Handwerkerhöfe rund um den Großen Basar Istanbuls

Brücke-Führung mit Adnan Özeler am 14.11.2012

Wieder einmal hatten wir das Vergnügen, eine interessante Führung mit Adnan Özerler zu unternehmen. Bei schönem Wetter trafen wir uns in Beyazit und wurden von Adnan Bey wie immer mit viel Anschauungsmaterial in die Thematik eingeführt.

Zuerst berichtete er über die Lage des Basars und der Handwerkerhöfe:

Der Kapalı Çarşı (= der Große gedeckte Basar) erstreckt sich über 31.000 m² und beherbergt rund 4.000 Geschäfte. Angelegt wurde er im 15. Jahrhundert von Sultan Mehmet II und war eigentlich als Schatzkammer geplant. Der gesammte Basar war ursprünglich aus Holz gebaut. Nach unzähligen Bränden ließ Sultan Mustafa III. die Gebäude teilweise aus Stein wieder aufbauen.

Die Handwerkerhöfe (Karawansereien) in der Mitte der Halbinsel Sultanahmet entstanden wegen der idealen Lage zu den Häfen im Norden (Eminonü) und im Süden (Kumkapi), wodurch die Waren schnell angeliefert, gelagert und teiweise sogar verarbeitet werden konnten.

Durch die später errichteten Moscheen mit ihren umliegenden Geschäften, die die Moscheen finanzierten, konnten die Waren schnell verkauft werden. Nach und nach wurden die Verkaufsstände überdacht, so entstand der Große bedeckte Basar, mit ca. 20 Toren.

Zu byzantinischer und osmanischer Zeit galt der Basar als eines der wichtigsten Handelszentren der Welt. Als Überbleibsel bestimmt heute noch die „Börse“ im Basar in der Nähe des Mahmutpaşa Tores die Gold- und Devisenkurse der Türkei. Die sog. “Börse mit Füßen” heißt noch immer so, weil die rund 40 Devisenhändler auf offener Straße ausländische Währungen handeln, so wie sie es einst illegal und heimlich taten.

Die Handwerkerhöfe (= Hane) liegen wie eine Perlenkette um den Kapalı Çarşı und waren früher im osmanischen Reich die Herbergen der Händler. Diese konnten drei Tage umsonst dort mit ihren Tieren nächtigen und ihre Waren lagern und verkaufen. Einige große Hane hatten einen Innenhof mit Moschee, manche waren Teil eines Moscheekomplexes. Die zwei- bis dreistöckigen Gebäude sind heute oft in einem sehr schlechten Zustand, beherbergen aber nach wie vor unzählige Lagerräume und Werkstätten der unterschiedlichsten Handwerke.

Beginnen wir nun mit unserem Rundgang am Friedhof der Beyazıt-Moschee. Neben den Türben von Sultan Beyazıt II., seinem Sohn und seiner Tochter befindet sich auch das Grab von Mimar Kemal Eddin (1870-1927), dem ersten osmanischen Architekten. Sein Bildnis ist auf jedem 20-Lira-Schein zu sehen.

Interessant ist auch der 85m hohe Beyazıt-Turm am Beyazıt-Platz aus dem Jahre 1828 in der Nähe der Universität, der damals ein Feuerwachturm war.

Dann geht es schnellen Schrittes zum Sahaflar Çarşısı, dem Bücherbasar, der zuerst im Großen Basar beheimatet war, dann aber nach draußen verlegt wurde. Dort steht die Büste von Ibrahim Müteferrika (1674-1745), einem Juden, der zum moslemischen Glauben konvertierte und die erste Druckerei des Osmanischen Reiches eröffnen durfte. Eine Sensation: zuvor durften nur Handschriften verkauft werden, da gedruckte Bücher als sitten- verderbende Werke ungläubiger Menschen galten. Das erste gedruckte Buch erschien 1729 und war ein arabisches Wörterbuch.

Vor dem Tor 11 (Lütfullah Kapısı) links geht es in einen kleinen Hof, wo die Grabstätte eines der beiden im Basar bestatteten unbekannten Heiligen zu sehen ist. Nun treten wir durch das Tor 11 in den Basar (Jeansstrasse) und sehen rechts oben auf einem Balkon ein Minarett aus Blech, das zu einer kleinen Händlermoschee gehört. Links befindet sich ein alter Grammophonladen „Grammophon Baba“ dessen Besitzer noch Reparaturen ausführt.

Wir gehen nach links in die Yorgancılar Caddesı, in der es zentralasiatische Kleider, Stoffe und Schmuck noch preisgünstig zu kaufen gibt, und biegen links ab in die große Yağlıklar Sokağı. Auch dort gibt es Stoffe aus Zentralasien, aus denen Stiefel, Schuhe und Decken hergestellt werden. Sowohl die Stoffe als auch die Fertigprodukte kann man käuflich erwerben. Berühmt wurde die Straße auch durch Filmaufnahmen zum letzten James Bond Film.

Nochmals links abbiegend kommen wir endlich im ersten Han, dem Cebeci Han an, wo wir noch die ursprünglichen römischen und osmanischen Rundbögen erkennen können, die trotz verschiedener Erdbeben stehen geblieben sind und später umbaut wurden. Dort gibt es Lagerräume, Werkstätten und kleine Geschäfte und es ist etwas ruhiger, als im Getümmel des großen Basars.

Gegenüber befindet sich der Çukur Han mit sehr schönen Kachel- und Porzellengeschäften; im oberen Stockwerk befindet sich ein Schuhladen, der türkische Hausschuhe in allen Größen (bis Größe 46) verkauft.

Ein kurzes Stück gehen wir weiter auf der Hauptstrasse, dann links in den Astarcı Han, wo wir zusehen können wie in winzig kleinen Werkstätten Seile, Kordeln und Bänder gefertigt werden. Im Hof steht ein uralter Brunnen; sehenswert sind die Kelimgeschäfte, die auch Reparaturen anbieten (im Obergeschoss).

Wir schauen noch schnell rechts vor Tor 13 (Örücüler Kapısı) in das Fenster des Textilladens von Dr.Süleyman Ertaş, der auch deutsch spricht und verlassen den Basar durch das Tor.

Danach geht es wieder rechts herum, durch die Mercan Ağa Camii Şerifi durch verschiedene Gassen, bis wir zwischen Tor 14 (Tacirler Kapısı) und Tor 15 (Mercan Kapısı) in einem kleinen Innenhof das Grab des zweiten unbekannten Heiligen im Basar sehen. Dort gibt es auch ein schönes Haus aus dem 19. Jahrhundert.

Außerhalb des Basars zwischen Tor 15 und Tor 16 (Sıraodalar Kapısı) befinden sich der Kızlarağası Han und der Pastırmacı Han. Dort werden vorwiegend Silber und Gold verarbeitet, in Häusern aus verschiedenen Jahrhunderten – sehr interessant für Architektur-Interessierte.

Wir treten durch Tor 15 (Mercan Kapısı) wieder in den Basar ein und gehen links in den Zincirli Han, den schönsten Han des Basars. Es handelt sich dabei um eine Karawanserei aus dem 18. Jahrhundert mit eigenem Brunnen. Die Karawanen brachten u.A. Seide, Gewürze und andere Waren, die von Asien nach Europa gebracht werden sollten hierher, wo sie gelagert, teilweise noch verarbeitet und verkauft wurden.

Heute gibt es hier Geschäfte unterschiedlicher Handwerke. z.B. ist Şişko Osman (der dicke Osman) ein bekanntes Teppichgeschäft, das alte Einzelstücke zu schönen kleinen Teppichen verarbeitet und weltweit verkauft. Das Teppichgeschäft von Şişko Osman kann man auch gut mit der Nase erspüren, es ist nämlich mit einer Überdosis an Mottenkugeln ausgestattet. Man sieht aber auch z.B. Schmuckreparatur-Werkstätten, sowie kleine Tee-Stände, die durch Funk mit Läden im Basar verbunden sind, um jederzeit Tee auf Bestellung liefern zu können.

Tritt man aus dem Han wieder auf die Hauptstraße, sieht man in der Mitte ein kleines edles Juweliergeschäft: Boybeyi, das zuerst ein Wasserspender, danach ein Teehaus war. Berühmt wurde es auch jetzt durch den James Bond Film Skyfall. Wegen der angerichteten Zerstörungen wurde der Besitzer mit angeblich 75.000 Dollar entschädigt.

Innerhalb und außerhalb von Tor 16 gibt es zahlreiche Silber-und Goldwerkstätten. Vor allem im Kalcılar Han, wo Silber- und Goldbarren verarbeitet werden. Häufig handelt es sich um ausgesprochen teure Gold- und Silberwaren für reiche Araber und Russen (für letztere u.a. Champagner- und Kaviar-Services).

Außerhalb von Tor 17 (Mahmutpaşa Tor), Tor 18 und Tor 19 und auch rund um die Mahmutpaşa Camii, die erste Moschee Istanbuls aus dem Jahre 1460, gibt es zahlreiche weitere Silber- und Goldgeschäfte, erbaut im türkischen Barock und ausgestattet mit Werkstätten. Die Mieteinnahmen dienten der gleichnamigen Moschee als willkommene Einkommensquelle. Ganz in der Nähe gibt es einen Pelzhändlerhof mit schönen alten Kacheln und ein interessantes Schmuckgeschäft von Halil Ibrahim Altın (sehr zu empfehlen!).

Endlich können wir uns von den vielen Eindrücken, Zahlen und Namen bei einem wohlverdienten Mittagessen ein bißchen ausruhen. Sabahları Çorba Buluner, ein kleines Mittagslokal der Händler in der Şerefefendi Sokağı (beim Ausgang der Nuruosmaniye Moschee) im Ağaoğlu Han ist einen Besuch wert!

In einer Paralellstraße zur Nuruosmaniye Caddesi, rechts hinter dem Tor 1 (Nuruosmaniye Kapısı), liegt der Vesir Han. Der Han diente ausländischen Gesandten so lange als Unterkunft, bis die Botschaftsgebäude errichtet wurden. Dahinter befand sich früher der Sklavenmarkt, der 1830 durch Mahmut II. abgeschafft wurde.

Gegenüber dem Vesir Han befindet sich das Geschäft von Servan Bıçakçı, ein weltbekannter und preisgekrönter Juwelier. Wenige Meter weiter im Halıcılar Han auf der Bab-i-Ali Caddesi No 21, im 2. Stock eine weitere sehenswerte Juwelier-Werkstatt: Mahrec Sanatevi. Diese Schmuckwerkstatt von Hrac Aslandan ist ein Familienbetrieb, der mit der Hochschule in Pforzheim zusammenarbeitet und auch Goldschmiedekurse für Laien anbietet. Herr Aslandan zeigte uns außergewöhnlichen Schmuck, den er gerade für japanische Auftraggeber hergestellt hatte.

Zurück zur Umgebung der Mahmutpaşa Moschee, wo wir immer wieder interessante Dinge sehen konnten: den Abud Efendi Han, mit schicker türkischer Kinderbekleidung, ein Geschäftshaus FAMEN mit jüdischer, arabischer, französischer, armenischer und griechischer Inschrift, an der man die Weltoffenheit der osmanischen Händler bewundern kann.

Im Laufschritt geht es durch Gassen und Hinterhöfe, durch kleine Hane, rechts und links herum, so dass in der Eile einige Teilnehmer der Führung schlicht abhanden kamen. Nur mit wenigen erreichen wir in der Çakmakçılar Yokuşu No. 56 hinter einem imposanten Tor den Büyük Yeni Han, der 1764 erbaut und von Sultan Mustafa II gestiftet wurde. Er besteht aus drei Höfen mit Arkadengeschossen und beherbergt u.a. die junge Designerin Özlem Tuna,die schöne Dinge entwirft und gleich in den Höfen herstellen lässt.

Wo sind die anderen? Schließlich ein Anruf von „den Verlorenen“, und wir finden uns wieder.

Gemeinsam geht es weiter zum Büyük Valide Han. Von Kösem, der Mutter Sultan Mehmed IV, im Jahre 1651 erbaut, ist es der größte Han des ehemaligen Konstantinopel. Durch die Einnahmen stiftete Kösem Hanım eine neue Moschee auf der asiatischen Seite der Stadt. Da der Han ein Sammelplatz persischer Kaufleute war, wurde im 18. Jahrhundert eine persisch-schiitische Moschee erbaut, die Iran Camii. Sie ist ohne Minarett und wird noch heute genutzt.

Im Han kann man über viele Treppen auf das Dach steigen, gegen einen geringen Obulus für den Türwächter erhält man einen atemberaubenden Ausblick über ganz Istanbul. Der Ausblick wurde auf zahlreichen Fotos festgehalten.

In der Nähe – südwestlich des ägyptischen Basars – wartete noch ein Leckerbissen für alle „Schnickschnack-Liebhaber“: Şark Han, der Orient Han oder der Chinesische Basar! Ein fünfstöckiges Gebäude, ca. 100 Geschäfte mit Billigst-Artikeln – schrecklich schön….

Die Führung durch den allseits beliebten und umfassend informierten Adnan Bey war wieder äußerst interessant und lohnenswert. Es war eine unglaublich umfangreiche Führung, die nur mit gesunden Füßen und Ausdauer zu bewältigen war. Die Ausführungen des Experten schriftlich festzuhalten, war wieder eine große Herausforderung. Die Autorin übernimmt wegen des außergewöhnlichen Umfangs der Führung keine Gewähr für die Richtigkeit der Darstellung 🙂

Kirsten Gliemann und Annette Fleck sei Dank für die Unterstützung bei der Beschreibung der Führung; Annette hat freundlicherweise schöne Fotos zur Verfügung gestellt.

Elisabeth Schmitt-Nau

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