Reise durch Ost-Anatolien – Mai 2015

 

Erstaunte Gesichter: „Wohin wollt ihr reisen? In den Osten der Türkei? Gibt es da was zu sehen?“
Ob wir mit unseren Freunden in Istanbul oder in Deutschland sprachen – immer dieselben Fragen.

Ich muss gestehen, auch ich hatte zunächst keine Ahnung, was uns erwarten würde. Wir hatten nur von der Erdbebenzerstörten Stadt Van am gleichnamigen See gehört, natürlich vom biblischen Berg Ararat und von Orhan Pumuks Stadt Kars, in der er seinen depressiv düsteren Roman „Schnee“ spielen lässt. Doch was gibt es dort sonst noch zu sehen?
Mit einem neuen deutschsprachigen Reiseführer ausgestattet, machten wir uns also auf Entdeckungsreise.
Uff..- ohne geografische Spürnase und Beharrlichkeit, ohne Zusatzinfos der örtlichen Reisebüros und vor allem ohne die Möglichkeit, in der Landessprache zu kommunizieren, hätten wir viele Ziele nicht erreicht und wären um viele Tassen Tee und tolle Begegnungen mit den Menschen vor Ort ärmer gewesen.
Da fahren wir z.B. über eine einsame, weite Hochebene, als plötzlich ein Wegweiser auf eine Armenische Kirche hinweist. 4km scheinen nicht weit zu sein, doch irgend-wann verzweigen sich die Wege, wir irren verloren in 2000m Höhe herum und geben schließlich auf. Das einzige Auto, das uns dann auf dem Rückweg zur Hauptstraße begegnet, hält an und wir werden gefragt, wohin wir denn wollten. Ja klar, gäbe es die Ruinen der einstigen Armenischen Kirche. Die seien in seinem Dorf und wir mögen ihm doch folgen. Kasım hatte 19 Jahre in Istanbul gelebt. Dann wurde er der Hektik der Stadt überdrüssig und kehrte wieder in sein Dorf zurück. Dort hatte sein Vater einst 1915 zusammen mit den Türken gegen die Armenier gekämpft. Später sei er in ein armenisches Haus eingezogen: „sehr solide gebaut, gute Qualität“. Und überhaupt, meint Kasım, die Kurden und die Armenier seien doch Freunde. Sein Dorf, hieße zwar Kilittaş Köyü, aber sie würden es lieber „Bagram“ nennen, so wie es damals in armenischer Zeit hieß. Heute leben nur Kurden im Dorf. Armenier kommen vereinzelt als Touristen zurück – ihnen bleibt der Blick auf ihre einst malerische prächtige Kirche und freundliche Menschen, denen die ganze Geschichte leid tut.
In Ani trafen wir eine Gruppe junger Lehrer. Sie brachten ihr Tambourin mit und zeigten uns fröhlich einen ihrer kurdischen Tänze. Was mögen sie über die Geschichte ihrer Heimat wissen, in der vor mehr als 1000 Jahren das armenische Königreich von König Aschot III. Bagratuni bestand? Ihre Nachbarn in Armenien können sie nicht fragen, denn die Grenze ist geschlossen. Wollten sie zu den südlichen Nachbarn im Iran fahren, müssten sie z.Zt. vier Tage an der Grenze warten. Da wäre das Internet schneller, wenn man denn der jeweiligen Landessprache oder zumindest des Englischen mächtig wäre.
Egal, wo man hinfährt, überall gibt es Zeugen der wechselvollen Geschichte Ost-Anatoliens: eine Sternwarte aus prähistorischer Zeit hier, Ruinen und Paläste örtlicher Herrscher und Königreiche dort. Doch manchmal möchte man einfach nur abschalten, die grandiose weite Land-schaft in 2000m Höhe genießen, vielleicht zwischendurch mit einer der samtig weißen Van-Katzen schmusen oder den köstlichen Van-Fisch genießen, der als Einziger die seltsame Chemie des Van-Wassers überleben kann.
Im Mai prägen die frischen grünen Wiesen das Bild der Landschaft – gelegentlich unterbrochen von bunten Teppichen leuchtender Frühlingsblumen und immer wieder eingerahmt von weißen Schneefeldern der umliegenden Berge. Zweifellos der Majestätischste unter ihnen, ist der Große Ararat, der mit 5.137m höchste Berg der Türkei. Egal aus welcher Himmelsrichtung man kommt, die Spitze dieses immer schneebedeckten und meistens wolken-verhangenen Vulkanberges überragt alles. Kein Wunder, dass dieser Berg die Menschen schon seit Jahrtausenden in seinen Bann gezogen hat.
Ob die biblische Arche Noah nun wirklich hier gestrandet ist? Jedenfalls ist dieser Berg so faszinierend, dass sich Jahr für Jahr Enthusiasten aus aller Welt das Erlebnis einer Bergbesteigung nicht nehmen lassen.

Im Vergleich zu der großartigen Naturlandschaft, zeigen die Städte der Region ein eher bescheidenes Bild. Die Stadt Van muss noch die Folgen des letzten großen Erdbebens im Jahre 2011 verdauen und Doǧubeyazit wehrt sich tapfer gegen die Tristess einer Stadt nahe der iranischen Grenze.
Da hat sich das Pamuk’sche Kars vergleichsweise gemausert. Viele alte Steinhäuser aus russischem Erbe warten zwar noch darauf, mal wieder richtig aufpoliert zu werden, doch herrscht hier in den Straßen unterhalb der Burganlage aus dem 12. Jahrhundert ein geschäftiges Treiben. Der berühmte Karser Käse, anatolischer Wildhonig und die wackeren Kars-Gänse werden in den Delikatessläden der Stadt schon fleißig vermarktet.

Reich beschenkt kehren wir von dieser überhaupt nicht langweiligen Reise zurück und freuen uns jetzt schon auf ein Wiedersehen – eines Tages im Land des Großen Ararat.

Text und Foto: Annette Fleck

Weitere Fotos zur Reise finden Sie unter:
https://www.flickr.com/photos/11216019@N02/albums

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