Reise durch Südostanatolien

Eine etwa 1 400 km lange Reise durch Südostanatolien, organisiert durch die Brücke. Was für eine aufregende Aussicht!
Unsere Gruppe zählte 22 Mitglieder und war recht bunt zusammengewürfelt und voller Vorfreude. Einige kamen dafür aus Deutschland, die meisten waren aus Istanbul und viele auch miteinander befreundet. Früh am Morgen wurden wir dann von unserem Reisebus und -leitung am Flughafen in Dyarbakir abgeholt.
Und auf gings, ins Abenteuer! 

Diyarbakir war eine Überraschung. Alte Gebäude in schwarzbraunen Bausteinen mit weiss abgesetzt. Das wirkte etwas düster aber auch sehr modern und dazwischen buntes Marktreiben. Des Poeten Cahit Sitki Taranci sehr traditionelles Haus wie eine ruhige Oase inmitten lauten Stadttreibens. Der Ziegenturn in der wuchtigen Stadtmauer weitete sich innen wie eine Kathedrale mit schlanken Säulen. Oben erfreute sich unser Blick über das fruchtbare Land ringsum und auf den noch schmalen, grün dahinfliessenden Tigris. In der Ferne die berühmte alte Brücke “10 Gözlü”. Von dort zurückschauend spiegelte sich die schwarze bedrohliche Mauer und Wachtürme der Stadt im trüben flachen Wasser des Tigris.
Im Eiltempo fährt unser Bus weiter, wir fahren mit.

Hasankeyf. Ein Flussufer wie abgeschnitten. Und alles überragend, auf der steilsten Klippe eine Festung, umgeben von Häusern und Höhlenwohnungen, abgesperrt wegen gefährlichen Steinschlags. Im spätnachmittaglichen Sonnenlicht, Fels auf Fels, durchlöchert und angebaut von Wohnhöhlen und Gärten und Backöfen, leer und verlassen, wo einst emsiges Leben herrschte. Dazwischen, die, die sich nicht vertreiben lassen, Familien auf Dächern, in schmalen Durchgängen, zwischen Stapeln von Feuerholz und Wäschezuber, sich abschirmend durch alte, geflickte Mauern und blaue Holztore. Nur wenige spielende Kinder.
Neben hausgrossen Steinblocken frischer Steinschläge, auf fetten blumigen Wiesen ruhen Familien beim Picknick und vereinzelte Kühe. Die unterste Strasse vollen Stände touristischen Krimskrams, und Cafés zum Flussufer mit Blick auf die alten Brückenpfeiler. Der Fluss silbrig-glatt, überragt von der alten Stadt, der Festung, des Steilufers und auch von uns, die wir inmitten dieser Schönheit unseren Tee tranken.
Ein Hotel für unsere müde Gruppe!

Midyat am Sonntag, ruhig und verschlafen, rosagelber Baustein wie eine goldene Rose im frühen Morgenlicht. Alte Mauern mit Simsverzierungen, neben grob geschichteten gedrungenen Wohnhäusern, Kopfsteinplaster, wenig grün. Scheue Katzen huschen um Ecken und alte Frauen mit geschickt geschlungenen blütenweissen Kopftüchern beäugen unsere Gruppe, die staunend vor den Zeichen alter Religionen und Baukunst steht. Nur einige Kinder und neugierige Strassen-hunde umkreisen uns. Die sonst sicher geschäftigen Läden, Märkte und Gassen sind sonntäglich leergefegt.

Mardin. Das Dery-üz-Zafaran Kloster vor Mardin strahlt eine alte Ruhe aus, gebaut aus dem rosa-gelben Stein der Region. Mardin – ein Blick verzaubert über das Tal des Euphrates und Tigris, nach Fels und Bergen so überraschend flach.
Der Stadthang voller engen Gassen, dunkler Gänge und heller Höfe, eine Ulu Cami – ein Wallfahrtsoft – voller Schwalben, eine Minoritätenkirche der Sür-yani, erläutert von Priester Gabriel. Ein Sonnenuntergang bei mirra, dem Kaffee des Orients. Ein Ort wo Türklopfer sich von Kreuzen in Schwalben verwandeln. – Ein Hotel!

Das biblische Harran, ein paar römische, umzäunte Ruinen und ein Areal von Stadgrösse voller Trümmersteine, Disteln und Blumen. Davor kugelige Lehmhäuser, einmalig in der Region. Wie braune Bienenstöcke um einen Hof, bieten sie wunderbare Kühle in der Sommerhitze und unerwartete Geräumigkeit. Der alte Kern des Ortes wird umringt von Kindern und Hunden, verzierten Motorrädern, teuren Autos in baufälligen Schuppen und einstöckigen, grauen Betonhäusern.
Die Ahnung unabänderlichen Verfalls bedrückt.

Sanliurfa! Das kreuzritterliche Königstum Edessa wird überragt von der Burgmauer hoch auf dem Stadtfels. In seinem Schatten lagern die Pilger dieses historisch-heiligen Ortes im Grün riesiger Bäume, die die heiligen Teiche und Geburtshöhle Abrahams umringen. Trotz grosser Geschäftigkeit vieler Touristen herrscht friedliche Leichtigkeit vor. Auch hier wieder alte schöne Moscheen als Wallfahrtsorte. Die heiligen Karpfen schwimmen im grünen Wasser der Teiche inmitten steinrosa, würdevoller Terrassen. – Ein besonderer Ort! – Ein Hotel!

Jeder weiss etwas über das mindestens 10 000 Jahre alte Göbeklitepe und doch beeindruckt das Gelände voller ausgegrabener Riesenstelen immer verkleinernder Kreise sofort. Das provisorische Dach bietet Schutz, aber neue Grabungen geben eine bessere Idee über die Ausdehnung weiterer Kultstatten unvorhersagbaren Alters. Die Ernergie der Tierfresken zeigt eine hochentwickelte Steinzeitkunst. All dies sachkundig erklärt von Herrn Schmidt, dem ausgrabenden Archäologen, persönlich.
Fruchtbares anatolisches Hochland ringsum, komplett mit antikem Steinbruch. Als Gegensatz ein modernes Kraftwerk, auch aus Stein, aber nur Technik, keine Kunst. Eine Teepause mit Blick auf den Atatürk Staudamm.
… und umsteigen auf Kleinbusse, die Wege auf dieser Etappe sind schmal und kurvenreich

Eine wuchtige römische Brücke überspannt ein flaches weites Flussbett mit Blick von einer Seite auf unterhöhltes, rotes Riesengestein und von der anderen Balustrade eine Kieselebene. Behäbig-breite Pfeiler aus gelben Quadern und eine glatte, breite Brückenstrasse beeindrucken.

Der Karakuş Grabtumulus erwartet uns mit einem heranziehenden Gewitter. Dort bewacht ein sitzender Steinadler der Antike den aufgeschütteten Grabhügel der Komagene Dynastie von seiner hohen Säule. Der umrundende Weg bietet den Blick auf Felder in der Sonne unter schwarzen Regenwolken bis hin auf den fernen Nemrut, eine seltsame Spitze unter runden Bergkuppen.

Arsemeia – Die Hoffnung auf Frieden und das brüderliche Leben miteinander in Stein gemeisselt für die Ewigkeit! Für diese Region wichtiger denn je. Hoch auf dem Berghang, der das wunderschöne grüne Land überschaut, sonnenüberflutete Fresken von zwei, sich die Hand reichender, Männer und eine in Stein gemeisselte Botschaft.

Ein kleiner Zwischenstop! Wieder eine Brücke, diesmal klein, über eine enge Schlucht. Riesige graue Felsen und türkisblaues Wasser gekrönt von einer unzugänglichen Burgruine, wie ein zerzaustes Vogelnest unter strahlend blauem Himmel. Rosa Oleander verziert weiterhin den Wasserlauf bis zu den grünen Feldern in der Ferne.

Den Nemrut erreichen, bedeutet einen schmalen Weg hinan durch Dörfer mit Fachwerkhäusern und steinigen Feldern im Schatten hoher Berge. Dann ist ein steiler Schotterweg mit eisigen Windstössen die letzte Prüfung um die Riesenstatuen und Köpfe des alten Grabheiligtums zu erreichen. Etwas Wein im Windschatten gibt die Ruhe und Kraft uns an dem Ausblick und der Baukunst zu erfreuen. Ein kalter Wind verteidigt auch weiterhin die Terrassen, von denen ein unbeschreiblicher Weitblick die violett-rosa Bergketten am Horizont im roten Licht der untergehenden Sonne ermöglicht. Für solche Schönheit lohnt sich jede Mühe. – Müde ins Hotel!

Ein See, ein Fjord, tieftürkises Wasser, so bietet sich der Stausee (Biricik Baraj) der überfluteten Dörfer zuerst unseren Blicken von oben dar.
Von Halfeti gleiten wir dann mit einem Boot an versunkenen Häusern, aus dem Wasser ragenden Minaretten und neuen Ufern vorbei, auch an einer riesigen verfallenen Kreuzfahrerburg bei Rumkale.
Unser Boot zieht an Dächern, Höhlenwohnungen im Bergfels und grünen Weiden entlang. Eine erholsame, doch sehr interessante Fahrt!

Gaziantep! Im Zeugma-Museum bestaunen wir die, von des Stausees erzeugten Fluten, geretteten Mosaiken. So viel mehr als erwartet! Die bunten, zart abgestuften Steine glänzen auch nach 2.000 Jahren wie Zauber in vielen Mustern und Bildern der Mythologie. Unser Hotel ist eine alte Karavansaray mit Zimmergewölben um einen Innenhof. Was für eine Atmosphare für uns müden Wanderer!

Der Morgen findet uns in den alten Gassen dieser schönen Stadt mit alt-armenischer Baukunst und der Bazaar bietet die Möglichkeit beim Herstellen von Handwerklichem zuzusehen und Unerwartetes zu erstehen. 

Antakya begeistert mit wunderbar gewundenen Gassen und alten Häusern, Seite an Seite im türkischen, armenischen und jüdischen Stil. Wir lauschen gebannt dem wunderbaren Vortrag des Kirchenvorstandes der orthodoxen Kirche über das Patriachat und die Probleme der Seelsorge und Unterstützung der Flüchtlinge aus Syrien. Noch ein kurzer Besuch des Bazaars und der Innenstadt.
Eine entspannte Rast bei den gefühlten 100 Wasserfällen von Harbiye lässt den Tag im kühlen Baumschatten ausklingen. – Hotel!

Das friedliche Dorf Vakıflı bietet uns entspannte Gespräche über armenische Minderheiten vor einer kleinen Kirche, alte offene Wasserleitungen plätschern durch Orangen – und Pommeranzen-gärten. Dann weiter zum Strand von Samandağ.
Die überwucherten Ruinen der antiken Stadt Seleuka leiten uns dann zu dem Titus/Vespasian Sturmwasser-Tunnel, wo eine enge Klamm in einer naturbelassenen Schlucht und dann in einem befestigen Tunnel endet.
Eine sehenswerte Nekropole ist dann nur über Feldwege zu erreichen, wo Bauersleute ihre Produkte verkaufen. Es lädt dort zum Verweilen ein.
Ein Essen in der sandigen Bucht vor dem Musadağ, am glitzerden Meer lässt uns verschnaufen beim Fischessen in fröhlicher Runde bevor wir unseren Flug erreichen mussen.

Es entstände ein Buch daraus, würden wir weiter erzählen, erklärten wir all die wunderbaren Bauwerke und Landschaften und Begegnungen der Reise. Zu erzählen wäre von ritterlich geretteten Brillen, geflickten Hosen, gequetschten Fingern, würzigem Mardinwein, besonderen Gebäuden und Kameradschaft und abendlichem Zusammensitzen bei Bier und Wein und Gelächter. Die viel diskutierten und oft umstrittenen Staudamm-Projekte und der dadurch entstandene wirtschaftlichen Aufschwung der ganzen Region bot sich unseren neugierigen Blicken fortwährend an, vom Bus und auch in den Städten. Erstaunlich war besonders die wunderbare Flexibilität der Bevölkerungm die das Überfluten ihrer traditionellen Wohnorte als Möglichkeit eines neuen, besseren Lebens ergriffen haben.

Text: Verena Ringe Belik

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