Yaşar Kemal

Info-Mail des KulturForum Türkei/Deutschland
vom 5. März 2015

 Das KulturForum trauert um seinen Ehrenvorsitzenden Yașar Kemal


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde des KulturForum,

unser Ehrenvorsitzender, Freund, Begleiter, Vorbild und Vorausdenker Yaşar Kemal verstarb am 28. Februar 2015.

Zehntausende nahmen in Istanbul an einer Trauerfeier für den Dichter, Rebellen und Volkshelden teil, darunter Vertreter fast aller politischen Parteien, Würdenträger verschiedener Glaubensrichtungen, der ehemalige Staatspräsident Abdullah Gül und Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Sie nahmen Abschied von dem wohl ein-flussreichsten zeitgenössischen Schriftsteller der Türkei, der im Alter von 92 Jahren gestorben war – vor der Moschee in Teşvikiye, auf dem Friedhof in Zincirlikuyu und schließlich bei einer Trauerfeier mit hochkarätigen Gästen, darunter Zülfü Livaneli, Rakel Dink und Cem Özdemir, im überfüllten Lütfi-Kırdar-Saal, organisiert unter anderem vom KulturForum TürkeiDeutschland. Die türkische Presse berichtete ausführlich und mit großer Anerkennung über den türkisch-kurdischen Dichter und Friedenspreisträger – wie bereits seit dem Tod Kemals am 28. Februar 2015.
Der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass schrieb in der Cumhuriyet über seinen Freund und Dichterkollegen Yaşar Kemal. Kemal hatte sich sein Leben lang für eine Verständigung zwischen Türken und Kurden eingesetzt und für sein stets friedliches Engagement mehrere Gefängnisstrafen auf sich genommen.
Das KulturForum schließt sich der weltweiten Trauer um Yaşar Kemal an. Wir haben nicht nur einen verlässlichen Freund mit einem großen Herzen und einen herausragenden Literaten verloren. Über 20 Jahre lang teilte Yaşar Kemal sich zusammen mit Günter Grass den Ehrenvorsitz des KulturForum TürkeiDeutschland. Beide traten gemeinsam bei mehreren Veranstaltungen auf. 2010 folgte Grass einer Einladung Kemals nach Istanbul, die ihm nach eigenen Worten in unvergesslicher Erinnerung blieb.
Günter Grass hatte Kemal als einen Schriftsteller jenseits des Elfenbeinturms bezeichnet. In der Türkei war Yaşar Kemal nicht nur einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller, ein Magier der Sprache, sondern auch eine intellek-tuelle, moralische und politische Instanz. Trotz oder vielleicht aufgrund seiner multikulturellen Identität, aufgewachsen mit einem türkischen Vater und einer kurdischen Mutter, wirkte er immer auch versöhnend zwischen den Kulturen.

Das Büro des KulturForums auf der Niederichstraße in Köln war für Yaşar Kemal „sein Zuhause am Rhein“, wie er es nannte: „dicht am Wasser, wie am Bosporus.“ Als Freund und großer Dichter bleibt Yaşar Kemal uns in lebendiger Erinnerung.

KulturForum TürkeiDeutschland e.V.
Ehrenvors./Hon.Pres.: Günter Grass, Yaşar Kemal
D – 50668 Köln
www.das-kulturforum.de

“Wer meine Romane und Erzählungen liest, darf niemals Kriege wollen, soll vor Kriegen Abscheu empfinden und sich stets für Frieden und Brüderlichkeit einsetzen. Und er soll die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht ertragen können. Denn Armut ist die Schande der Menschheit. In keiner Gesellschaftsordnung darf es auch nur einen notleidenden Menschen geben. Die Scham über Armut muß aus ihren Herzen verbannt werden, und sie sollen denjenigen verfluchen, der das Wort vom »primitiven Menschen« erfunden hat. Denn primitive Menschen gibt es nicht, und so soll niemand dieses verfluchte Wort in den Mund nehmen. Kurzum, wer meine Bücher liest, soll auf der Seite des Guten stehen, denn Gott sei Dank werden in unseren Tagen, wenn auch nur nach und nach, die Wurzeln des Guten und des Bösen sichtbar. Damit will ich sagen, daß ich ein verpflichteter, ein »engagierter« Schriftsteller bin. Genauer gesagt: mir und meinem Wort verpflichtet.”
Yaşar Kemal in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1997

 

Yaşar Kemal: Leben und Werk

Yaşar Kemal, wahrscheinlich 1923 unter dem Namen Kemal Sadık Gökçeli geboren, war schon als Jugendlicher in seinem Heimatdorf Hemite, nordöstlich von Adana im Süden des Taurus-Gebirges, als Sänger und Dichter bekannt. Man nannte ihn „Aşık Kemal“ (Kemal der Barde). Als junger Erwachsener ging er zunächst nach Adana, schlug sich als Tagelöhner, Hirte und Wasserwächter auf den Reisfeldern durch, arbeitete als Vertretungslehrer in einer Dorfschule, als Briefeschreiber für Analphabeten vor der berühmten Neuen Moschee. Von Adana aus ging er nach Istanbul, wo er anfing, Reportagen über die ausbeuterischen Machenschaften der Ağas, der Grundbesitzer aus seiner Heimatregion, der Çukurova im Süden Anatoliens, zu schreiben, bevor er ein erfolgreicher Romanautor wurde.

Der Name Yaşar Kemal war ursprünglich ein Pseudonym, besser: ein Deckname, unter dem seine geradezu revolutionären Reportagen über die Benachteiligten in der türkischen Gesellschaft in der Tageszeitung „Cumhuriyet“ erschienen.
Kemal selbst bezeichnete sich als einen Schriftsteller in der Tradition des Volkes: „So wie das Fleisch nicht vom Knochen, soll meine Kunst nicht vom Volk getrennt werden.“ Wobei die Tradition seines Volkes in der Çukurova und damit auch die literarische Tradition dieser Menschen, von Aufständen und Hinrichtungen, Krieg und Verfolgungen geprägt ist. Das Dorf, in dem Yaşar Kemal zur Welt kam, wurde von Flüchtlingen eines niedergeschlagenen Aufstands gegründet. Während seiner Kindheit sangen die Dörfler weiter die Lieder dieses Aufstandes. Die Lieder und Geschichten waren ihre Waffen, ihr Mittel zum Überleben. In diesem Sinne sei die Literatur dieser Menschen politisch zu verstehen – genährt von den Erinnerungen, Hoffnungen und Ängsten der Bevölkerung, und damit auch in der Fiktion ein Stück des wirklichen Lebens.

„Yaşar Kemal steht in der langen Tradition der großen Epiker von Homer bis Cervantes, hat sich an Dostojewski, Tolstoi und Tschechow, an Stendhal, Flaubert und Faulkner orientiert. Doch er ist mit keinem anderen modernen Romancier vergleichbar“, schrieb die Süd-deutsche Zeitung 1994. Kemals bekanntester Roman „Memed mein Falke“ wurde in über 40 Sprachen über-setzt. 1996 wurde der Dokumentarfilm „Sänger und Chronist seines Landes: Yaşar Kemal“ (ARTE/WDR, Regie Osman Okkan) ausgestrahlt.

1997 erhielt Yaşar Kemal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; die Laudatio hielt Günter Grass. Mit Grass teilte Kemal zugleich den Ehrenvorsitz des KulturForums seit seiner Gründung 1993.

Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde Kemal 2008 der Kulturpreis des damaligen türkischen Staats-präsidenten Abdullah Gül verliehen. Kemal erklärte zu diesem Anlass: „Dass mir dieser Preis zugesprochen wird, möchte ich als Zeichen dafür sehen, dass politische Standfestigkeit und der Kampf für Frieden und Menschen-rechte nicht länger ein Grund zur Aus-grenzung sind und dass sich allmählich ein Weg zum Frieden in unserer Gesellschaft öffnet.“

Mit Günter Grass verband ihn auch die Überzeugung, als Literaten eine politische Verantwortung zu tragen. Bei einem Zusammentreffen mit dem Nobelpreisträger Grass 2009 in Berlin sagte Kemal: „Kürzlich fragte mich Günter Grass: ‚Was machen Sie mit so vielen Feinden?‘ Und ich habe gesagt: Mit diesen Feinden wird man leben müssen. Denn jeder Schriftsteller, der sich politisch engagiert, hat Feinde. Es ist aber für uns ein Bekenntnis zu unserem Gewissen, und die Schriftsteller, die ein politisches Gewissen haben, sind diejenigen, die ihre Epoche überleben und neue Epochen einleiten.“

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