Juni 2013 – Editorial – Am Anfang war ein Baum…

Die letzten Tage waren von den Ereignissen im Gezi-Park geprägt. Aus einem kleinen, friedlichen Protest wurde nach dem ungeheuerlichen Angriff auf die teils schlafenden Menschen um 5 Uhr früh, eine Welle der Solidarität ausgelöst, die dann, aufgrund der immer gewalttätiger werdenden Polizei, zu noch mehr Zusammenhalt und Protesten innerhalb der ganzen Türkei und der Welt zu einer riesigen Bewegung heranwuchs.

Viele saβen stundenlang vor dem einzigen TV-Sender (Halk TV Kanal 53, nur über Digitürk), der mit viel Aufwand und Idealismus versucht hat, immer nah an den Schauplätzen zu sein, bis sie dann selber die Polizei nachts vor der Türe hatten und der Sprecher aus dem verdunkeltem Raum sogar gute Worte für die jungen Männer hatte. Die einzige Kommunikation lief über Facebook und Twitter. Ununterbrochen gab es neue Nachrichten, Hiobsbot-schaften von Verletzten, Angriffe auf Passanten, Gaswolken aus der Luft über Taksim, Cihangir, Beyoğlu und Beşiktaş.

Unterschriften für Petitonen wurden gesammelt, Meinungen ausgetauscht, Filme gemacht wie z.B. “it started all with a tree” ohne Worte, aber mit Musik von Fazıl Say unterlegt – http://www.youtube.com/watch?v=demnc4sq0vi – Briefe an ‘‘RTE‘‘ wurden veröffentlicht, Müllsäcke gesucht, Treffpunkte ausgemacht. Fotos und Handyvideos von Polizeiübergriffen und Hunderte von Bildern wurden in den Systemen lawinenartig vervielfacht.

Zum Symbol wurde die Frau im roten Kleid, die direkt mit Gas beschossen wurde, aber auch von Blumen-pflanzenden und “börek”-Anbietern an die Gasmasken-Polizisten, eine Flut von persönlichen Eindrücken, tausendfach vervielfältigt… Es wurden Parolen und Handblätter weitergegeben – sollten sich Hooligans unter die Demonstranten mischen, aggressive Attacken zu unterlassen und zu beruhigen.

 

Ein Freund schrieb mir:

…wir waren jetzt Tag und Nacht unterwegs. Zuerst im Park und dann in Besiktas.

Von uns randaliert keiner. Und wenn etwas kaputt geht, dann wird natürlich die Verantwortung übernommen und aufgeräumt. Natürlich möchte man alles friedlich gestalten… – so war es ja auch gedacht. Wir haben auch einige “Bauerndeppen” ermahnt, nicht zu randalieren und sie haben es gleich sein lassen. Das möchte niemand.

Aber ich habe auch mitbekommen wie unglaublich brutal die Polizei hier vorgeht. Ich habe Dutzende Leute in eine Passage gezogen, die fast erstickt wären. Ein paar junge Mädels sind vor meinen Augen kollabiert und wir haben sie auf die provisorische Krankenstation gebracht.

Unter meinem Fenster hat ein Polizist grundlos einfach mal zwei Granaten in eine Menge geschossen. Das waren nicht mal Demonstranten…der Kellner vom Cafe, der Obstverkäufer und der Mann vom Bakkal standen da herum.

Für die Barrikaden haben sie Polizeiabsperrungen verwendet. Es wir sehr genau darauf geachtet, dass nichts beschädigt wird. Die großen Hotels am Taksim bieten alle Zuflucht und stellen Essen und Getränke zur Verfügung. Im Park habe ich Hocas gesehen und Kopftuchträgerinnen. Geschäfte blieben teils länger auf, um auf der Istiklal bzw. Cihangir Leuten Zuflucht zu bieten.

 

Ich habe noch nie irgendwo so einen Zusammenhalt und Solidarität gesehen. Das schweißt die Leute zusammen.

Jetzt ist die Frage wie es weiter geht… – hoffentlich friedlich.

Viele verglichen “Gezı Park” mit den “Frühlings-Bewegungen” in den islamischen Ländern, aus denen dann leider “kalter Winter” wurde, deswegen wehren sich auch andere so vehement gegen dieses Wort. Mit Recht! Das hier ist etwas anderes… es erinnert mich mehr an die 68iger Bewegungen in Deutschland, die das Land radikal verän-derte, und ich bin froh, dieser Generation anzugehören… 🙂

Einen schönen Sommer, mit vielen Blumen und Bäumen, wünscht ihnen

Christine Şenol

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