Führung durch die Stadtteile Fener und Balat

Am 10. Oktober 2012 trafen wir uns um 09.45 Uhr mit unserem Stadtführer Adnan am Taksimplatz und fuhren im Minibus zu unseren Besichtigungsorten in den Stadtteilen Fener und Balat, die früher überwiegend von Griechen bzw. Juden bewohnt wurden.

Zuerst besichtigten wir in Fener die griechisch-orthodoxe Patriarchatskirche ç, Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I, 280. Erzbischof im Amt und spirituelles Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt. In Konstantinopel vollzog sich 1054 einst die Spaltung der Christen in Ost- und Westkirche. So prangt auch über dem Eingang der Kirche der als Zeichen von Ostrom geltende Doppeladler.

Das Haupttor der Kirche ist seit Ostern 1821, als der damalige Patriarch mit 6 Gefolgsleuten auf Befehl des Sultans Ali Paşa hier aufgeknüpft wurde, versiegelt. Die sog. Trauertür soll erst wieder geöffnet warden, wenn Konstantinopel an die Griechen zurückfällt.

Baugesetze aus der osmanischen Zeit regelten, dass bei griechischen Kirchen der Kuppelbau untersagt war, um jedwede Ähnlichkeit mit Moscheen zu unterbinden. Ferner sollten die Gotteshäuser möglichst mit Ziegeln gedeckte Satteldächer und keinen sichtbaren Glockenturm besitzen sowie von einer hohen Mauer umgeben sein.

Von den ca. 94 griechisch-orthodoxen Kirchen in Istanbul gibt es aus jüngerer Zeit dennoch 4 Kuppelkirchen. Warum? – Ein wichtiges Ergebnis des 1856 mit dem Frieden von Paris beendeten Krimkrieges war die Sicherung der Religionsfreiheit für die Christen im Osmanischen Reich. Die vier Kuppelkirchen wurden allesamt in der Zeit 1875 – 1895 errichtet. 1880 entstand so z.B. die große griechische Dreifaltigkeitskirche auf dem Taksimplatz mit Kuppel und Türmen.

Im Innern von St. Georg befinden sich viele wertvolle Ikonen, die teils aus geschlossenen Kirchen in Kappadokien stammen. Die Kreuzritter des 4. Kreuzzuges (1202 bis 1204), die nie das Heilige Land erreichten, sondern von den Venezianern aus machtpolitischen Gründen nach Konstantinopel umgeleitet wurden, eroberten, plünderten und brandschatzten dieses im Jahr 1204. Die geraubten Kunstschätze brachten sie nach Venedig (z.B. die Quadriga vom Markusdom in Venedig). Die Patriarchatskirche erhielt 2004 von Papst Johannes Paul II. die in zwei Marmorsärgen ruhenden Gebeine von Gregor von Nazianz und Johannes von Antiochia (gen. Chrysostomos) zurück, die während des 4. Kreuzzuges entwendet worden waren. Die beiden Letztgenannten gelten zusammen mit Basilius von Caesarea als die drei heiligen Hierarchen.

Mit dem Bus passierten wir die alte Galata-Brücke sowie die ebenfalls in Fener am Goldenen Horn gelegene neogotische bulgarisch-orthodoxe Kirche Sveti Stefan. Die vom armenischen Architekten Hovsep Aznavur ursprünglich als Steingebäude geplante Kirche musste aufgrund des sumpfigen Bodens in Eisen ausgeführt werden und wird deshalb auch als „Eiserne Kirche“ bezeichnet. Die einzelnen Elemente wurden zwischen 1893 und 1896 durch die Firma Rudolph Philipp Waagner in Wien gefertigt und über die Donau und das Schwarze Meer nach Istanbul verschifft. Die im Untergrund der Kirche befindlichen Eichenholzbohlen sind aufgrund von Straßenbauarbeiten ausgetrocknet, die Eisenkonstruktion leidet unter der fortschreitenden Korrosion des Materials. Um den Zerfall des Kirchengebäudes aufzuhalten, werden seit 2005 Restaurierungsarbeiten durchgeführt.

Danach fuhren wir zur Yavuz Sultan Selim Camii, die von Selim I, genannt Yavuz (der Gestrenge/Grausame), dem 9. Sultan des Osmanischen Reichs, gestiftet wurde. Seine Regentschaft dauerte von 1512 – bis zu seinem Tod im Jahr 1520. Er war der Vater des späteren Sultans, Süleyman I. des Prächtigen. Sultansmoscheen verfügen über mindestens 2 Minarette und grenzen sich so gegenüber den Paschamoscheen (nur 1 Minarett) ab. Von dort oben hatten wir einen herrlichen Blick auf das Goldene Horn. Auf dem Gelände der Moschee befinden sich außerdem die Yavuz Sultan Selim Türbesi und die Sultan Abdülmecid Türbesi. Abdülmecid war der 31. Sultan des Osmanischen Reichs, regierte von 1839 – 1861 und hatte 42 Kinder.

Unweit der Moschee befindet sich die Sultan Sarniç Zisterne, neben ihrer Funktion als Trinkwasserspeicher auch Wohnhaus der heiligen Kaiserin Pulcheria, heute ein Restaurant.

Kaiserin Pulcheria (*399 in Konstantinopel †453) war die Tochter des Kaisers Arkadius und Schwester des späteren Kaisers Theodosius II. Sie war die zweite Ehefrau des späteren Kaisers Markian. Sie wird als heilige Pulcheria bezeichnet, weil sie wegen ihres Keuschheitsgelübdes eine Josefsehe (kein Vollzug der Ehe) führte.

Anschließend besuchten wir das Viertel Draman/Çarşamba, eines der islamischsten und konservativsten Viertel Istanbuls und schlenderten ein wenig über den Çarşamba-Markt.

Nach einer guten und preiswerten Stärkung mit Köfte, Bohnen, Cacık und Obst im Çanak Mangal setzten wir unseren Rundgang durch das im Osten an Fener angrenzende Viertel Balat fort. Der Name Balat leitet sich vom griechischen Wort Palation ab, was im Deutschen Palast bedeutet. Balat war lange Zeit hauptsächlich von sephardischen Juden bewohnt. Nach der Gründung des Staates Israel 1947 sind die meisten von ihnen in ihre neue Heimat ausgewandert. Heute leben noch rd. 20.000 Juden in Istanbul.

Neben der ältesten Synagoge Istanbuls, der Ahrida-Synagoge, die im frühen 15. Jahrhundert gebaut wurde, kamen wir auch an der Yanbol-Synagoge vorbei. Daneben gibt es in Balat auch viele griechische und armenische Kirchen. Wir sahen die armenische Balat Surp Hiresda Gabet Ermeni Kilisesi, die dem Erzengel Gabriel geweiht ist. Armenische Gemeinden existierten in der Stadt seit Mehmet dem Eroberer.

Die berühmteste Kneipe Balats war die Agora Meyhanesi, in deren Räumlichkeiten heute ein Kunstmaler sein Atelier hat.

Auf dem letzten Teil der Tour waren wir wieder in Fener. Dort besahen wir uns von außen das Özel Fener Rum Lisesi, eine berühmte griechische Eliteschule in einem großen imposanten rötlichen Backsteinbau aus dem Jahre 1851.

Ferner kamen wir an der Meryem Ana Ortodoks Kilisesi (Kirche der Hl. Maria der Mongolen) vorbei. Sie wurde 1280 von Maria Mouchliotissa, einer illegitimen Tochter Kaiser Michaels VII, die aus politischen Gründen mit dem Mongolen Khan Abagu vermählt wurde, gestiftet. Ein Erlass Mehmets II. aus dem Jahre 1453 bewahrte sie vor der Umwandlung in eine Moschee. Sie ist die einzige Kirche aus byzantinischer Zeit, die immer eine Kirche blieb.

Letzte Station war das Dimitrie Cantemir – Museum. Dimitrie Cantemir (1673-1723) war 1693 und 1711 Fürst der Moldau. Er gilt als einer der großen universalen Geister seiner Zeit und erlangte durch seine Werke außerordentliche Popularität. Cantemir war Universalgelehrter und Schriftsteller, Autor der ersten Geschichte des Osmanischen Reiches, Mitglied der Königlich Preußischen Sozietät der Wissenschaften, Diplomat, Senator und Berater Peters I.

Mitunter fühlte man sich beim Bummel durch die Straßen von Fener und Balat in eine dörfliche Atmosphäre versetzt und es war kaum zu glauben, dass der laute und stete Verkehr am Goldenen Horn nur wenige Straßenzüge entfernt war. Dies lag nicht nur an den engen kleinen verwinkelten Straßen, in denen die Wäscheleinen hoch oben quer über die Straße gingen, sondern auch daran, dass kaum parkende und fahrende Autos die zum Teil etwas morbide Idylle störten.

Wir ließen die Stadtführung bei Tee, Kaffee und köstlichem Gebäck im Cafe Vodina ausklingen. Mit neuen Eindrücken und verwöhnt von der Sonne kehrten wir zum Taksim zurück und verabschiedeten uns dort um 16.00 Uhr voneinander.

Vielen Dank Adnan und den Organisatorinnen für diesen schönen Tag.

Bericht und Fotos: Birgit Grote

Fotos: Annette Fleck

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