Situation der Frauen in der Türkei

Interessante Fakten aus der Veranstaltung in der Friedrich-Ebert-Stiftung

Am 08. März gingen wieder Tausende Frauen in vielen Stadtteilen Istanbuls und in anderen Städten der Türkei auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Dass das in der Türkei auch bitter nötig ist, wurde den sechzehn Besucherinnen und Besuchern des Vortrags von Yasemin Ahi deutlich. Ihr Thema lautete: “Die Friedrich-Ebert-Stiftung und ihre Zusamenarbeit mit Frauenorganisationen – Einblicke in die Situation der Frauen im Land”

Die Türkei lag 2013 beim Global Gender Gap Index, der vom World Economic Forum gemessen wird, auf Platz 120 von insgesamt 136 Ländern. Dabei ist die gesetzliche Ausgangslage der Frauen in der Türkei eigentlich gut. Einige Beispiele sollen hier genannt werden:

– Frauen haben seit 1930 das Wahlrecht auf kommunaler Ebene und seit 1934 das allgemeine, aktive und passive Wahlrecht. In Frankreich erhielten die Frauen dieses Recht erst 1944; in der Schweiz sogar erst 1971.

– 1985 hat die Türkei die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Diskriminierung unterzeichnet.

– 1998 wurde ein Gewaltschutz-Gesetz verabschiedet.

– 2004 wurde in der Verfassung die Durchsetzung der Gleichberechtigung zur Pflicht des Staates erhoben. Es wurden Änderungen im Strafgesetzbuch vorgenommen, die beispielsweise Vergewaltigung in der Ehe bestrafen.

Leider tut der Staat aber zu wenig, um diese Gesetze umzusetzen. Hinderlich für die Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frauen ist die sehr konservative und religiöse Grundeinstellung der Gesellschaft, wobei es große Unterschiede zwischen den Regionen gibt.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung engagiert sich zusammen mit türkischen Frauen-Organisationen dafür, in verschiedenen Schwerpunktbereichen die Situation der Frauen zu verbessern:

 

1. Bildung

Die Analphabetenrate bei Frauen liegt vier Mal höher als bei Männern: 2012 waren 2,3 Millionen Frauen Analphabetinnen, aber nur 475.000 Männer. Eine wichtige Ursache für diesen Unterschied ist die Frühverheiratung von Mädchen unter 18 Jahren, besonders im Südosten der Türkei. Bei den frühverheirateten Frauen liegt die Analphabetenrate bei 73 %.

Eine staatliche Maßnahme, dem entgegenzu-steuern, ist die monatliche Zahlung von 30 TL pro Mädchen an jede Familie, die bereit ist, ihre Töchter zur Schule zu schicken; für Jungen liegt der Betrag bei 20 TL. Kontraproduktiv wirkt sich allerdings die Schulreform aus, die besagt, dass nach der 4-jährigen Grundschule der Besuch der 4-jährigen Mittelschule und des 4-jährigen Lise (Gymnasium) auch von zu Hause aus möglich ist, was de facto häufig das Ende der schulischen Ausbildung bedeutet, weil niemand kontrolliert, ob die Kinder tatsächlich von zu Hause aus den Schulstoff lernen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt verschiedene inländische Partnerorganistionen in ihrem Kampf für mehr Frauenbildung und gegen Früh-Verheiratung. Dazu zählen ERG von der Sabanci-Universität, Uçan Süpürge aus Ankara (kämpft in verschiedenen Regionen der Türkei mit Workshops und einem Film-Festival gegen Frühverheiratung), Vakat/Yaka-Koop in Van, KAMER in verschiedenen Städten im Südosten der Türkei und Mukadder in Mus. Besonders in sehr traditionellen Gebieten auf dem Land ist es sehr wichtig, die Dorfvorsteher und Imame von der Problematik zu überzeugen, weil es nur so möglich ist, Frauen in den Dörfern zu erreichen und dort Seminare durchzuführen.

Die Organisation SPOD setzt sich in Seminaren für Lehrerinnen und Lehrer für die Belange von Schwulen und Lesben ein.

 

2. Politik

Mit 14,4 % ist der Anteil der Frauen im Parlament zwar höher als jemals zuvor. Der weltweite Durchschnitt für weibliche Abgeordnete liegt aber bei 20,3 %.

Die Zahl der Ministerinnen ist nach der letzten Wahl von zwei auf eine gesunken.

Erstaunlich ist, dass der Anteil der Frauen in der Kommunalpolitik weniger als 1 % beträgt. So stehen 65 weiblichen 34.000 männliche Dorfvorsteher gegenüber. Auf 27 Bürgermeisterinnen kommen 2.948 Bürgermeister.

Bei der Aufstellung von Kandidaten haben nur zwei bzw. drei Parteien eine Quotenregelung: die CHP 33 %, BDP bzw. HDP 40 bis 50 %, wobei nur die BDP/HDP diese Quote bei den Kommunalwahlen einhält. So sind für den Wahlbezirk Adalar (Prinzeninseln) sogar nur Frauen aufgestellt worden. Bei der AKP gibt es keine Frauenquote.

Die Frauenorganisation KADER führt zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Trainingskurse für Frauen durch, die in die Politik wollen und wirkt beispielsweise mit bei Plakatkampagnen für mehr Beteiligung von Frauen in der Politik.

3. Erwerbsleben

Die Erwerbsquote der Frauen liegt mit 29,5 % niedriger als in allen EU-Ländern. Je höher jedoch die Bildung ist, desto höher ist auch die Erwerbsquote. So sind von den Uni-Absolventinnen 70 % berufstätig.

Gründe für die geringe Erwerbstätigkeit sind unter anderem patriarchalische Vorurteile, die Binnen-migration, die es oftmals verhindern, nach der Auswanderung aus der angestammten Heimat ihrer gewohnten Tätigkeit nachzugehen, die ungleiche Arbeitsteilung im Haushalt, fehlende öffentliche Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und nicht ausreichende Fördermaßnahmen seitens des Staates. Erschwerend kommt die Rhetorik der AKP-Regierung hinzu, die mindestens drei Kinder pro Familie propagiert.

Partnerorganisationen der Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich um Belange arbeitender Frauen kümmern und die Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit anstreben, sind

– die Gewerkschaften, in denen allerdings wenige Frauen organisiert sind,

– HOMENET: ein sehr effektives Netzwerk der Heimarbeiterinnen, z. B. Näherinnen

– KAGIDER: der Verband der Unternehmerinnen

– KEIG: hatte unter anderem eine Kampagne für mehr Kindergärten durchgeführt.

In einigen Bereichen ist die Türkei jedoch überdurchschnittlich. So liegt die Zahl der Frauen im hohen Management bei 12 %, im Vergleich zu 5 % weltweit. Auch der Anteil der Richterinnen (36,3 %), Professorinnen (28,2 %; zum Vergleich: in Deutschland 14,3 %) und Rektorinnen (6 %) ist relativ hoch.

Außerdem hatte die Türkei mit Tansu Ciller bereits zwölf Jahre vor Deutschland eine weibliche Regierungschefin.

4. Gewalt gegen Frauen

43 % der Frauen in der Türkei haben Gewalt durch Männer erlebt. Dabei ist in den letzten 30 Jahren ein gravierender Mentalitätswandel vonstattengegan-gen. Während es 1980 noch 90 % der Frauen als “normal” empfanden, dass Frauen von Seiten ihrer Ehemänner oder männlichen Angehörigen Gewalt erfahren, waren 2011 nur noch 10 % dieser Meinung, was aber nicht heißt, dass die Gewalt auch dementsprechend abgenommen hat. Die Zahl der Morde an Frauen hat sich sogar dramatisch erhöht. Eine Ursache dafür ist, dass Frauen die herkömmlichen Rollenbilder nicht mehr akzeptieren und sich dagegen wehren. Manche Männer können nicht damit umgehen und reagieren mit noch mehr Gewalt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Straf-verfolgung solcher Verbrechen oft mangelhaft ist. So gibt es für so genannte Ehrenmorde immer noch eine Strafminderung. Schutzmaßnahmen für bedrohte Frauen sind auch oft nicht ausreichend. Deshalb ist es sehr wichtig, auch bei der Polizei das nötige Bewusstsein für den Schutz von Frauen zu schaffen.

Es gibt eine gesetzliche Empfehlung, in jeder Gemeinde mit 100.000 Einwohnern ein Frauenhaus einzurichten, was aber nicht eingehalten wird, da es im ganzen Land nur 181 Frauenhäuser mit 3.206 Plätzen gibt.

Für den Schutz der Frauen gegen Gewalt kämpfen die Organisationen Mor Çati, KAMER, VAKAD, YAKA KOOP, MUKADDER, BEKEV.

Trotz dieser düsteren Zahlen gibt es einen Lichtblick, nämlich: die sehr aktive Frauenbe-wegung, die seit den 80-er Jahren in der Türkei besteht und stetig angewachsen ist. 150 Organisationen setzen sich landesweit für die Rechte der Frauen ein.

Herzlichen Dank an Yasemin Ahi für ihren faktenreichen und äußerst interessanten Vortrag, der die Zuhörerinnen und Zuhörer begeistert und zu angeregten Diskussionen sowie Gesprächen geführt hat. Ebenso gilt unser Dank Angela Meier, die die Veranstaltung organisiert hat sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Raum zur Verfügung gestellt und für die Bewirtung gesorgt hat.

Annette Lui

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