Brücke – Stadtführung im Oktober 2015 – Halıç – Goldenes Horn

 

Mit seinem poetischen Namen “Goldenes Horn” hatte dieser Ort bis in die 80er Jahre nichts gemein, was ein Zitat aus Yaşar Kemals Roman “Der Zorn des Meeres” aus dem Jahr 1978 belegt: “Mit Istanbul erwachte auch das verdreckte, schreckliche Goldene Horn, dieser unter Abfällen und dem Gewicht der Kadaver von Katzen, Hunden, Ratten und Möwen erstarrte Fluß”.
Diese Zeiten sind glücklicherweise längst vorbei und in der Gegend gibt es viel zu entdecken.

Unsere Tour begann mit einer Metrofahrt zur Station “Haliç”. Bei der Ausfahrt aus dem Metro-Tunnel kann man auf der linken Seite noch Reste der genuesischen Stadtmauer, die Galata einst umgeben hat, samt Stadttor mit Familienmonogramm, entdecken. Von der Metro-Brücke “Haliç” hat man einen wunderbaren Blick auf die beiden Ufer des Goldenen Horns. Auf der Galata-Seite sieht man an der Auffahrt zur Atatürk-Brücke die von Sultan Süleymans Großwesir gestiftete Sokullu-Mehmet-Paşa-Camii, die vom Architekten Sinan als Vorübung für die Selimye-Moschee in Edirne angelegt wurde. Unterhalb der Brücke kann man noch ein Sinan-Denkmal erkennen.
Die erste Brücke über das Goldene Horn wurde 1840 von der Ehefrau Mahmuts II., Bezmialem Sultan, finanziert. Der Torbogen, der einst die Fußgängerbrücke begrenzte, befindet sich heute etwas oberhalb, an der Straße, die nach Şişhane führt. An Stelle dieser alten Brücke wurde die Atatürk-Brücke errichtet.
Beim Anleger Kasımpaşa fällt ein großes, prächtiges Gebäude auf, das seit Jahren renoviert und von einer blauen Dachkonstruktion geschützt wird. Hier befindet sich der Sitz des Oberkommandanten der türkischen Marine.
Bekanntlich wurde Staatspräsident Erdoğan in Kasımpaşa geboren. Sein Vater wurde auf dem dortigen Friedhof, Kulaksiz (“ohne Ohren”) beerdigt, ist aber inzwischen umgebettet worden auf den Karaca-Ahmet-Friedhof in Üsküdar, wo er neben einem konservativen Sektenführer begraben liegt.
Der international gebräuchliche Name “Goldenes Horn” leitet sich von der Form dieses Meeresarmes ab. Dementsprechend sind die oberen Pfeiler der Metrobrücke wie Hörner gestaltet. Was die Bezeichnung “golden” betrifft, gibt es zwei verschiedene Erklärungen. Die wahrscheinlichere ist, dass durch die starke Strömung durch Wirbel an der Kız Kulesi sehr viele Fische in diesen Meeresarm gelangten und golden glänzten. Wegen des zurückgegangenen Fischbestandes und der zahlreichen Brücken existiert dieses Phänomen nicht mehr. Die schönere, aber unwahrscheinlichere Erklärung ist, dass die Byzantiner kurz vor der Eroberung ihre Schätze in das Gewässer geworfen haben sollen, damit sie nicht den Osmanen in die Hände fallen und es daher golden geglänzt habe.
Der türkische Name “Haliç” ist bedeutend prosaischer. Er bedeutet “das Innere eines Marktes”. “Hal” ist ein Großmarkt für Obst und Gemüse, was auf die frühere Nutzung dieser Gegend hinweist. Auch die Namen der Stadtviertel “Unkapanı” und “Yağkapanı” auf der Fatih-Seite des Haliç geben Auskunft über die ehemalige Funktion der Gegend. “Kapanı” heißt große Waage, also wurde in Unkapanı früher Mehl gewogen, das am Hafen angeliefert wurde. Hier befanden sich die Brotfabriken der Stadt. In Yağkapanı wurde mit Öl gehandelt.
Auf den Hügeln über Fatih sieht man ein sehr großes eingerüstetes Gebäude mit Kränen. Das ist ein Waisenhaus für Knaben aus der Zeit Abdülhamids, das gleichzeitig mit dem Galatasaray Lisesi gegründet wurde, mit dem Namen Darüşşafaka (“Haus der Barmherzigkeit”). Bei der gleichnamigen Metrostation befindet sich heute eine auf diese Institution zurückgehende Schule für Bedürftige.
Oberhalb des ehemaligen Waisenhauses sieht man die Molla-Zeyrek-Cami, das ehemalige Pantokratorkloster aus dem 13. Jahrhundert.
An der Uferstraße direkt am Haliç sticht ein langgestrecktes, braunes Gebäude ins Auge, ursprünglich eine 1884 gegründete Tabakfabrik, die sich 70 Jahre lang im Besitz des staatlichen Tabakproduzenten Tekel befand. Nach dem Verfall des Gebäudes übernahm es die Stiftung des Industriellen Kadir Has, um dort eine Privatuniversität einzurichten. Die renommierte Kadir-Has-Universität wurde 2002 eröffnet. In dem Gebäude befindet sich auch das Rezan-Has-Museum, das sich mit dem kulturellen Erbe des Landes beschäftigt.
Oberhalb der Universität kann man drei Türben erkennen, in denen Sultan Selim I. (1512 bis 1520), seine Ehefrau Ayşe Hafsa Sultan (die Mutter Süleymans) und Sultan Abdülmecid (1839 bis 1861) begraben sind. Darüber liegt die Yavuz-Selim-Camii, die Süleyman seinem Vater widmete.

Nach einer kurzen Busfahrt erreichten wir in Fener die “Kirche des Heiligen Stefan von Bulgarien” (Bulgar Kilisesi) an der Uferstraße in Richtung Balat. Der Heilige Stefan, nach dem auch zahlreiche Kirchen in Yeşilköy benannt sind, ist der erste Märtyrer des Christentums und wird in der Ostkirche sehr verehrt. Der Bau einer eigenen Kirche war notwendig geworden, nachdem die bulgarische Kirche im Zuge des erwachenden bulgarischen Nationalismus, der “Bulgarischen Wiedergeburt”, ihre Unabhängigkeit vom griechisch-orthodoxen Patriarchat erklärt hatte. Die Kirche wird wegen ihres Baumaterials auch “Eiserne Kirche” genannt. Sie besteht komplett aus Gusseisen und wurde 1898 errichtet. Vorher stand hier eine Kirche aus Holz. Nachdem diese abgerissen worden war, bekam der armenische Architekt Hovsep Aznavour (1854 bis 1935) den Auftrag zum Bau einer neuen Kirche. Die Wiener Firma “Waagner Biro” gewann den Wettbewerb zum Bau der Kirche. Sie fertigte die gusseisernen Einzelteile, die dann per Schiff auf der Donau und dem Schwarzen Meer nach Konstantinopel transportiert und innerhalb von sechs Monaten hier zusammengesetzt wurden. Da die Kirche damals direkt am Wasser lag und der Boden sehr weich war, mussten 600 Eichenpfähle in den Boden gerammt werden, auf denen die Kirche errichtet wurde. Weil die Eichenpfähle immer feucht bleiben müssen, gab es Probleme, als die Uferstraße gebaut wurde.
Nach dem Motto “Eisen auf Reisen” wurde 1898 auch der Deutsche Brunnen, der ebenfalls im Ausland – in Stuttgart – vorgefertigt wurde, als Geschenk Kaiser Wilhelms II. an Sultan Abdülhamid II. auf dem At Meydanı aufgestellt.
Das Prinzip abmontierbarer Einzelteile wendete Hovsep Aznavour auch noch ein zweites Mal an, nämlich bei dem Bau einer Villa für eine ägyptische Prinzessin auf Heybeli Ada.
Weitere Bauten von ihm sind die vorher schon erwähnte Tabakfabrik (heute: Kadir-Has-Universität), das Mısır Apartmanı auf der Istiklal Caddesi und viele weitere Geschäftshäuser.
Aznavour war politisch und sozial engagiert. 1915 musste er wegen des Völkermords das Land verlassen und starb 1935 in Kairo.
Beim Bau der Kirche war auch das Zarenreich behilflich, denn aus Russland kamen die Ikonenwand und die sechs Glocken.

Heute gibt es nur noch sehr wenige Bulgaren in Istanbul. Die Renovierung wird deshalb von der Stadt-verwaltung und aus einem Fonds der Provinzverwaltung bezahlt.
Das Gemeindehaus der kleinen bulgarischen Gemeinde vom Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich in Şişli, das einzige Holzhaus, gegenüber dem Krankenhaus von Şişli. Dort ist auch der Sitz des Popen. Der bulgarische Friedhof ist in Feriköy.
In dem James-Bond-Film “Liebesgrüße aus Moskau” tauchte das Gemeindehaus als türkische Geheimdienstzentrale auf.

Gegenüber der Eisernen Kirche an der Mürsel Paşa Caddesi liegt das ehemalige Gemeinde- und Pfarrhaus aus dem Jahr 1850. An der Fassade sind noch bulgarische Schriftzüge erkennbar.
In der Nachbarschaft der Kirche befanden sich früher zahlreiche luxuriöse Villen, von denen viele in den 80er Jahren abgerissen wurden. Einige sind inzwischen renoviert und werden anderweitig genutzt.
Eines der Häuser, Kadın eserleri kütüphanesi ve bilgi merkezi vakfi, beherbergt eine Stiftung, die sich der Förderung von Frauen in Kunst und Literatur widmet und deren Bibliothek ausschließlich von Frauen verfasste Bücher enthält.

Wahrscheinlich fällt jedem Besucher der Gegend um das Goldene Horn der große rötliche Backsteinbau oberhalb der Anlegestelle Fener auf. Es handelt sich dabei um das Özel Fener Rum Lisesi, eine 1881 in Form eines Adlers errichtete griechische Knabenschule. Gebaut in einer Zeit, als die Griechen noch ein Viertel der Einwohnerschaft im damaligen Konstantinopel stellten, dokumentiert dieses Gebäude, in dem heute nur noch 40 Schüler unterrichtet werden, da nur noch etwa 2.500 Griechen in ganz Istanbul leben, besonders deutlich den Niedergang des griechischen Lebens in der Stadt.

Im Gebäude der Soroptimist Külüpleri Federasyonu, einer Wohltätigkeitsorganisation reicher Geschäftsfrauen, die sich um landflüchtige Frauen kümmert, legten wir eine Teepause ein.
Die Zentrale der Organisation ist in Etiler. In diesem wunderschön renovierten Haus in Balat liegt das Cafe im Erdgeschoss und im Garten, in der Galerie im oberen Stockwerk finden Ausstellungen und Vorträge statt.

Der Name “Balat” kommt von “Palation”, Palastviertel. Denn in dieser Gegend oberhalb des Goldenen Horns lag der Blachernen-Palast (Blaherna Sarayi), in dem die byzantinischen Kaiser ab dem Ende des 11. Jahrhunderts residiert haben, nachdem der “Große Palast” bei der Hagia Sophia nicht mehr bewohnbar war. Heute sind nur noch spärliche Reste des Palastes erhalten.
Nach der osmanischen Eroberung ließen sich in Balat makedonische und sephardische Juden nieder. Doch dazu später mehr.

Wir besuchten zunächst das Ökomenische Patriarchat im ehemals griechischen Stadtteil Fener (griech. Pharos), was Leuchtturm oder Lichtquelle bedeutet. Das Patriarchat ist seit 1601 hier angesiedelt. Frühere Standorte waren bis 1453 die Hagia Sophia, danach die zweitwichtigste Kirche des Byzantinischen Reichs, die Apostelkirche, bis diese 1461 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. An ihrer Stelle ließ Mehmet II. die Fatih Camii errichten. Dann diente die Pammakaristos-Kirche (heute Fethiye Camii) als Amtssitz des Patriarchen, bis er schließlich 1601 an seine heutige Stelle verlegt wurde.
Der jetzige Patriarch Bartholomeos I. ist seit 1991 im Amt. Er ist der 270. Nachfolger des Apostels Andreas, auf den die Gründung der Ostkirche zurückgeht. Administrativ sind Bartholomeos 3,5 Millionen orthodoxe Christen unterstellt; neben den 3.000 Gläubigen in der Türkei alle orthodoxen Christen, die keinen eigenen Patriarchen haben, z.B. sehr viele Diasporakirchen wie die orthodoxe Kirche Finnlands. Er versteht sich aber auch als Ehrenoberhaupt aller 300 (andere Quellen sprechen von 350) Millionen orthodoxer Christen und ist Primus inter pares unter den in der Antike entstandenen Patriarchatssitzen von Alexandria, Antiochia und Jerusalem und dem 1589 eingerichteten Patriarchat von Moskau.
Die Patriarchats-Kirche Hagios Georgios gilt nach der Balıklı Kilise (Kirche mit dem Fisch) bei Silivri-kapı als zweitheiligste Kirche der Stadt. Sie wurde 1720 gebaut, entsprechend den osmanischen Bauvorschriften ohne Kuppel, sondern mit Satteldach, ohne Glockenturm und von einer hohen Mauer umgeben. Zu dem Gebäu-dekomplex gehört neben der Kirche eine Bibliothek, die Amts-räume des Patriarchen, ein Stadtmauerturm, der früher als Gefängnis diente, und eine Anlage zur Herstellung von Weihrauch. Die angrenzende ehemalige griechische Grundschule steht leer.
Am Haupteingang, der zum Innenhof führt, sticht eine schwarz bemalte und immer geschlossene Tür ins Auge. Dieses Zeichen der Trauer erinnert an den März 1821, als der damalige Patriarch zusammen mit zwölf seiner Priester hier aufgehängt wurde, weil sie die griechische Freiheitsbewegung unterstützt haben sollen. Die Straße davor war lange nach dem Großwesir Ali Paşa benannt, der diese Hinrichtungen zu verantworten hatte. Der neue Straßenname erinnert an einen Türken, der in Griechenland ermordet wurde.
Eine Legende besagt, dass, wenn Istanbul wieder griechisch werden würde, der neue Herrscher durch dieses schwarze Tor einziehen würde.

1941 kam es zu einem Brand in den Gebäuden um den Innenhof herum. Erst Turgut Özal erteilte in den 80er Jahren die Erlaubnis zur Renovierung. Bei den vergangenen beiden Papstbesuchen, die jeweils im November zum Fest des Heiligen Andreas stattfanden, hat der jeweilige Papst die Gläubigen von dem dortigen Balkon aus begrüßt.
In der Pogromnacht vom 6. auf den 7. September 1955 kam es auch in dieser Kirche zu Zerstörungen, bei denen auch die Knochenhäuser geschändet wurden. Ein grie-chischer Fotograf hat alles dokumentiert und wurde unmittelbar danach ausgewiesen.
Heute erstrahlt die Kirche wieder in vollem Glanz, nachdem sie zuletzt vor zehn Jahren renoviert wurde, finanziert von einem reichen griechischen Reeder.

Die dreischiffige Basilika-Form ist typisch für griechische Kirchen, ebenso wie die Unterteilung durch zwölf Säulen, die an die zwölf Apostel erinnern. In der Kirche befinden sich zahlreiche Ikonen, die teilweise viel älter als die Kirche sind und oft aus Anatolien hierher gebracht wurden, nachdem die ursprünglichen Gemeinden, die diese Ikonen beherbergten, das Land verlassen mussten.
Sehr prunkvoll ist neben der Ikonostase aus vergoldeten Holzschnitzereien, an der zwei Meister 40 Jahre lang gearbeitet haben sollen, der Thron des Patriarchen aus Walnussholz mit Perlmutt-, Edelstein- und Elfenbein-Intarsien. In der hinteren rechten Ecke des Kirchenschiffs ist die Säule der Geißelung Christi zu sehen, die Helena, die Mutter Konstantins, hierher gebracht haben soll, ebenso wie eine Nagelreliquie des Kreuzes Christi.
Im linken Seitenschiff befinden sich Reliquienschreine mit den sterblichen Überresten der Heiligen Vasilios, Grigorios und Hristo-domos. Diese waren 1204 im Zuge des 4. Kreuzzugs, in dessen Verlauf die Stadt komplett ausgeplündert wurde, wie zahllose andere Kunstschätze, geraubt und nach Italien gebracht worden. 2004 hat sich der Papst bei der Ostkirche für diese Plünderungen entschuldigt und die Särge wurden in Anwesenheit von Bartholomeos aus Rom zurückgeholt und in die Patriarchatskirche gebracht. Im rechten Seitenschiff stehen die Särge der drei weiblichen Stadtheiligen Euphemia, Theophanu und Salamoni.

Wenn man den Gebäudekomplex des Patriarchats verlässt, kann man am Tor ein Bild einer Jesusfigur mit zentralasiatischem Aussehen erkennen. Die Stifterin war Maria Palaiologia, eine Tochter des byzantinischen Kaisers Michael VII. Palaiologos (1259 bis 1282), die mit einem Enkel Dschingis Khans verheiratet war, weshalb die von ihr in Auftrag gegebenen Jesusdar-stellungen mongolische Gesichtszüge tragen. Maria Palaiologia kehrte nach der Ermordung ihres Mannes nach Konstantinopel zurück und stiftete eine Kirche mit dazu gehörendem Kloster, die Kirche der Heiligen Maria der Mongolen (Kanli Kilise). Diese Kirche ist die einzige Kirche in Istanbul, die seit ihrer Einweihung im 13. Jahrhundert durchgehend als Kirche genutzt wurde. Ermöglicht wurde dies durch einen Erlass Mehmets II.

Weil man beim Bummel durch Fener und Balat noch den morschen Charme des alten Istanbul spüren kann, werden hier sehr viele Filme und Fernsehserien gedreht. Man kann hier noch durch romantische, von Weinreben überrankte Gässchen spazieren.
Von der griechischen, armenischen und jüdischen Minderheit, die einst hier lebte, sind nur noch die Gotteshäuser und die verfallenen Schulen geblieben. In den 70er Jahren siedelten sich hier viele Zuwanderer aus der Schwarzmeer-Region an, die den Vierteln ein neues muslimisch-konservatives Gesicht gegeben haben. Allerdings ist auch deren Existenz durch Immobilienspekulationen und Sanierungen bedroht, da sich viele die steigenden Mieten nicht mehr leisten können.

Ein Teil des armenischen Erbes von Balat ist die “Kirche des Eisernen Gabriel”. Wie andere armenische Kirchen auch, war sie ursprünglich griechisch, wurde dann aber durch Bestechung eines Großwesirs den Armeniern über-tragen. Im Keller befindet sich – wie in einigen anderen Kirchen auch – eine heilige Quelle. Eine Besonderheit dieses Baus ist, dass sie ein Tor mit einer deutschen Inschrift besitzt. Dieses Tor, das aus einzelnen gusseisernen Platten zusammengesetzt ist, wurde beim Umbau des Topkapi-Palastes gefunden, im Jahr 1730 von einem Armenier gekauft und der Kirche geschenkt. Eines der auf der Tür abgebildeten Motive ist die Tötung des Drachens durch den Erzengel Gabriel.
Gegenüber der Kirche befindet sich die Ruine eines ehemaligen armenischen Waisenhauses für Kriegswaisen.

Noch im 19. Jahrhundert war Balat ein wichtiges Handelszentrum, in dem vorwiegend Juden lebten, bis diese in modernere Stadtteile umzogen und dann größtenteils nach Israel auswanderten. Von dieser jüdischen Vergangenheit zeugen noch elf Synagogen. Eine davon ist die Yanbol-Synagoge im Zentrum von Balat. Sie wurde von Juden aus Bosnien, Serbien und Makedonien gegründet. Eine feste Gemeinde gibt es hier ebenso wenig wie bei den anderen Synagogen, teilweise sind sie zweckentfremdet, in einer befindet sich heute ein Reifendienst.
Die ältste Gemeinde der Stadt ist die im frühen 15. Jahrhundert von Juden aus Ohrid im heutigen Mazedonien gegründete Gemeinde der Ahrida-Synagoge. Sie stammt also noch aus der Zeit vor der osmanischen Eroberung 1453 und vor der Einladung Sultan Beyazits II. an die aus Spanien vertriebenen Juden 1492. Der heutige barocke Bau erfolgte im 18. Jahrhundert in der Zeit der Tulpenepoche.
Auch diese Synagoge hat keine eigene Gemeinde mehr, wird aber an Samstagen und Feiertagen von Juden aus der ganzen Stadt zum Gottesdienst besucht.

Von der jüdischen Geschichte Balats zeugt auch das an der Uferstraße gelegene Balat Hastanesi, das ursprünglich von Juden gegründet worden war.
Insgesamt leben noch etwa 18- bis 20.000 Juden in der Türkei, v.a. in Istanbul. Ein zweites Zentrum ist Izmir, aber auch in anderen Städten wie Ankara und Antakya sind noch kleine Gemeinden zu finden. In Istanbul und auf den Prinzeninseln gibt es noch 18 Synagogen. Die Hauptsynagoge ist die Neveshalom-Synagoge in der Büyük Hendek Sokak in der Nähe des Galata-Turms. Das moderne jüdische Zentrum Istanbuls ist in Ulus, wo es neben einer Synagoge auch eine jüdische Schule mit etwa 600 Schülern, ein Krankenhaus, zwei Altenheime und zwei Friedhöfe gibt.
Viele junge Juden verlassen das Land. Seit die spanische Regie-rung im Sommer 2015 ein Gesetz verabschiedet hat, das den Nachfahren von den vor 500 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden die Möglichkeit gibt, einen spanischen Pass zu beantragen, machen auch einige davon Gebrauch.

Im Zentrum von Balat liegt eine der berühmtesten Meyhanes der Stadt, die Agora Meyhanesi. Sie ist am Abend ein beliebter Treffpunkt von Istanbuler Intellektuellen.

Da es aber für Raki noch ein bisschen früh war, ließen wir unsere Führung in einer kleinen gemütlichen Lokanta an der Uferstraße ausklingen.

Text: Annette Lui
Foto: Annette Fleck

 

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