den Bau des Gymnasiums in Fener finanzierte. Die prächtigen Grabmäler legen noch Zeugnis vom Wohlstand der Auftraggeber ab.
Interessanterweise ist hier auch Papa Eftim I. begraben, der mit bürgerlichem Namen Zeki Erenerol hieß. Der Karamanli-Priester Erenerol (1884 bis 1968) ist der Gründer des türkisch-orthodoxen Patriarchats, auf dessen Geschichte und auf die der Karamanli soll im Folgenden etwas ausführlicher eingegangen werden.

Die Karamanli, deren Name sich von der anatolischen Stadt Karaman herleitet, waren in Zentralanatolien ansässige orthodoxe Christen türkischer Sprache, die aber das griechische Alphabet benutzten. Unklar ist, ob sie ursprünglich türkisierte Griechen oder zum Christentum übergetretene türkische Muslime waren. Im türkischen Befreiungskampf haben sie jedenfalls an der Seite der Truppen Atatürks gegen die Griechen gekämpft, was sie allerdings nicht davor bewahrte, im Zuge des Bevölkerungsaustauschs, der 1923 im Vertrag von Lausanne vereinbart worden war, ihre Heimat verlassen zu müssen und nach Griechenland überzusiedeln. Das war für diese Gruppe besonders schwer, da sie kein Griechisch sprachen und die Benutzung der türkischen Sprache in der Öffentlichkeit zeitweise verboten war.

Der osmanische Dialekt Karamanli ist heute sowohl in Griechenland als auch in der Türkei weitgehend ausgestorben.
Der Name ist jedoch als Familienname in Griechenland noch erhalten. Ein Träger des Namens ist Konstantinos Karamanlis (1907 bis 1998), der Premierminister und Staatspräsident war. Sein gleichnamiger Neffe war griechischer Ministerpräsident von 2004 bis 2009. Während des türkischen Be-freiungskrieges hat Zeki Erenerol 1922 in Kayseri als Gegenorganisation zu dem ihm verhass-ten griechisch-orthodoxen Patriarchat in Istanbul das türkisch-orthodoxe Patriarchat gegründet mit Türkisch als Liturgiesprache.

Als die Gemeinde in Kayseri sich wegen des Bevölkerungsaustauschs auflösen musste, kam er nach Istanbul. Er wurde von der Republik Türkei unterstützt, der überwiegende Teil der türkischen Christen hat jedoch dem griechisch-orthodoxen Patriarchen die Treue gehalten. Dieser wiederum hat Erenerol exkommuniziert, was zur Folge hatte, dass Erenerol nach seinem Tod 1968 zunächst nicht auf einem griechisch-orthodoxen Friedhof beerdigt werden durfte. Erst nach der Intervention des damaligen Staatspräsidenten Sunay fand er auf diesem Friedhof in Şişli seine letzte Ruhe.

Heute gibt es keinen türkisch-orthodoxen Patriarchen mehr, die Enkelin Eftims I., Sevgi Erenol, ist im ultranationalistischen politischen Spektrum aktiv und kämpft bspw. gegen einen EU-Beitritt der Türkei. Die Kirche der heute nicht mehr existierenden Gemeinde, Panaghia Kaphatiani in Karaköy, die einst der griechischen Gemeinde weggenommen worden war, ist an die assyrische Gemeinde vermietet.
Sehr eindrucksvoll ist das Knochenhaus des Friedhofs, in dem die Gebeine aus den Gräbern von kleineren Friedhöfen in Beyoğlu und Galata nach der Auflösung dieser Friedhöfe aufbewahrt werden. Sowohl das Knochenhaus als auch zahlreiche Grabmäler wurden bei den antigriechischen Pogromen in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 zerstört. Man kann an einigen Grabfiguren noch erkennen, dass ihnen damals die Köpfe abgeschlagen wurden. Im Herbst 2015 ist ein Buch des Fotografen Dimitrios Kalumenos erschienen, das diese Ereignisse, die zur Zerstörung von 72 griechischen Kirchen, 31 Schulen, tausenden Häusern und Geschäften und zur Misshandlung zahlreicher Menschen geführt haben, dokumentiert. Ausgelöst wurden diese Ausschreitungen, die das Ende der blühenden, griechischen Gemeinde in Istanbul einläuteten, durch das – wohl vom türkischen Geheimdienst inszenierte – Attentat auf das Geburtshaus Atatürks in Thessaloniki.
Von den 105.000 Griechen, die 1955 noch in Istanbul gelebt hatten, verließen daraufhin 70.000 die Stadt, 1964 im Zuge der Zypernkrise wurde der Großteil der verbleibenden Griechen ausgewiesen.

Fährt man auf der Hauptstraße, Büyükdere Cad., Richtung Taksim, passiert man zunächst auf der linken Seite das 1858 gebaute französische psychiatrische Krankenhaus Lape und das von Sultan Abdülhamid 1895 nach dem Tod seiner kleinen Tochter gestiftete Şişli-Kinderkrankenhaus.
Auf der rechten Straßenseite befindet sich die 1950 gebaute Şişli Camii und der Konak des bul-garischen Erzbischofs vom Ende des 19. Jahrhunderts. Ein weiteres seltenes Exemplar der älteren Architektur Şişlis auf der anderen Straßenseite ist das Atatürk-Museum, ein kleines, hübsch renoviertes Holzhaus aus dem Jahr 1908, in dem Atatürk nach seiner Rückkehr von der syrischen Front nach dem 1. Weltkrieg bis Mai 1919 gelebt hat.

Wenn man die Metro-Station Osmanbey hinter sich lässt, sieht man auf der linken Seite in der Halaskargazi Cad. die ehemalige Redaktion der armenischen Wochenzeitung “Agos”, deren Herausgeber, Hrant Dink, vor dem Redaktionsgebäude am 19. Januar 2007 ermordet wurde. Eine Plakette auf dem Boden erinnert an den Mord.

Auf der Cumhurriyet Cad. findet man rechter Hand den kleinen Laden “Smokin”. Der Besitzer ist ein berühmter, armenischer Herrenschneider, Levon Kardonciyan, der viele Hollywoodstars zu seinen Kunden zählt. Sein Großvater hat bereits für Atatürk Anzüge angefertigt. Über dem Laden kann man ein kleines Museum über die Schneider-geschichte besichtigen.

Ganz in der Nähe ist die 1856 von französischen Nonnen gegründete französischsprachige Schule “Notre Dame de Sion”, die erste Schule, die es überhaupt für Mädchen im Osmanischen Reich gab. Zunächst wurden nur christliche Mädchen aufgenommen, wenig später auch jüdische und ab 1863 muslimische.
Seit dem Schuljahr 1996/97 besuchen auch Jungs die Schule.

Das nächste Ziel unserer Tour war die Kirche Maria Evangelista (Maria Verkündigung) in Dolap-dere, das in einem ausgetrockneten Flussbett liegt und wörtlich “Fächerbach” heißt. Das Gotteshaus wurde von 1874 bis 1893 von einem Architekten namens Mimaridis gebaut und ist eine von insgesamt 96 griechisch-orthodoxen Kirchen Istanbuls, aber nur noch in 10 Kirchen finden regelmäßig Gottesdienste statt, oft nur noch schwach besucht. Dies ist bedingt durch den Aderlass, den die Gemeinden infolge der Ereignisse von 1955 und der endgültigen Ausweisung der Griechen 1964 erleben mussten. Nur etwa 15 Menschen nehmen an den Gottesdiensten in Maria Evangelista teil. In den Kirchenbüchern waren ehemals 17.000 Mitglieder eingetragen. Bei dieser Kirche handelt es sich um eine der wenigen Kirchen mit Glockentürmen und Kuppel, denn dieser Baustil war erst nach der Tanzimat-Epoche, der Epoche der Erneuerung Mitte des 19. Jahrhunderts, möglich. Zuvor waren nur Kirchen mit Satteldach, die hinter hohen Mauern verborgen waren, erlaubt. In der dreischiffigen Kirche befinden sich sogar Emporen, was ungewöhnlich für eine griechische Kirche ist, weil es keine Orgel gibt. Sie waren wohl für Frauen oder für die Spenderfamilie gedacht. Da die Ikonen von den Gläubigen geküsst werden sollen, hängen sie nicht allzu hoch. Besondere Bedeutung kommt der Marien-Ikone zu, die am 25. März, dem Tag der Verkündigung, ausgestellt und geschmückt wird. An diesem Tag besucht auch der Patriarch die Kirche. Vor zehn Jahren geriet die Kirche in die Schlagzeilen, als zwei 750 kg schwere Glocken über Nacht gestohlen wurden, weil die Diebe das Gold und das Kupfer herausschmelzen wollten.

An Dolapdere schließt sich Kurtuluş an. Dieser Stadtteil hieß ursprünglich “Tartavla” (“Pferdestall”). Er wurde im 16. Jahrhundert gegründet für Werftarbeiter, die in Kasımpaşa arbeiteten und von denen viele aus Chios stammten und von Sultan Süleyman nach Istanbul geholt worden waren.
Wegen seines griechischen Charakters wurde Tartavla im 19. Jahrhundert “kleines Athen” genannt. Die Griechen, die hier lebten, gehörten nicht zur Oberschicht wie die Griechen am Bosporus, sondern eher zur Mittelschicht. 1929 erhielt der Stadtteil seinen heutigen Namen “Kurtuluş”, was “Befreiung” bedeutet. Der große griechische Bevölkerungsanteil ging durch die Pogrome von 1955 deutlich zurück, aber immer noch leben in Kurtuluş relativ viele Angehörige von Minderheiten, wie Armenier, Griechen, Assyrer, Juden, Kurden und Georgier. Am Standort der Kirche des Heiligen Dimitrios bei der Endhaltestelle der Busse in Kurtuluş standen seit dem Mittelalter immer wieder Kirchen. Die Kirche entspricht dem mittelalterlichen Basilikentypus mit drei Längsschiffen, die von einer sehr schönen Ikonostase begrenzt werden.

Die Gemeinde ist noch etwas größer als die in Dolapdere, 85 bis 90 Menschen besuchen den sonntäglichen Gottesdienst.
Hinter der Kirche lag eine griechische Grundschule für Knaben, die aber geschlossen ist, wie die meisten griechischen Schulen. Nur drei von ehemals über 80 Schulen existieren noch: das Özel Fener Rum Lisesi, die “rote Schule” (kırmızı mektep), die über dem Goldenn Horn thront, das Özel Zografyon Rum Lisesi in Beyoğlu und die Zapyon Schule in Taksim, die alles vom Kindergarten bis zum Gymnasium vereint.
In Kurtuluş, in der Açıkyol Sokak in der Nähe der Kirche, befindet sich auch eine der ältesten Meyhanes Istanbuls, Despinanin Meyhanesi. Das Weinlokal ist nach seiner Gründerin Mme Despina benannt, die es 1946 eröffnete und deren Bild im Eingangsbereich zu sehen ist.

Das benachbarte Feriköy (“Dorf Feris”) erhielt seinen Namen im 19. Jahrhundert von dem französisch- stämmigen Osmanen Stefan Feri, einem Geschäftsmann und Hobbyjäger, der hier sein Jagdgebiet hatte. Ursprünglich war es von Griechen, Armeniern und Georgiern besiedelt. Die Zahl der Armenier hat nach 1955 zugenommen, während die der Griechen deutlich abnahm. Bereits 1861 wurde die armenisch-gregorianische Kirche Surp Vartanas gebaut. Daneben befindet sich die armenische Mermametciyan-Schule (Schule der “Warmherzig-keit”), deren Absolventen gerne in der benachbarten Kirche heiraten.

1890 wurde die Bierfabrik Bomonti von zwei Schweizer Brüdern mit Erlaubnis von Sultan Abdülhamid eröffnet, die dem um sie herum entstandenen Stadtteil den Namen gab. Bis 1938 war sie in Privatbesitz und wurde dann verstaatlicht. 1912 hatte sich der Konkurent Nektar mit Bomonti vereinigt. Wo heute das Hilton Hotel Bomonti steht, war in den 30er Jahren ein großer Biergarten. Bier war aber nicht nur zum Trinken gedacht, sondern diente auch als Haarfestiger, weil es noch keine chemischen Festiger gab. 1991 wurde hier das letzte Bier gebraut. Inzwischen befindet sich auf dem Gelände ein Kultur-zentrum mit Lokalen, einer Freilichtbühne und dem Musikclub “Babylon”.
Das “Bomonti”-Bier, das man heute noch kaufen kann, wird von “Efes” hergestellt.
In Bomonti gibt es zudem ein von dem französischen Orden der Petite Soeur du Bomonti geführtes Altenheim.
Ebenfalls in Bomonti ist die georgisch-katholische Kirche “Notre Dame de Lourdes” aus dem Jahr 1861. Sie wurde errichtet, weil nach der Besetzung des östlichen Schwarzmeergebietes durch das Zarenreich neben orthodoxen und muslimischen auch katholische Flüchtlinge ins Osmanische Reich kamen. Der Georgier Paul Zazadze, der durch den Handel mit Rasierklingen reich wurde, hat diese Kirche gestiftet. 200 bis 250 Georgier leben heute noch in Istanbul.

Der letzte georgische Priester ist allerdings 1968 gestorben. Jetzt halten hier armenische Katholiken ihre Gottesdienste ab.

Die Führung endete mit einem Bummel über den “Feriköy Antik Pazari”, der hier sonntags immer stattfindet.

Text: Annette Lui
Fotos: Annette Fleck

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