Brücke – Stadtführung im Oktober: Ortaköy – Kuruçeşme

“Wenn Sie Ortaköy von der Straße entlang des Piers her betreten, können Sie sofort sechs verschiedene wunderbare Toilettendüfte riechen. Für die Einheimischen ist eine empfindliche Nase ein großes Problem.”

Dieses wenig schmeichelhafte Urteil fällte im 19. Jahrhundert der armenische Satiriker Hagop Baronyan, dem wir später noch begegnen werden. Heute befindet sich hier ebenso wie in den anderen Stadtteilen am Bosporus der teuerste Baugrund der Stadt.
Ortaköy war – wie die anderen ehemaligen Bosporusdörfer – von Griechen, Armeniern und Juden besiedelt. Als Angehörige von Minderheiten fühlten sie sich hier sicherer. Außerdem war – anders als das Zitat Baronyans vermuten lässt – die Luft hier bedeutend besser als im Zentrum innerhalb der Stadtmauern. Dort lebte die türkische Bevölkerung, ebenso wie in Üsküdar, das schon vor Konstantinopel von den Osmanen erobert worden war. Dementsprechend wurden auch schon früh dort Moscheen gebaut.
Das Bosporusufer hingegen wurde erst im 18. Jahrhundert von der türkischen Oberschicht entdeckt, die dort ihre Yalıs errichtete. Am Ufer Richtung Beşiktaş entstanden hübsche Häuser für die Prinzen. Diese sind heute alle in staatlichem Besitz, wie das Kabataş-Lisesi, eine renomierte Jungenschule. Erst vor 160 Jahren wurde die Mecidiye-Moschee gebaut.
Die Vielfalt der Religionen in Ortaköy wird dadurch bezeugt, dass auf engstem Raum eine Moschee, eine Kirche (Ayios Fokas) und eine Synagoge zu finden sind, was in dieser Form nur noch in Kuzguncuk auf der asiatischen Seite der Fall ist.
Sultan Abdülmecid (1839 bis 1861), der u.a. den Dolmabahçe-, den Küçüksu-Palast und die Teşvikiye-Moschee errichten ließ, gab auch die Moschee in Ortaköy in Auftrag. Ausgeführt wurde der Bau von den armenischen Hofarchitekten Karabet und Nikogos Balyan. Das Staatsmonogramm Abdülmecids ist deshalb über dem Eingangsportal der Moschee zu sehen.
Wie sein Vater Mahmud II. (1808 bis 1839) war auch Abdülmecid ein Reformer. Er begann mit den Tanzimat-Reformen, die das Reich modernisieren sollten und den Minderheiten mehr Rechte zubilligten. Wie die westlichen Monarchen trug er eine Militäruniform und ließ sich – entgegen dem islamischen Bilderverbot – darin malen. Sein Bild wurde in den Amtsstuben aufgehängt. Beerdigen ließ er sich allerdings nicht bei seiner Moschee, sondern bei der Moschee Selims I. am Halıç. Entsprechend der westlichen Orientierung des Sultans zeigt auch seine Moschee europäische Merkmale, bspw. die Ecktürme und die nach außen gehende Apsis wie bei einer Kirche. Das aus Korallenkalk und Marmor errichtete Bauwerk ist im Stil des Spätbarock und Spätrokoko gestaltet.

Aufgrund des Niedergangs des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert wurde bei allen in dieser Zeit entstandenen Moscheen gespart:
– So gibt es nur einen von einer Kuppel überwölbten Gebetsraum, eine Galerie für die Frauen und eine Vorhalle.
– Statt Kacheln gibt es perspektivische Malereien, die auch die Kuppel schmücken.
– Die Säulen sind nicht aus Marmor, sondern aus Stuck.

Auffällig ist, wie das Licht die Moschee durch die vielen Fenster durchflutet. Wenn der Sultan seine Moschee besuchte, kamen er und sein Hof vom Wasser her mit Staatsbarken, die man sich im Meeresmuseum in Besiktas anschauen kann. Weil der Sultan sehr zufrieden war mit den Leistungen der Architektenfamilie Balyan, schenkte er ihnen die kleine Insel “Suada” im Bosporus gegenüber von Kuruçeşme. Die Balyans ließen einen Anleger und eine Villa dort errichten. Als später die Dampfschifffahrt aufkam, wurde die Insel als Depot für Kohle und Wasser genutzt. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts kaufte der Fußballclub Galatasaray die Insel. Heute ist sie an den Besitzer des Reina vermietet. Sie bietet Platz für 1.000 Gäste.

Die Synagoge konnten wir wegen des gerade stattfindenden jüdischen Neujahresfestes nicht besichtigen, ebenso wenig die griechische Kirche Ayios Fokas.

Unsere nächste Station war die Meryemana Ermeni Kilisesi. Im Hof der Kirche befindet sich eine Büste des oben schon erwähnten armenischen Satirikers Hagop Baronyan (1842 bis 1891) – die häufige armenische Endung “-yan” bedeutet übrigens “Sohn”. Baronyan hat in seinem Buch “Spaziergänge durch Istanbuler Wohnviertel” auf sehr amüsante und überzogene Weise seine Landsleute aufs Korn genommen. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1725, war ursprünglich aus Holz, durch einen Brand wurde sie im 19. Jahrhundert zerstört und danach in Stein wieder aufgebaut. Man betritt die Kirche durch eine sehr schön geschnitzte Tür aus Walnussholz, die vor knapp zwei Jahren von Restauratoren aus Armenien renoviert wurde. Im Zuge dieser Renovierung wurde auch der Putz von den Wänden entfernt und das Mauerwerk freigelegt. Wie es für armenische Kirchen typisch ist, besteht der Hauptraum aus einem einschiffigen Tonnengewölbe. Es wird von vier Säulen getragen, die die vier Evangelisten verkörpern. Griechische Kirchen hingegen werden meist von sechs Säulen getragen und verfügen über zwei Seitengewölbe. Herr Saka, der Priester, gab uns auch einige Informationen über das Gemeindeleben und die Kirche. Der Hauptaltar wird immer mit einem Bild von Maria mit dem Jesuskind geschmückt, die Seitenaltäre zeigen Heilige. Hier ist es links Gregor, der Erleuchter, der 301 die Armenier zum Christentum bekehrt hat, und rechts Jakob. An den Seiten des Altarraums befindet sich ein Vorhang, der meist offen ist, aber bei einigen Messen geschlossen wird, um die Trennung zwischen dem Heiligen (Altarraum) und den Sünden (Hauptraum) zu symbolisieren. Er erinnert an den Vorhang im Tempel von Jerusalem, der beim Tod Jesu zerrissen ist. Der Hauptraum der Kirche wiederum wird durch Säulen vom Vorraum abgetrennt. Diese Säulen bildeten ebenso eine Grenze, hinter der die Sünder verbleiben sollten. In einem Nebenraum befindet sich das Baptisterium und ein Bild von Maria, das dreimal ein Feuer überstanden hat, zu dem die Menschen beten, wenn sie Sorgen und Wünsche haben.
Die Gemeinde besteht aus ca. 100 Familien. Nicht alle wohnen in Ortaköy, manche kommen auch aus Etiler und Levent hierher zum Gottesdienst.

In der armenischen Kirche gibt es fünf große Feiertage:
– Weihnachten am 6. Januar
– Ostern, das zur gleichen Zeit wie in den westlichen Kirchen gefeiert wird.
– Jesu Verklärung am 14. Sonntag nach Ostern (meist im Juli)
– Maria Himmelfahrt zwischen dem 12. und 18. August
– Fest der Kreuzeserhöhung zwischen dem 11. und 17. September

Daneben gibt es noch 9 weitere Feier- und Gedenktage, u.a. für den Hl. Mesrop, den Erfinder des armenischen Alphabets und den ersten Kirchenvater Gregor.
Insgesamt leben 60.000 Armenier in der Türkei, davon 55.000 in Istanbul. 95 % von ihnen sind gregorianisch (orthodox). Ihr Patriarchat befindet sich in Kumkapı. Vier bis fünf Prozent der Armenier sind katholisch. Ihre Hauptkirche befand sich früher in Karaköy bei der Schule St. Benoit, ist aber jetzt in Beyoğlu hinter dem Einkaufszentrum Demirören.

Erst vor einem Monat hat der Papst einen neuen Erzbischof ernannt. Die sehr kleine protestantische Minderheit hat ihr Gotteshaus in Aynalı Çeşme neben der deutschen evangelischen Kreuzkirche.
Die armenische Gemeinschaft verfügt insgesamt über 35 Kirchen, 17 Schulen, 17 Kultur- und soziale Organisationen und zwei Krankenhäuser. In dem sehr modernen armenischen Krankenhaus in Yedikule liegt auch der vormalige Erzbischof im künstlichen Koma.
Im Osmanischen Reich gab es viele armenische Diplomaten und Minister. Die Finanzminister waren oft Armenier, ebenso wie die Hofarchitekten.
Heute noch gelten die Armenier als geschickte Kunsthandwerker, so dass sie führend im Bereich der Goldschmiedekunst sind. In Dolapdere gibt es aber auch zahlreiche armenische Autowerkstätten.

Unser Weg führte uns weiter in die Bulgurcu Sokak. Dort stehen noch 18 alte Holzhäuser, in denen einst die Mitglieder der Leibgarde des Sultans gewohnt haben. Diese Häuser heißen noch heute “18 Akaretler”. Sie gehören der Stadt und sind vermietet, allerdings ist der Bauzustand nicht mehr der beste.
Am Bosporus entlang ging es dann Richtung Kuruçeşme.

In der ehemaligen griechischen Grundschule Ortaköys ist heute das Ministerium für EU-Angelegenheiten. Daneben befindet sich der Eingang zum Esma Sultan Yalisi. Esma Sultan (1778 bis 1848) war die Tochter Abdülhamids I. und Lieblingsschwester Mahmuds II., eine sehr moderne und einflussreiche Frau. Ihr Vater hatte ihr den Palast geschenkt, als sie zehn Jahre alt war. Vom ursprünglichen Palast stehen nur noch die Grundmauern. In dem darin befindlichen Edelrestaurant, das vom Marmara-Hotel betrieben wird, finden luxuriöse Bankette und Hochzeiten für bis zu 2.000 Personen statt. In direkter Nachbarschaft lag früher die Vertretung der DDR. Heute befindet sich hier Türkpetrol Vakifi.
Kurucesme heißt “trockener Brunnen”, die Herkunft des Namens ist unbekannt. Früher galt es als Stadtteil der modernen, gebildeten Griechen. So befand sich die Patriarchatsschule, die heute in Fener ist, früher hier. Auch der der griechischen Minderheit entstammende, erste osmanische Botschafter in Athen, Kostaki Musiris Pascha, hatte hier seine Winterwohnung. Heute befindet sich dort das Robert College.
Wenn man sich von der Uferstraße, an der sich die teuersten und bekanntesten Clubs Istanbuls befinden, entfernt und die Sträßchen nach oben steigt, kann man Spuren dieser alten, von den Griechen dominierten, Zeit erkennen. Am Ende einer dieser Gässchen befindet sich die Aya Dimitri Rum Ortodoks Kilisesi, die dem Soldatenheiligen Dimitrios geweiht ist. Dieser Spross einer einflussreichen römischen Familie soll in Thessaloniki 306 das Martyrium erlitten haben, in dem man ihn mit Speeren durchbohrte, weil er sich geweigert hatte, seine christlichen Glaubensbrüder zu verfolgen. Er wird in der Ostkirche sehr verehrt, ist Schutzheiliger der Soldaten und der Stadt Thessaloniki. Auch in Kadıköy und Kurtuluş gibt es Dimitrioskirchen.
Die Kirche in Kuruçeşme besteht aus zwei Teilen. Der untere Teil ist von 1717 aus der “Tulpenepoche”. Die Originaleinrichtung ist noch erhalten. Sie konnte 1955, als in der Nacht vom 6. auf den 7. September zahlreiche griechische Geschäfte, Wohnhäuser, Schulen und Kirchen zerstört wurden, gerettet werden. Im oberen Teil ist eine kleine Kapelle mit einer heiligen Wasserquelle, die meist öffentlich zugänglich ist.
In Istanbul gibt es knapp 100 griechisch-orthodoxe Kirchen, aber nur noch 2.500 Griechen. 100.000 haben 1955 in Folge der Ausschreitungen ihre Heimat verlassen. Die meisten Kirchen stammen aus dem 17./18. und vor allem aus dem 19. Jahrhundert. Von den Kirchen aus byzantinischer Zeit sind 14 als Moscheen erhalten, zwei, die Hagia Sophia und die Chorakirche, sind Museen.
Einige griechische Kirchen wurden nach der Eroberung 1453 an Armenier gegeben, die Mehmet II. 1461 aus Bursa und anderen Teilen des Landes nach Istanbul geholt hatte. So war bspw. die erste armenische Kirche in Samatya beim Studios-Kloster ursprünglich eine griechische Kirche aus dem 6. Jahrhundert. Deshalb und aufgrund älterer Konflikte ist das Verhältnis zwischen Griechen und Armeniern nicht ungetrübt. Auch in diesem ursprünglich rein griechischen Viertel haben sich später Armenier angesiedelt, deren 150 Jahre alte Kirche Surp Haç Ermeni Kilisesi, Kirche zum Heiligen Kreuz, wir auch noch kurz besichtigten.
Weiter ging es nach Arnavutköy, dessen griechischer Name “Megarema” (große Strömung) ist. Wie Kuruçeşme war es ursprünglich ein rein griechisches Dorf, wo auch heute noch relativ viele Griechen leben. Wir passierten ein großes, etwas verfallen wirkendes Holzhaus an der Uferstraße, das Halet Cambel gehörte. Die Archäologin war eine der ersten Professorinnen der Türkei. 98jährig ist sie in diesem Jahr gestorben und hat ihr Haus der Bosporus-Universität vermacht, wo sie auch gelehrt hatte.
Beim Fischrestaurant Adem Baba ließen wir unsere Tour ausklingen.

Herzlichen Dank an Adnan Bey für die interessante Führung.

Text: Annette Lui

 

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