Leserbrief – Mitten aus dem Geschehen

In kürzester Zeit haben sich die Ereignisse überschlagen und wenn ich auf die letzte Woche zurückblicke, kommt sie mir vor wie ein Monat.

Nachdem die Polizei das Lager im Park auf brutalste Weise aufgelöst hatte, war jedem klar, dass spätestens jetzt härter demonstriert werden muss.

Im Büro versuchte jeder so schnell wie möglich seine Arbeit am Freitag fertig zu bekommen und dann nach Taksim zu gelangen.

Das gestaltete sich mitunter schwer, da die Metro nur noch bis Osmanbey geöffnet war und auch die Taksifahrer einen weiten Bogen um Beyoğlu machten. Letztendlich war die Istiklal aber mit tausenden Demonstranten gefüllt, die sich durch klatschen und “Tayyip Istifa” Rufe gegenseitig aufgeputscht haben.

Trotz der Massen war aber eines von vornherein klar: keine Gewalt von Seiten der Demonstranten. Umso erschreckender war es mitanzusehen wie brutal die Polizei sich am Ende der Istiklal, kurz vor dem Taxim Platz, benahm. Das Abfeuern der zahllosen Pfeffergasbomben hörte sich wie richtige Bomben an. Teilweise kamen zehn Stück auf einmal angeflogen. Die Menschen wurden zurück getrieben, erkämpften sich ihre paar Meter aber gleich wieder zurück. Die Gasbomben wurden von einigen Mutigen einfach sofort wieder zurück geschmissen.

n den hinteren Reihen haben Freiwillige mit Zitronenwasser, Milch und anderen Lösungen tränende Augen ausgewaschen. Ich habe noch nie soviele rote, brennende Augen gesehen.

Aber eines hat sich an diesem Abend schon herauskristallisiert: wir halten alle zusammen, keine Gewalt und wir geben nicht auf.

Am Samstag wurde es dann noch schlimmer. Morgens schossen bereits Polizisten in kleine Gassen um die Luft mit Gas zu schwängern. Die Demonstranten kamen kurz später und wurden am Tünel Platz am Ende der Istiklal im Einstundentakt mit einem massiven Gasbombenbeschuss kurzzeitig vertrieben. Man konnte die eigene Hand vor lauter Rauch nicht mehr sehen. Wir haben versucht soviele Menschen wie möglich in eine sichere Passage zu ziehen bis wir selbst fast ohnmächtig wurden und nicht mehr atmen konnten. Kaum einer hatte eine professionelle Maske. Ein nasses Tuch, eine Pappmaske für den Bau und Schwimmbrille gehörten schon zur besseren Ausstattung. Ich habe junge Mädchen kollabieren sehen und nach jedem Angriff gab es blutüberströmte Menschen um uns herum. Sofort kamen Helfer und auch die lokalen Geschäfte öffneten ihre Tore, um die Menschen aufzunehmen.

Ärzte in Ausbildung haben neben uns in einer Anwaltskammer eine provisorische Sanitätsstation eingerichtet, um auch auf diesem Wege die Menschen zu unterstützen.

Letztendlich zog sich die Polizei dann nach mehreren Stunden gegen Abend zurück.

Am Sonntag kamen Zehntausende zusammen, um im Park und auch umliegend den Müll und Dreck der vergangenen Tage aufzusammeln. Im Park selbst waren die Menschen überglücklich, das alles gemeinsam erreicht zu haben. Essen, Getränke, Süßigkeiten wurden angeboten und Freiwillige brachten mehr und mehr Lebensmittel, um die Helfer zu unterstützen.

Ich habe noch nie so eine Solidarität und solch einen Zusammenhalt gesehen.

Rings um den Taksimplatz wurden Barrikaden errichtet. Busfahrer hatten zuvor ihre Busse abgestellt, um die Polizei am Vordringen zu hindern. Diese wurden fahruntüchtig gemacht, dabei aber leider auch zerstört. Teils wurden Polizeiab-sperrungen sowie Pflastersteine als Barrikaden verwendet.

Sonntagabend gingen wir nach Besiktas und hier war die Lage noch angespannter als zuvor in Taksim. Die Luft bestand eigentlich nur noch aus Pfeffergas und de Polizei schoss immer weiter.

Die Demonstranten bildeten Ketten, um Material für Barrikaden weiterzugeben. Die Anwohner unter-stützten mit Trinkwasser oder auch einfach indem sie vielleicht ein Handy von jemandem bei sich an die Steckdose hängten.

In den vordersten Reihen gab es in jeder Straße ein paar Idioten, die mit Steinen warfen und provozieren wollten. Diese wurden aber sofort ermahnt, denn das wollte niemand. Die Aussage ist klar: wir sind friedlich, aber wir gehen auch nicht weg.

Es wurde sehr genau darauf geachtet, dass kein Privateigentum beschädigt wird. Das macht den großen Unterschied zu anderen Demonstrationen aus. Die Leute fühlen sich miteinander verbunden und sind nicht agressiv. Es ist natürlich schade, dass in den Medien immer genau das eine Prozent Steinewerfer gezeigt wird (bevor sie von den anderen ermahnt werden). Diese Bilder verkaufen sich halt besser.

Wir werden sehen wie es weiter geht… – hoffentlich friedlich.

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