WEIHNACHTEN BEI DER GRIECHISCH-ORTHODOXEN GEMEINDE IN ISTANBUL

Irgendwie kann man es sich nicht recht vorstellen, dass am Dreikönigstag, also am 6. Januar, in der nun auch in Istanbul wirklich kalten Jahreszeit mutige Männer in die Fluten des Bosporus oder des Goldenen Horns springen. Meine Freundin hatte mir davon berichtet, wie sie im letzten Jahr in Ortaköy dem feuchtkalten Vergnügen beigewohnt hatte.

In diesem Jahr wollte ich selber dabei sein. Wir verabredeten uns und machten uns auf zum heutigen Sitz des Patriarchen der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Fatih. Dort war am späten Vormittag der Gottesdienst bereits in vollem Gange. Die gewöhnlich leere Georgskirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Hierher hatte sich die griechische Gemeinde 1453, im Jahr der Eroberung Konstantinopels, zurückziehen müssen, nachdem die Osmanen die mehr als tausend Jahre alte, ehemals größte christliche Kirche der Welt, die Hagia Sophia, zur islamischen Hauptmoschee gemacht hatten. Die Georgskirche wurde zum bescheidenen Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.

Seit 1991 ist Patriarch Bartholomäus I. der 270. Nachfolger des Apostels Andreas. Er residiert als Ober-haupt der orthodoxen Kirchen weltweit und ist damit in gewisser Weise das Pendant zum römischen Papst Franziskus, dem Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche. Im prunkvollen Ornat zelebrierte Patriarch Bartholomäus I. zusammen mit seinem Klerus und der griechisch-orthodoxen Gemeinde die diesjährige Weihnachtsmesse im großen In-nenraum der Georgskirche. Sonstige Besucher und neugierige Photographen durften respektvoll von außen zuschauen.

Während die Römisch-Katholische Kirche und die Kirchen der Reformation ihr Weihnachtsfest am 24./25. Dezember feiern, begeht die Griechisch-Orthodoxe Kirche ihr Weihnachtsfest am 6./7. Januar. Das liegt an den unterschiedlichen Kalendern, auf die sich die Kirchen beziehen. Die orthodoxe Kirche richtet sich immer noch nach dem unter Julius Cäsar eingeführten und ihm zu Ehren als „julianisch“ bezeichneten Kalender, der im Jahre 45 v. Chr. in Kraft getreten ist, während die römische Kirche unter Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 eine große Kalenderreform durchsetzte. Sie führte den sogenannten „Greogorianischen Kalender“ ein, der Basis unserer heutigen Zeitrechnung ist. Der 6. Januar ist gemäß dem Gregorianischen Kalender der Dreikönigstag, also der Tag, an dem die Heiligen Drei Könige durch den Stern von Bethlehem zu Jesus geführt wurden. Im Julianischen Kalender aber entspricht dieser Tag dem Weihnachtsfest anlässlich der Erscheinung Gottes, der Theophanie.

Nicht nur der Zeitpunkt des Weihnachtsfestes unterscheidet die Griechisch-Orthodoxe Kirche von den uns in Deutschland vertrauten katholischen und evangelischen Kirchen. In der Orthodoxen Kirche steht die Liturgie des Gottesdienstes im Zentrum des Glaubens und christlichen Lebens. Entsprechend lange dauern die Gottesdienste.

Wir hatten uns sagen lassen, dass der Weihnachtsgottesdienst drei Stunden dauern und um 11 Uhr beendet sein würde. Tatsächlich dauerte er dann aber bis 12 Uhr. War es die Zahl der Gläubigen, die an der abschließenden Abendmahls-feier teilnehmen wollte oder gab es andere Gründe? Wir wissen es nicht. Es hat uns aber auch nichts ausgemacht, denn die festliche Stimmung der Liturgiefeier vor der prunkvollen Ikonostase, die den Raum des Allerheiligsten vom Kircheninneren trennt, hat uns innehalten und die Hektik des Istanbuler Alltags vergessen lassen.

So wie es in Griechenland zum Brauch der Griechisch-Orthodoxen Kirche gehört, geht auch in Istanbul die Gemeinde nach dem Gottesdienst zu einem ortsnahen Gewässer, um der Geburt Christi mit der Kreuzweihe zu gedenken. Darauf waren wir natürlich besonders gespannt. Schon bei unserer Ankunft in Fatih hatten wir das kleine Podest am Ufer des Goldenen Horns gesehen, um das herum sich die Gemeinde und Schaulustige versammelt hatten, um dem Kreuz-Spektakel beizuwohnen.

Nachdem die Weihnachtszeremonie in der Georgskirche beendet war, formierte sich die Prozession in Richtung Goldenes Horn.

Patriarch Bartolomäus I. trug des Kreuz für die Große Wasserweihe. Ob die Autofahrer der Uferstraße in Fatih wohl wussten, warum der Verkehr angehalten wurde?

Jedenfalls ging dann auf einmal alles ganz schnell. Die Menschenmenge am Ufer und die schau-lustigen Photographen auf eigens gecharterten Schiffen warteten voller Spannung auf den Moment, in dem der Patriarch das Kreuz ins Wasser wirft. Denn das war das Kommando für die mutigen Schwimmer (inklusive einer Schwimmerin!) sich ins kalte Wasser zu stürzen, um möglichst als Erster das heilige Kreuz zu bergen. Ob der Schwimmer, der diesen sportlichen Wettkampf gewinnt, tatsächlich eine besondere Segnung erhält, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht hat sich eine solche Tradition im Laufe der Jahre in der hiesigen Welt herausgebildet. Als ich jedenfalls vor vielen Jahren der selben Kreuzweihung am Fluss Jordan im Heiligen Land beiwohnen durfte, gab es keine Schwimmer, sondern nur ein Kreuz und eine Taube. Die wurden aufs Wasser gelassen, um in einem Akt der Weihung symbolisch die gesamte Schöpfung zu segnen.

Sichtlich stolze Männer mit Gänsehaut und Christus-Tatoo präsentierten sich abschließend den erstaunten Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters: „With this action, we wish the world peace and tolerance“. Dem ist nichts hinzufügen.

Text und Fotos: Annette Fleck

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