Editorial Februar/März 2016

Weitere Winterszenen und auch Schnee von gestern

– Frieren für Deutschland – Tanzen für Deutschland –

Fast alle meine Weihnachtspläne sind davongeschwommen, wie das manchmal so geht. Immerhin gab es einen kleinen Rettungsanker in Gestalt von Thomas Mühlbauer’s Buch-und Kaffeehaus, in dem ich Kaffee und Kuchen, Zeitungen und Bücher, Christstollen, Brezeln und Salami geniessen bzw. an Land ziehen konnte. Auf der Heimfahrt schwamm ich in Wohlgefühl. Das Taxi war ein Geschenk des Himmels (wohl dem, der gut zu Fuss ist). Der Verkehr stockt, wie immer. Da flattert plötzlich auf der Nebenspur, zwischen den fahrenden Autos, etwas Schwarzes, wie ein grosses Fahnenstück-Tuch im Wind: Eine grossgewachsene Frau, mit schmalem Sehschlitz im schwarzen Gewand und dem aufgemalten Schriftzug ‘’AÇIZ’ (wir haben Hunger). Sie hüpft hin und her in der Abenddämmerung. Keiner öffnet das Autofenster. Alle befürchten einen Unfall oder eine Terrorfalle.

Plötzlich denke ich an die TV-Nachrichtensprecher, die solche Bilder und unzählige andere, schrecklichere, von Unfällen, Krieg-, Terror- und Streitszenen berichten müssen, jeden Tag, mehrmals. Wie kann man da seelisch gesund bleiben? Die TV-Haberler sind z.Zt. kaum auszuhalten. Denken Sie auch so? Auf der Suche nach friedlichen Bildern und Tönen stosse ich manchmal auf den russischen RTG (Touristen-)Sender, weil oft seltene Naturaufnahmen, Klöster-, Gärten- und  Museenfilme am Zuschauer vorbeiziehen, mit klassischer Musik als Untermalung. Ins Auge fallen besonders die Heiligenbilder, wie neu, fast zu schön. Die alten Darstellungen in der Kariye/Chora und der Hagia Sophia sprechen Bände in ihrer Schönheit. Russland hat das Christentum von Byzanz übernommen (anno 988). In Sowjetrussland haben es die russischen Grossmütter (Babuschkas) heimlich gerettet, als sie den Glauben an ihre Enkelkinder – als Halt und Wegweiser – weitergaben.

Unterwegs dreht sich mein Gedankenrad weiter. Daheim angekommen erfahre ich durch das Fernsehen, dass Istanbul zum Neujahrsbeginn Schneefall ‘’droht’’ – und später Kälte, aus Sibirien kommend. Tatsächlich, in der Silvesternacht erschreckt uns ein dröhnendes Wintergewitter und ein filmreifer Schneesturm. Russland live. Durch meine Träume pilgern verwischte Schnee-Erinnerungen. Eine davon war dieser unvergessliche Arbeitstag in der Visa-Stelle des GK Istanbul in Şişli! Wir frieren für Deutschland, seit Tagen, weil die Dienststelle in einer ehem. Autogalerie untergebracht ist, meterhohe Glasfenster, dünnes Glas. Meine mitgebrachte Kelimhälfte, lang und nicht zu breit, schwarz-goldgelb, an die Heizungsrohre gebunden, hilft wenig. Eine elegante Passantin kommt heran, will den Kelim kaufen! Nachmittags schneit der Generalkonsul herein, sieht mich mit weissem Wollturban und schwarzem Pelzmantel sitzend; wir hocken da, wie frierende Vögel. Raumtemperatur? 11 Grad Celsius. ‘’Gehen sie heim’’. Morgens sollen Wölfe in Şişli gesichtet worden sein.

Frieren für Deutschland in der Botschaft Ankara? Nein, das blieb uns immer erspart. Dafür aber schickte man mich einmal an einem Winterwochenende, unbeabsichtigt, in einen Schnee-Tanz für Deutschland.

Winter-Filmszenen gesucht? Hier sind sie. Ort: Ein Hotel auβerhalb Ankaras (im Atatürk Orman Çiftlığı) Im Saal ein Wohltätigkeitsball des Roten Kreuzes/Kızılay. Die Protokoll-Karte der Botschaft hat mich zur Teilnahme verpflichtet. Also: Weisses langes Mevlanakleid mit schwarzen Ballerina-Schuhen. Dort ist nur ein Tisch besetzt, auβer einer ‘’Kerngruppe’’, d.h. Familien mit halbwüchsigen Kindern. Drei slavische Ostblock-Diplomaten, nach Gehabe und Sprachmelodie. Nach dem Abendessen erstönt europäische Tanzmusik; alle drei tanzen abwechselnd mit mir, holen mich an ihren Tisch. Sie sprechen gut Englisch. Befragt, erzähle ich, daβ ich eine deutsche Sekräterin sei, hier bei einer deutschen  Firma tätig. Wir unterhalten uns gemütlich, über Gott und die Welt – aber nicht über Politik. Bald mache ich mich auf den Weg – ein Schock: Die Hoteleinfahrt, bei der Ankunft noch trocken, ist inzwischen halb eingeschneit. Ein Schneesturm wütet. Auf der Suche nach einem Taxi wate ich, im schwarzen Pelzmantel und weisser Nerzkappe verzweifelt durch den tiefen Schnee. Ein Wunder: Ein Auto hält. Die 3 Russen retten mich. Alle wohnen wir in Çankaya, zwei singen und lachen. Der Mann am Steuer schweigt konzentriert fahrend, russisch-schneesicher. Die beiden ‘’lustigen Gesellen’’ steigen aus. Mein Hauseingang ist verweht, hüfthohe Schneedecke auf den Stufen. Wieder russische Hilfe nötig. Beim Abschied alaturka flötet der Kavalier-Diplomat: ‘’Sie tanzen wunderbar- ich muss Sie wiedersehen.’’ ‘’Nein, unmöglich, das wäre lebensgefährlich für Sie und mich.’’ Da begreift er plötzlich, dass er fast in ein ‘’feindliches Lager’’ gerutscht wäre – was ihm morgens die Diplomatenliste schwarz auf weiss bestätigt. Mein Hauseingang, d.h. die Adresse hat mich verraten. ‘’Der Mensch lebt nicht von Brot allein’’ ist ein sowjet-russischer Romantitel.

Alles Gute!

Doris Donbaz
für das BRÜCKE-Team

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