November 2013 – Ein Bilderbuch-Herbst nach gewittrigen Sommertagen?

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Bilderbuch- Herbst nach gewittrigen Sommertagen?

Dieser Sommer hat uns allen einen Schrecken eingejagt, Jahr 2013! Ist 13 eben doch eine Unglückszahl? Da sei Gott davor. Im Fernsehen und in den Zeitungen waren täglich vom Taksim-Platz und dem Gezi-Park ‘Gewitter‘‘-Szenen zu hören und zu sehen – wie Donner, Blitz und Regengüsse! Fragezeichen taumeln vor meinen Augen.

An einem Morgen, bei Silivri, sehe ich von meinem Holzbalkon aus einen blinkenden Lichtstreifen – wie einen Gedankenstrich – im ersten Tageslicht über den Gefängnisdächern, die noch im Dunst liegen. Neulich blinkten dort viele geparkte Autos, die aus der Ferne lackierten Streichholzschachteln glichen. Vor der ‘‘Gefangenhochburg‘‘ herrschte groβe Aufregung nach der Bekanntgabe der Urteile im Ergenekonprozess. Die entsprechenden Bilder und die Nachrichten in den Medien gehen mir so leicht nicht aus dem Sinn, weil nach Sonnenuntergang bzw. bei Einbruch der Nacht die Beleuchtung dieser ‘‘Stadt‘‘ mit ca. 15.000 ‘‘Bewohnern‘‘ unser halbes Dorf (aus einer Entfernung von ca. 2km Luftlinie) ‘‘schmückt‘‘. Das gröβte Gefängnis Europas liegt vor unserer Haustür. Die sichtbaren grauen Betonmauern erinnern mich an die Katakomben (unterirdische Begräbnisanlagen und Versammlungsräume der frühen Christen) in Rom. Unheimliches Mauerwerk, im Steinstaub bröckelnd, feucht und kalt.

Rom? Rom? Silivri ist so alt wie Rom: Selymbria hieβ die Stadt vor den Toren des neuen Roms, nämlich Byzanz, Konstantinopel, Istanbul. Ob man beim Bau ‘‘unseres‘‘ Gefängnisses archäologische Funde gemacht hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist, daβ zwischen der Metropole am Bosporus und dem Gefängnisgelände unweit von Silivri sich der äuβerste Schutzwall von Byzanz (u.a. gegen die Bulgaren) befand, die sogenannte lange Mauer des Kaisers Anastasius (erbaut 507-512 n.Chr.). Sie erstreckt sich vom schwarzen Meer bei Karacaköy bis zum Marmarameer. Die Länge des Bauwerks betrug 45km. Es war sicherlich mit Türmen geschmückt. Auf diesem Mauerzug mit einer Höhe von 5 Metern und einer Breite von 3,5 Metern hätte Ben Hur auf seinem römischen Streitwagen für die Zirkusrennen üben können!
Ich habe Teile dieser Mauer, lt. Kulturführer ‘‘begehbar‘‘, in natura gesehen. Wenn Steine reden könnten? Sie raunen.

Von den schönsten Sommererlebnissen der Brücke-Leser/innen werden wir sicher noch mehr erfahren. Wir hoffen immer auf einen schönen Herbst, einen langen Bilderbuch-Herbst in Istanbul.

Das Ende der ‚‘‘goldenen Jahreszeit‘‘ wird buchstäblich eingeläutet von den Kuhglocken der bunt geschmückten Tiere beim Almabtrieb, d.h. dem Verlassen der grünen Matten, der Sommerweiden, zur Rückkehr in die winterfesten Stallungen der Täler. Im Alpenvorland, in Österreich und in der Schweiz geniessen viele Touristen diese ‘‘Naturszenen‘‘. Die türkischen Sommerweiden, die Yaylas, sind ein Wahrzeichen des Schwarzmeergebietes, aber auch anderswo im Lande zu beobachten, z.B. bei Bolu, in der Ägäis, im Taurus – eben in grünen Berggebieten mit angrenzenden Tälern. Einige Weidegebiete werden noch von Halbnomaden, selten von Vollnomaden, genutzt. Ihre Wanderungen, in Einzelfällen noch mit Kamälen, begeistern uns immer wieder, als Symbole der Freiheit oder auch ‘‘der Karawane des Lebens‘‘. Die verwitterten Gesichter und Hände der Turkmenen und Yürüken und die ernsten Augen ihrer Kinder verraten die Härte ihres Daseins in der freien Natur, auch im Sommer. Ihre Zelte und Bodenbeläge aus Ziegenhaar oder Filz sind noch immer das beste Material gegen Kälte und Wind (mit Ausnahme von stark vereistem Untergrund, für den Nylon geeignet sein soll, lt. Auskunft von Bergsteigern) und brennen nicht leicht. Petroleumlampen erhellen gespenstisch oder gemütlich das Zeltinnere. Kerzen aus Birkenrinde kennen nur Lappländer, einige Indianerstämme Nordamerikas – und Talbewohner in einigen Gegenden der Schweiz.
Unsere faszinierenden Teppiche und Kelims verdanken wir dem ursprünglichen Nomadentum der Turkstämme. Welch schönes Erbe!

Gemütliche Novembertage!

Doris Donbaz
für das BRÜCKE Team

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