Editorial Januar 2016

Unter dem winterlichen Sternenhimmel
 – Weihnachtliche Betrachtungen –

Meine jetzigen Betrachtungen sollten eigentlich keine Kümmernisse beleuchten; aber leider geht das nicht. Das Bild sähe verfälscht aus. Ob die beruflichen Betreuer und freiwilligen Helfer inmitten der ‘’Völker-Wanderung’’ von Flüchtlingen Weihnachten feieren können? Vielleicht gibt es ja eine Art Weihnachts-Bayram-Bereitschaftsdienst; jedoch auch in diesem Fall ziehen Schatten über das Kerzenlicht, verursacht durch die eigene Übermüdung.

Die Advents- und Weihnachtszeit macht uns fröhlicher und, insbesondere in diesem Jahr, nachdenklicher. Gott behüte uns vor Not und Terror!

Der deutsche Weihnachtsbasar in Istanbul erscheint mir immer als ein Lichtblick, ein Stern im Dunkeln. Wir genieβen dort die vorweihnachtliche, festliche Stimmung und die heimatlich vertrauten Spezialitäten, von denen viele Winter- und Christfest-Symbole darstellen. Mich beeindrucken die vielen liebenswerten Helfer. Ihre Arbeiten sind, über den reellen Wert hinaus auch Zeichen von Mitmenschlichkeit und Frieden!

Vergessen wir nicht, daβ manchmal die helfende Hand eines einzelnen Menschen viel Gutes ausrichten kann! Als Beispiel möge die wahre Wintergeschichte meines Onkels Gustav dienen, der in Stalingrad (heute Wolgograd) im Winter 1942/43 mit seinem Wehrmachtsmotorrad (40 PS) aus dem Kesselschlacht-Kampfgebiet rechtzeitig floh! Sein Retter in der Not war ein russischer Soldat, der ebenfalls das Weite suchen wollte. Die beiden ‘’Schicksalsgenossen’’ verständigten sich notdürftig und flüchteten zusammen, im Schneewetter kaum erkennbar, auf dem BMW-Motorrad aus der schlimmsten Gefahrenzone. ‘’Iwan’’ besorgte unterwegs Benzin, etwas Eβbares und jeweils ein Nachtquartier in einer strohgedeckten Bauernhütte. Ihre Flucht gelang. Von den 300.000 Soldaten der 6. Deutschen Armee sind nur 6.000 wieder nach Hause gekommen. Drei meiner nahen Verwandten sind ‘’vermiβt in Stalingrad’’. Nach englischer und amerikanischer Gefangenschaft kam viele Monate später mein Onkel Gustav wieder nach Hause, mit Malaria als ‘’Abschiedsgeschenk’’, aus Texas.

Mein interessantestes Weihnachtserlebnis? Vor Jahren rettete ein junger, oberbayrischer Ingenieur und Bergsteiger meinen Heiligen Abend im elterlichen Hause, durch eine einzigartige Hilfe. Bei der Bahnfahrt von Köln/Bonn nach Schwäbisch Hall stieg er mit mir in Stuttgart aus, um binnen weniger Minuten meinen etwas schweren Koffer – im Laufschritt – zum Umsteigen an das Haller Gleis zu tragen. Es ging um den letzten Zug am 24. Dezember! Der Bursche war mir sehr wohlgesonnen, weil ich während der Bahnreise einer vornehmen Dame im Abteil seine vorgetragenen Erlebnisse in Köln aus dem Oberbayrischen ins Hochdeutsche übersetzt hatte. Daheim angekommen schenkte mir meine Mutter eine kleine handgeschnitzte Krippe aus Oberammergau, die mit mir nach Istanbul wandern konnte. Gott sei Dank!

Ich muβ zugeben, daβ der Anblick eines tief verschneiten Alpendorfes in Bayern, Österreich oder der Schweiz mich ein biβchen rührselig stimmt; vielleicht eine unbewuβte Kindheitserinnerung an die Dorfkirche und den Marktplatz im Schnee.

Schöne Advents- und Weihnachtstage, ein gemüliches Silvester und ein hoffnungsvolles Neues Jahr – mit vielen Schutzengeln!

 

Doris Donbaz
für das BRÜCKE-Team

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