Stadtführung und Besuch von Karaköy Güllüoglu mit Adnan am 10.04 2013

Am 10.04.2013 war es wieder einmal soweit für unsere allmonatliche Stadtführung mit Adnan. Dieses Mal sollte uns der Rundgang von Cukurcuma über Tophane nach Karaköy führen. Bei herrlichem Wetter und voll freudiger Erwartung trafen wir uns um 10 Uhr am Galatasaray Lisesi in der Istiklal.

Zunächst ging es die Yeni Carsi abwärts, am Goethe Institut vorbei, zur Cezayir Sokagi (Algerische Straße), die eher unter dem Namen “Französische Gasse” bekannt ist. Die terrassenförmig angelegte Gasse wurde in einem 2-Jahres-Projekt, unter der Leitung von Mehmet Tasdiken, komplett saniert und im Juli 2004 fertiggestellt. Die Straßensteine wurden auf französische Art verlegt und die Stadt Paris spendete die antiken Straßenlaternen. Die, im französischen Stil, mit bunten Markisen ausgestatteten Häuser beherbergen unter anderem Brasserien, Boutiquen und Kunstgallerien. Im Haus Nr.18, gleich am Eingang der Gasse links, befindet sich ein Modeatelier des berühmten türkischen Modeschöpfers Cemil Ipekci und dahinterliegend ein kleines Kulturzentrum.

Am Fuße der Cezayir Sokagi angekommen, bogen wir rechts in das, für seine Antiquitäten bekannte, Cukurcuma Viertel ab. Auf dem weiteren Weg zum sogenannten “Italiener Viertel” konnten wir an der Fassade eines Gebäudes der Türk Telekom eine steinerne Glocke bewundern, die, wie uns Adnan erläuterte, das Zeichen der Osmanischen Postämter im 19. Jahrhundert darstellt.

Als wir die Tomtom Kaptan Sogak erreichten, sahen wir gleich zu unserer Linken die italienische Schule und angrenzend, den Berg hinaufschauend, das Italienische Konsulat, mit dem pastellfarbenen Russischen Konsulat im Hintergrund und geradeaus, in einem gelben Gebäude mit der Aufschrift “Lois, Justice, Force” (Gesetze, Gerechtigkeit, Stärke), das frühere Französische Gericht. All diese Gebäude gleichen Palästen und zeugen von der glanzvollen und beachtlichen Präsenz der europäischen Großmächte im Osmanischen Reich. Selbst der Stadtteilname “Beyoglu” (Sohn des Herrn) soll durch Lodovico (Alvise) Gritti, den Sohn des italienischen Dogen Andrea Gritti, entstanden sein (um 1530) und den Stadtteilnamen “Pera” ersetzt haben. Der ursprüngliche Name “Pera” (gegenüberliegende Seite) bezeichnete den Bereich jenseits des Goldenen Horns. Beim Bau der Botschaftsgebäude im 19. Jahrhundert machten sich die Gebrüder Fossati aus dem Tessin einen Namen. Sie entwarfen die Baupläne für die Russische und Spanische Botschaft. Aufgrund ihrer guten Arbeit erhielten sie den Auftrag für die Komplettsanierung der Hagia Sophia und bauten, neben vielen anderen Gebäuden, für die Katholische Gemeinde die Peter und Paul Kirche unterhalb des Galataturms.

Im Anschluss an den Besuch des Botschaftsviertels führte uns Adnan an einen Ort der neueren Geschichte, nämlich zu Orhan Pamuk´s “Museum der Unschuld”. Hier legten wir nur einen kurzen Fotostop ein. Es sei jedoch angemerkt, dass Orhan Pamuk als erster türkischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Vom Museum ging es weiter in Richtung Bosporus, was uns unweigerlich zum Tophane Platz führte. “Tophane” bedeutet soviel wie Kanonenhof und ist benannt nach einer dort angesiedelten Kanonengießerei, die Mehmet II. bauen ließ. Das jetzige Gebäude wurde um 1800 durch Selim III. umgestaltet. Die Gemäuer der Gießerei verkörpern das 1. Industriegebäude Istanbuls und werden heutzutage als Kulturzentrum genutzt.

In der Nähe des Platzes, in Richtung Bosporus blickend rechter Hand, befindet sich das Istanbuler Arbeitsamt, wo vor 50 Jahren die Auslandsvermittlungen von Gastarbeitern nach Deutschland  zentral getätigt wurden. Alle Gastarbeiteranwärter, egal aus welchem Teil der Türkei, mussten bei der Auslandsabteilung des türkischen Arbeitsamtes in Istanbul vorstellig werden. Eine eigens eingerichtete deutsche Vermittlungsstelle testete dort, ob die Bewerber beruflich qualifiziert und körperlich gesund waren und, ob sie lesen und schreiben konnten.

Am Tophane Platz  selbst, befindet sich das Gastarbeiterdenkmal aus Stein des Künstlers Muzaffer Ertoran. Die, ursprünglich, einen Arbeiter mit Werkzeug darstellende, Statue soll an die Zeit der Gastarbeiterströme ins Ausland erinnern. Leider ist das Denkmal in einem sehr schlechten Zustand und man kann nur vermuten, wie das Original aussah.

Den Platz verlassend, machten wir uns auf zum eigentlichen Höhepunkt unserer Führung, dem Besuch der Baklava Bäckerei Güllü in Karaköy. Zu diesem Zweck überquerten wir die Sahil Yolu und orientierten uns zur rechten Seite in Richtung “Karaköy Mumhane Caddesi No. 171”.

Im Hause “Karaköy Güllüoglu” bot sich für uns die einmalige Gelegenheit den Firmenchef Herrn Nadir Güllü kennenzulernen, sowie den Bäckern in den verschiedenen Backstuben über die Schulter zu schauen. Wir erfuhren, dass die Familie Güllü seit 200 Jahren Baklava herstellt und dass Herr Nadir Güllü seit mehr als 40 Jahren das Geschäft in Karaköy leitet. Die Geschäfts-, Produktions- und Verwaltungsstätte in Karaköy ist Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Wichtige Staatsmänner, Journalisten- und Fernsehteams, weltbekannte Bäcker und Köche, sowie viele andere Besucher waren hier schon zu Gast. An diesem Standort werden täglich über   eine Tonne Baklava hergestellt. 50 Bäcker, 50 Verkäufer und 10 Verwaltungsangestellte sorgen für einen reibungslosen Geschäftsablauf. Ein Baklava besteht aus 40, in Handarbeit hergestellten, hauchdünnen und meist mit Nüssen gefüllten, Teigschichten. Auch wir durften, in Gegenwart eines Fernsehteams von Star TV, in der Backstube Teig ausrollen, mit Mehl bestäuben und füllen. Anschließend hatten wir die Möglichkeit, an einem schön gedeckten Tisch und in Gesellschaft von Herrn Nadir, die Köstlichkeiten des Hauses zu probieren. Wir danken Herrn Nadir und seinem Team für dieses einmalige Erlebnis und seine großzügige Gastfreundschaft. Herr Nadir ist zweifelsohne der ungekrönte Baklavakönig von Istanbul.

Nach der Stärkung bei Karaköy Güllüoglu ging es ein Stück zurück, zur Kilic Ali Pasa Moschee. Diese wurde 1580 von Mimar Sinan, auf Wunsch von Kilic Ali Pasa, erbaut. Kilic Ali Pasa wurde in Kalabrien als Sohn italienischer Eltern geboren. Als Junge wurde er von Piraten entführt und verbrachte viele Jahre als Sklave auf einer Galeere. Er konvertierte zum Islam und stieg bis zum Großadmiral der osmanischen Flotte auf. Die Kilic Ali Pasa Moschee ähnelt der Hagia Sophia. Sie hat eine umlaufende Galerie und ein Kreuzgewölbe. Vielleicht war das der besondere Wunsch des Auftraggebers, der ja eigentlich Christ war? Sehr schöne Iznik Kacheln verzieren die Gebetsnische. Zur Moschee, die in den letzten Jahren aufwendig renoviert wurde, gehört auch ein kürzlich wiedereröffneter Hamam, eine Medresse und der Friedhof mit dem achteckigen Grabmal von Kilic Ali Pasa.

Außerhalb des Moscheenkomplexes steht der 1730 erbaute Tophane Brunnen, er ist der drittgrößte Brunnen Istanbuls. Von hier warfen wir noch einen Blick auf die Nusrethiye Moschee, die im 19. Jh. erbaut wurde.

Wir überquerten die Hauptstraße noch einmal und besuchten zum Abschluß das Tütün Deposu, eine Kunstgallerie, in der zur Zeit eine Ausstellung über Armenier in der Türkei vor hundert Jahren stattfindet. In den beiden oberen Etagen des Gebäudes werden Haushalts- und Einrichtungsgegenstände, Kirchenreliquien, sowie viele Fotodokumente  von Armeniern aus der damaligen Zeit gezeigt. Das Tütün Deposu ist ein ehemaliges Tabakdepot.

Vielen Dank an Adnan und das Organisationsteam für diese erlebnisreiche und informative Führung.

Elke Stolz und Beate Müller-Rohde

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