Editorial Dezember

Liebe Leserinnen und Leser,

Beim Adventskaffee mit Kerzenlicht und Rosetta-Sphärenmusik
(Winter- und Weihnachtsbilder (http://goo.gl/RD3isS))

Die Erde hat ihn wieder. Unseren heimatverbundenen Geophysiker und Astronauten Alexander Gerst aus Künzelsau (Baden-Württemberg). Im Kaffeehaus seiner Verlobten in Schwäbisch-Hall werden ihn Kinder umringen: ‘‘Hast Du unterwegs den Nikolaus gesehen und am Himmel das Christkind?‘‘ 166 Tage in einer Weltraumkapsel unterwegs mit zwei Fluggenossen, einem Amerikaner und einem Russen! Der umgänglichste Kollege: unser deutscher Alexander! Es gibt noch Hoffnungsschimmer in unserer bösen Zeit!
Sein Sternzeichen? Auch gültig im All? Die o.a. Sphärentöne klingen für Astronauten wohl wie Weihnachtsmusik aus dem Nachbarhaus.
Alexander und Nikolaus, diese vielsagenden Namen zieren auch Päpste und russische Zaren. Zar Nikolaus I. hatte übrigens 1862/63 das Klostergelände mit der Nikolauskirche in Demre/ Myra, bei Antalya, aufkaufen lassen, ohne Genehmigung der Hohen Pforte. Warum? Der Heilige Nikolaus ist der Schutzheilige Russlands.

Eine Überraschung aus unserer Zeit: kürzlich, im RTL-Fernsehen, haben doch tatsächlich weder der hochgebildete Moderator Günther Jauch, noch seine 5 Gegner gewusst, dass der Heilige Nikolaus in der heutigen Türkei (um 300 n. Chr.) beheimatet war. Die bärtige Bischofsgestalt auf dem Rentierschlitten kann man natürlich nur in schneereichen, nördlichen Gegenden sehen.

In Ankara lebend trieb mich einmal die lebhafte Sehnsucht nach Winterschnee-Romantik nach Sarıkamış bei Kars, eine der schönsten Kiefernwald-Winterlandschaften, mit Kristallschnee wie sonst nur in unseren Alpen. Ein Jagdschlösschen des Zaren (das Gebiet war 1873 bis 1921 russisch) konnte ich im glöckchenklingenden Pferdeschlitten, gehüllt in eine Bärenfelldecke, unter blauem Winterhimmel dahinjagend, leicht erreichen (nachts minus 34 Grad). Dr. Schiwago hätte mich beneidet! Selbst die Reise im Doğu-Express (Ankara-Kars) war etwas russisch geprägt: Schlafwagen und Speisewagen noch aus der Zarenzeit, stabil, bequem und von solider Eleganz (Jugendstil).

Später, zurück in Ankara, erschien am heiligen Abend, in meiner Bereitschaftsdienstzeit, ein deutscher Hippie in der Botschaft, aus Afghanistan kommend, auf der Seiden-, Gewürz- Rauschgiftstrasse. Er war jung, heruntergekommen und silber-korallen-türkis geschmückt. Ein Botschaftsweihnachtsempfang für uns Diensthabende stand bevor; also schnell eine Tasse Nescafe für den Hilfesuchenden und ein Lebensphilosophie-Austauschgespräch mit ihm. Als Zuschuss für einen Weihnachts-Direktflug der LH nach München gab ich ihm ein privates Darlehen i.H. von 200 Mark. Von einer Heimreise über Istanbul (Rauschgiftsumpf!) wollte ich ihn abhalten! Nach etwa drei Jahren kam sein Dankesbrief mit Bargeld und neuem Passfoto bei mir im GK, jetzt in Lille/ Frankreich, an: nach einer abgeschlossenen Lehre verdiene er ganz gut und sei, siehe Photo, wieder auf dem richtigen Gleis gelandet. Meine Freude hält bis heute noch an. Man soll das Fenster der Hoffnung nie zuschlagen, zur Not sich selbst eines malen!

Weihnachten in Istanbul? Jahr 1979 – eine Terrorwelle überschwemmt das Land. Besucher mit Waffen bedrohten auch Krankenhaus-Patienten. Am Heiligen Abend, nach Büroschluss im Deutschen Krankenhaus (Alman Hastanesi), erhielt ich eine telefonische Warnung meiner Sekretärin, Frau N.: ‘‘Verstecken Sie sich zu Hause (d.h. in der Dienstwohnung auf dem Gelände), kein Licht anmachen, keine Geräusche, nicht hinausgehen. Die haben nach Ihnen gefragt und wollen Sie umbringen, weil in der Küche ein Gewerkschaftsaufruf entfernt wurde. Sie wissen, wie gefährlich die Leute sind. Ich habe gesagt, Ihre Mutter sei da und mit Ihnen zur Kirche, an Weihnachten gehen die Deutschen in die Kirche.‘‘

Nach den Feiertagen folgte im Büro die böse Auseinandersetzung; mit den Aussagen ‘‘lt. Chefarzt Dr. Tuncel und Oberschwester ist die Verwaltungsdirektorin Donbaz die Schuldige. Das heisst Sie! Nein? Wem sollen wir glauben?‘‘ Ich war unschuldig. Aber meine Weihnachtsfeiertage dahin. Im Halbdunkel hockten wir auf dem Boden. Licht? Nur durch einzelne erleuchtete Krankenzimmer und Lichtstreifen der Gartenlampen. Kein Kerzenlicht, kein warmes Essen, keine Weihnachtsmusik mit Glockentönen des Würzburger Doms, kein Gottesdienst. Es gab nur Nachdenken über das Krankenhaus – ein Schiff unter deutscher und türkischer Flagge – und die Weihnachtsbotschaft: Friede auf Erden…

Frohe Advents- und Weihnachtstage, möge das neue Jahr friedlich Einzug halten.

Doris Donbaz
für das Brücke-Team

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