“KREKELER KILLT” Der dritte Mann am Bosporus

 

Joseph Kanon schreibt die derzeit besten Spionageromane.
“Istanbul Passage” handelt von einem Agenten, der am Bosporus nach dem Krieg von Zwickmühle zu Zwickmühle flieht. Ganz retro. Ganz großartig.

Es gibt Orte, da will man, da sollte man gar nicht hin. Weil man einen Traum von ihnen hat. Eine Ahnung, ein Phantasma. Aus Filmen, Büchern, Bildern gewonnen, aus Fetzen von Wissen, die sich übereinanderschichten. Eine geistige Topografie bilden, einen Altar, der zerbrechen muss, wenn man eines Tages mitten in der Realität dessen steht, was man sich zusammengeträumt hat. Und denkt und riecht und sieht.
Und froh ist, dass man kein Reisejournalist geworden ist, sondern einer für Bücher. Man weiter mit Träumen handeln kann. Auch wenn sie blutig sind und weh tun und melancholisch machen. Womit wir endlich in Istanbul wären, diesem Stein und Stadt gewordenen Phantasma, diesem Labyrinth der Geschichten, Geschichte und Geschichtsbilder. Dieser ewigen Frontstadt.
Und bei Joseph Kanon, dem Großmeister des Spionageromans, dem einzig legitimen Stellvertreter Eric Amblers auf Erden, dem Experten für die Weltachsenzeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und bei “Istanbul Passage”, dem sechsten Roman des 68-Jährigen. Den man als Thriller kaum bezeichnen mag. Weil sich hier die Gesetze des Genres allesamt so sanft und schön und langsam erfüllen.

Istanbul träumt vom ewigen Sommer
Es ist Frühling, in der Stadt zwischen den Kontinenten. Noch hängt es kalt in den Gärten. Was eigentlich unvorstellbar ist. Weil es, schreibt Kanon, “im Traum, den Istanbul von sich hatte, immer Sommer war”. Dass sich in “Istanbul Passage” alles anfühlt, als wäre es Saisonende am Bosporus, hängt allerdings weniger mit dem Klima und der Jahreszeit, sondern mit der Geschichte zusammen. Die Leute müssen sich noch kneifen, sich gegenseitig vergewissern, dass kein Krieg mehr ist.
In Istanbul werden die Dienste dicht gemacht, wie auf Sylt die Schuhläden Ende September. Die Spionagedienste. Im Krieg war Istanbul eine Art Überberlin.
Hier kungelten alle, hier belauerten sich alle, die Russen, die Amerikaner, der Mossad le Alija Bet (der für die Jewish Agency illegal Immigranten nach Palästina verhalf), Deutsche, Briten, Türken. Man traf sich auf Partys. Schmuggelte Nachrichten, Gerüchte, Menschen. Eine Stadt voller Doppelwesen. Eine Fata Morgana der Spione.

Jack Bauers zart gebauter Großvater
Leon Bauer ist ein kleines Licht. Denkt er. Ein aufrechter Amerikaner. Arbeitet für ein Tabak-unternehmen. In seiner Freizeit erledigt er kleine Geschäfte anderer Art. Für den US-Geheimdienst. Wofür wiederum sich niemand interessiert, weil Anna, seine deutsche, jüdische Frau, viel interessanter ist. Die hilft nämlich überlebenden Juden bei der Passage nach Palästina. Auf Seelenverkäufern, brüchigen Schiffen. Mit einem ist sie untergegangen.
Hat knapp überlebt, schwamm zwischen den Leichen von Kindern, die den Holocaust über-standen hatten, die Reise in die Freiheit aber nicht.
Anna liegt traumatisiert und stumm im Kranken-haus. Transportunfähig. Leon soll einen letzten Job erledigen. Ein Rumäne soll aus dem Land gebracht werden. Man braucht ihn noch. Dass er ein ganz schlimmer Judenschlächter ist (oder sein soll), erfährt Leon, ein feiner, smarter Kerl, der moralisch standhafte, körperlich und seelisch zart gebaute Großvater von Jack Bauer, erst als es zu spät ist.

Wie Gulliver im Lande Lilliput
Ein Mann liegt, von Leon erschossen, am Pier, Leon flieht von Geheimwohnung zu Geheimwohnung. Von Zwickmühle zu Zwickmühle. Dass er sich zwischen den Stühlen, die um ihn herum überall auf die Tische der Geschichte gestellt werden, auch noch in die Frau seines Botschafters verliebt, macht es nicht einfacher.
Es wird nicht viel gestorben. Es werden Seile gespannt, Knoten geknüpft. “Istanbul Passage” ist der Bondage-Roman des Leon Bauer. Wie Gulliver im Lande Lilliput liegt er da, von höchst elegant gesponnenen Fäden an Istanbul gefesselt. Er kann machen, was er will, er muss es falsch machen.
Er gibt nicht auf, sein Herz nicht, seine Moral nicht, seine Frau nicht. Man muss ihn mögen. Man möchte dabei sein. Länger bleiben in dieser nostalgischen Sepia-Phantasie, diesem literarischen Sehnsuchtsort.

Joseph Kanon: Istanbul Passage.
C. Bertelsmann, München.
480 S., 19,99 €

Quelle: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article130682205/Der-dritte-Mann-am-Bosporus.html

Dieses Buch können Sie in der Türkisch Deutschen Buchhandlung in Beyoğlu erhalten.

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